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02.12.2011

09:11 Uhr

Thyssen

Der Stahlkonzern und sein Milliardengrab

VonMartin Murphy

Es sieht weiter schlecht aus: Thyssen-Krupp bekommt seine Probleme im brasilianischen Stahlwerk einfach nicht in den Griff. Das einstige Vorzeigeprojekt hat sich mittlerweile zum Milliardengrab entwickelt.

Beim Abstich wird der Himmel über dem Hüttenwerk Krupp Mannesmann (HWK) in Duisburg von hellem Feuerschein erleuchtet. dpa

Beim Abstich wird der Himmel über dem Hüttenwerk Krupp Mannesmann (HWK) in Duisburg von hellem Feuerschein erleuchtet.

FrankfurtDie Stahlmanager von Thyssen-Krupp waren stolz, die Probleme mit dem Stahlwerk in Brasilien in den Griff bekommen zu haben. So stolz, dass sie Investoren und Analysten Mitte Oktober nach Rio de Janeiro einluden, die illustre Gruppe über das Werksgelände führten - und mutige Zukunftsprognosen wagten.

Die Produktion im 5,2 Milliarden Euro teuren Stahlwerk funktioniere einwandfrei, selbst die Anfangsschwierigkeiten bei der Kokerei bekomme Thyssen-Krupp in den Griff, verkündete Hans Fischer, Spartenvorstand fürs amerikanische Stahlgeschäft. Fischers Auftritt überzeugte die Investoren: Alles läuft nach Plan, vor allem die Kokerei, wie Stahlanalyst Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank anschließend berichtete.

Das Leben des Berthold Beitz

Eine Verbeugung

Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.

Geburt in Pommern

Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.

Sonnige Jahre der Schulzeit

Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.

Banker statt Arzt

Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.

Das Leben genießen

Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.

Die unbeschwerte Zeit ist vorüber

1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.

Wechsel in die Industrie

Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.

Die große Liebe

Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Auf der heutigen Aufsichtsratssitzung werden die Mitglieder des Gremiums allerdings andere Informationen erhalten. Das Prestigeprojekt hat sich wegen schwerer baulicher Mängel zum Milliardengrab entwickelt. Die Stühle von Bereichsvorstand Fischer sowie die weiterer für das Projekt zuständiger Manager wackeln, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Fischer habe die Probleme nicht im Griff, hieß es.

Zwar soll die Kokerei, ein Kernstück des hochmodernen, integrierten Stahlwerks, wie geplant im Frühjahr in Betrieb gehen. Doch nach wie vor greifen die einzelnen Werksteile des Großprojekts nicht ineinander. Neben der Kokskohle, die für die Stahlproduktion benötigt wird, soll in der Kokerei Gas zur Stromgewinnung im werkseigenen Kraftwerk produziert werden. Die Energie braucht Thyssen-Krupp teilweise für den Betrieb der Hütte, rund die Hälfte wird extern verkauft. Auf dieses lukrative Zusatzgeschäft muss der Konzern nun verzichten. Den Schaden beziffern Branchenkenner auf über eine halbe Milliarde Euro.

Kommentare (4)

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harryzwo

02.12.2011, 09:42 Uhr

..irgendwie überkommt mich ein Gefühl der 'Schadenfreude'
wenn ich lese,das einem chinesischen branchenUNerfahrenen!
( aber BILLIGEREN, sic! ) Konkurrent der Vorzug vor einer
konzerneigenen(!) Tochter gegegeben wurde. Idealerweise
auch noch mit kostenlosem Know-How-Transfer an die
Chinesen. Wie blöd + geldgeil müssen Deutschlands
Manager denn noch sein?

svebes

02.12.2011, 09:48 Uhr

Manager vom Feinsten. Billig einkaufen wollen und dann doppelt zahlen. Eine Chinesische Firma die sowas noch nie gebaut hat - ja super. Grundkurs eins, Kapitel eins - das ist Pfui, tut man nicht, ist Geld rausgeschmissen. Quasi unfassbar. Schade das es noch keine private Managerhaftung gibt. Deren Gewinnbeteiligungen wurden sicher nicht sozialisiert, vermutlich müssen wir jetzt aber die negativen Resultate sozialisieren. Wenns nur ums Geld geht vertretbar - aber da hängen auch menschliche Schicksale dran. Vermutlich müssen dafür wieder viele gute Arbeiter auf die Strasse. Obernieten in Nadelstreifen, die nach goldenem Handschlag in der nächsten Firma Arbeitsplätze vernichten dürfen.

burner

02.12.2011, 10:49 Uhr

Es zeigt sich mal wieder, dass Deutschland als Standort doch nicht so schlecht sein kann, wie uns das oft vorgebetet wurde.

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