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13.07.2013

14:37 Uhr

Thyssen-Krupp braucht Geld

Ein Konzern sucht den Befreiungsschlag

Lösungen dringend gesucht bei Thyssen-Krupp. Seit Wochen reißen die Spekulationen nicht ab. Der Konzern braucht dringend Geld. Als mögliche Retterin in der Not wird die RAG-Stiftung heiß gehandelt.

Die Unternehmenszentrale der Thyssen-Krupp AG: Der deutsche Industriekonzern braucht dringend Geld. dapd

Die Unternehmenszentrale der Thyssen-Krupp AG: Der deutsche Industriekonzern braucht dringend Geld.

EssenUnruhige Zeiten beim hoch verschuldeten Industriekonzern Thyssen-Krupp: Der künftige Kurs des Essener Traditionsunternehmens erscheint ungewisser denn je. Der größte deutsche Stahlhersteller braucht dringend Geld - wie viel ist ungewiss.

Alles hängt vom geplanten Verkauf der Stahlwerke in Brasilien und den USA ab. Wie viel Geld bringt das in die leere Kasse? Außerdem braucht das Unternehmen einen Durchbruch bei der Abwicklung der zahlreichen Kartellfälle. Je länger Lösungen auf sich warten lassen, desto mehr steigt der Druck auch auf Vorstandschef Heinrich Hiesinger. Spekulationen haben Hochkonjunktur.

Die Zeit drängt. Das Eigenkapital ist zuletzt stark geschrumpft – auf nur noch 9,5 Prozent Ende März. „Das ist der mit Abstand niedrigste Wert unter den Unternehmen, die im Dax vertreten sind“, schrieb Hiesinger damals den Mitarbeitern.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Besonders bedrohlich: das Verhältnis der Nettofinanzschulden zum Eigenkapital liegt mittlerweile nahe an der Marke von 150 Prozent, ab der Banken einige milliardenschwere Kreditverträge kündigen können. Thyssen-Krupp-Sprecher geben sich bei dieser Frage bislang noch betont gelassen. Sie verweisen darauf, dass bei einem Überschreiten die Kündigung keineswegs ein Automatismus sei.

Eine Kapitalerhöhung könnte helfen, die Löcher zu stopfen. Thyssen-Krupp schließt einen solchen Schritt inzwischen nicht mehr aus. Doch dabei könnte die klamme Krupp-Stiftung um den 99 Jahre alten Stiftungschef Berthold Beitz als Haupteigentümerin aller Voraussicht nach nicht mitziehen. Sie hält mit 25,3 Prozent der Anteile bislang eine Sperrminorität, die den Konzern vor Übernahmen schützt. Sollte diese Hürde wegfallen, befürchten viele, dass Hedgefonds den Traditionskonzern in seine Einzelteile zerlegen könnten.

Als Retterin in der Not wird in diesen Tagen die RAG-Stiftung heiß gehandelt. Zwar versichern alle Seiten unablässig, dass es bislang gar keine Gespräche zu diesem Thema gegeben habe. Allerdings zeigte Stiftungschef Werner Müller bei einem Besuch der Düsseldorfer SPD-Fraktion in dieser Woche auch keine Berührungsängste. Ein solches Engagement sei mit der Satzung der Stiftung durchaus vereinbar, ließ er die um Thyssen-Krupp besorgten Landespolitiker wissen. Die unbestätigten Spekulationen rund ums Thema reichen von einer Beteiligung bis zu einer Geldspritze per Darlehen.

Kommentare (5)

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Ludwig500

13.07.2013, 14:57 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Groessenwahn

13.07.2013, 18:22 Uhr

T-K ist nicht das einzigste und nicht letztes Unternehmen dass vor lauter Größenwahn im Ausland kauft und später mit leeren Taschen da steht. Ob Autoindustrie oder Versorger alles eine Chose.
Wer Hoch steigt der bekanntlich Tief fällt. Es trifft mehr als man denkt.

JFS

13.07.2013, 19:11 Uhr

Sepetipa Steel Plant in Rio de Janeiro ist ein herausragendes Bsp für das Missmanagement bei Tk. TK lag ein Turnkey Angebot zum Bau der Anlage vor für rund 3,5 Mrd €. Das Top Mangement war der Meinung das geht auch billiger (unter 2 Mrd €) und die Aufträge in Einzellosen vergeben. Nur die Schnittstellen etc. hatte Tk nicht bedacht. Das Schnittstellen engineering wurde dann sogar noch an eine Firma vergeben, welche bereits erheblich an den Leistungen der Einzellose beteiligt war. So konnte man sich am Ende die Nachträge auch noch selbst bestätigen. Einfach genial.

So kam es das das ganze Werk rund 5,4 Mrd. € kostete. Korruption und Mißmanagement führten dazu.

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