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07.12.2011

12:22 Uhr

Thyssen-Krupp

Die Stunde des Patriarchen

In der schwersten Krise meldet sich der 98-jährige Patriarch zurück: Um Schaden von Thyssen-Krupp abzuwenden, bewegt Berthold Beitz den 70-jährigen Ex-Chef Ekkehard Schulz zum Rückzug von allen Ämtern.

Zeit abgelaufen: Ekkehard Schulz und Berthold Beitz. dpa

Zeit abgelaufen: Ekkehard Schulz und Berthold Beitz.

FrankfurtDer Firmenpatriarch hat noch einmal durchgegriffen: Offenbar hat der einflussreiche Kuratoriumsvorsitzende Berthold Beitz den ehemaligen Vorstandschef von Thyssen-Krupp, Ekkehard Schulz (70), zum Rückzug von seinen Mandaten bewegt. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, hatte erst kürzlich ein Gespräch zwischen Schulz und dem 98-jährigen Vorsitzenden des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung stattgefunden. Um die schlechten Presseberichte der vergangenen Monate zu beenden, habe Beitz ihm geraten, „seine Rolle zu überdenken.“

Offensichtlich war der Kuratoriumsvorsitzende in Sorge um das Erbe des Traditionskonzerns. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn persönlich sehr schätze, dass ich mich aber vor allem Alfried Krupp verpflichtet fühle“, zitiert die FAZ Berthold Beitz.

Das Leben des Berthold Beitz

Eine Verbeugung

Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.

Geburt in Pommern

Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.

Sonnige Jahre der Schulzeit

Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.

Banker statt Arzt

Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.

Das Leben genießen

Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.

Die unbeschwerte Zeit ist vorüber

1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.

Wechsel in die Industrie

Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.

Die große Liebe

Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Wie das Unternehmen heute Vormittag mitteilte, zieht Ekkehard Schulz sich von seinen Mandaten beim Stahlkonzern zurück. „Mit diesem Schritt möchte ich die öffentliche Diskussion um meine Person im Zusammenhang mit den Investitionen bei ThyssenKrupp Steel Americas beenden“, begründete Schulz den Schritt. Seinen Posten im Aufsichtsrat wird er zum 31. Dezember dieses Jahres niederlegen, den Sitz im Kuratorium noch heute. Damit übernimmt er die politische Verantwortung für die Großinvestitionen in Amerika. Er sei sich beruflich aber keiner Fehler bewusst, sagte er der FAZ. Schulz hatte Thyssen-Krupp als Konzernchef von 1999 bis Januar 2011 geführt und ging danach in den Aufsichtsrat. Als neues Mitglied des Stiftungskuratoriums rückt NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) auf. Zusammen mit Kraft soll die Rektorin der Technischen Universität Dortmund, Ursula Gather, neu in das Gremium einziehen.

Offizielle Stellungnahme: Der Rückzug des Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Ekkehard D. Schulz

Offizielle Stellungnahme

Der Rückzug des Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Ekkehard D. Schulz

Die Mitteilung von Thyssen-Krupp fiel knapp aus: Handelsblatt Online dokumentiert sie im Wortlaut.

Im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 musste Thyssen-Krupp 2,9 Milliarden Euro abschreiben - vor allem wegen Problemen mit neuen Stahlwerken in den USA und Brasilien. Schulz' Nachfolger auf dem Konzernchefsessel, Heinrich Hiesinger, gab einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro nach einem Gewinn von 927 Millionen Euro im Vorjahr bekannt. Unter der Führung von Schulz waren die Kosten für die beiden neuen Stahlwerke in den USA und Brasilien auf rund zehn Milliarden Euro explodiert.

Vor allem das Projekt in Brasilien ist nicht nur ein Milliardengrab, es ist auch ein Karrierekiller. In den vergangenen fünf Jahren haben sich zwei Generationen von Managern an dem Großprojekt abgearbeitet - und sind gescheitert. Im März 2009 mussten die Vorstände Jürgen Fechter und Karl-Ulrich Köhler gehen. Am vergangenen Freitag traf es dann die nächste Führungskraft: Hans Fischer muss nach nur einem Jahr seinen Posten als Bereichsvorstand für das amerikanische Stahlgeschäft räumen. Allen drei Managern werden Fehler beim Bau und Hochfahren des Stahlwerks in Brasilien angelastet, die die milliardenteuren Mehrausgaben nach sich zogen, unter denen der Industriekonzern heute leidet.

Das Leben des Berthold Beitz: Teil 2

Der Soldat Berthold Beitz

Zur Freude des Vaters absolviert Berthold Beitz von 1937 bis 1939 Wehrübungen. Als die Wehrpflicht 1935 eingeführt wurde, war er schon zu alt. Die Übungen sind für ihn keine große Last, er gehört zu den besten Schützen. Im Frühjahr 1939 wird er Feldwebel der Reserve und Offiziersanwärter. Beitz hat sich um einen Offiziersrang nicht deshalb beworben, weil es sei Ziel war, sondern um nicht in die SA oder SS eintreten zu müssen.

Als der Krieg beginnt

Als Deutschland am 1. September 1939 in Polen einfällt, hat Beitz Glück: Sein Regiment hat keine Offizierstelle frei. Er bekommt das Angebot, als Vertreter von Shell nach Polen zu gehen, um dort die Ölindustrie aufzubauen. Zögernd sagt er zu. Beitz erscheint diese Aufgabe sehr viel attraktiver als die des Soldaten, aber dafür muss er eine Zeit lang von Else getrennt leben.

Privates Glück und Unglück

In den ersten Monaten leidet Berthold Beitz sehr darunter, wohl wissend, dass seine Freundin schwanger ist. So reist er im Dezember 1939 zurück nach Hamburg und macht ihr einen Heiratsantrag. Die beiden werden einen Tag vor Sylvester getraut. Im April bringt Else Zwillinge zur Welt. Die zarte Ingrid verstirbt wenige Wochen später an einer Lungenentzündung, aber Barbara geht es gut. Später wird Berthold leitender Angestellter und es gelingt ihm, die Familie nachzuholen.

Erste Begegnung mit dem Schrecken

Als Hitler im Juni den Pakt der Tyrannen bricht und Russland angreift, soll Beitz wenig später auch den Weg gen Osten antreten und die Ölindustrie vor Ort auf Vordermann bringen. Hier in Boryslaw bekommt er einen Eindruck von der Brutalität, mit der das jüdische Volk behandelt wurde. Es sind Szenen des Grauens, auf die ihn nichts vorbereitet hat.

Die Unterworfenen sind Menschen

Beitz ist mit 27 Jahren für 13.000 Arbeiter verantwortlich. Und er versucht vom ersten Tag an, sie möglichst menschlich zu behandeln und sorgt für ausreichend Ernährung. Doch die Maßnahmen der Wehrmacht und SS sind grausam. Allein bis Anfang 1942 sterben in Boryslaw rund 3000 Juden. Die Übrigen vegetieren unter schrecklichen Umständen dahin. Beitz stellt möglichst viele von ihnen bei sich in der Firma ein und versucht so, sie zu retten.

Ärger mit der Gestapo

Obwohl Beitz geschickt und vorsichtig vorgeht, gerät er ins Blickfeld der Gestapo. Ende 1942 bekommt er eine Vorladung und muss nach Breslau. Es scheint eine Reise ohne Wiederkehr zu sein. Doch plötzlich steht Karl-Heinz Brecht vor ihm, der Schulfreund aus Kindertagen. Der Gestapo-Mann zerknüllt das belastende Papier und steckt Beitz proforma drei Tage in eine Zelle. Als Beitz nach Boryslaw zurückkommt, hat er aufgrund des „Wunders“ den Nimbus weg, dass er allerbeste Beziehungen nach „ganz oben“ haben muss. Beitz wird sich später bei Bendt umfangreich bedanken und ihn bei Krupp einstellen.

„Wie Gott persönlich“

Beitz rettet weiterhin Juden und spielt sein gefährliches Spiel weiter. Ein Mädchen wird nach dem Krieg schreiben „Er war wie Gott persönlich!“. Doch Beitz meinte stets: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, Herr über Leben und Tod zu sein. Ich war nicht der liebe Gott.“ Im Laufe des Jahres 1943 werden seine Spielräume immer enger, er wird isoliert.

Schüsse auf Berthold Beitz

Doch die Gefahr lauerte in Boryslaw auch von anderer Seite. Bei einem Waldspaziergang mit seiner Frau schossen Unbekannte auf ihn. Beitz hatte eine Pistole bei sich und feuerte zurück. Im Nachhinein stellte es sich als Missverständnis heraus. Denn die Täter waren polnische Untergrundkämpfer. Zu denen hatte Beitz gute Beziehungen und konnte so fortan unbeschwert Waldspaziergänge machen.

Kooperation mit dem SS-Mann

Bei seiner Rettungsaktion bekam Beitz Hilfe von einem SS-Mann namens Friedrich Hildebrand, bei dem sich das schlechte Gewissen wecken ließ. Mit dessen Autorität ließen sich wieder Dinge bewegen und Menschenleben retten. Er brachte mehr als 1200 Juden als echte oder angebliche Rüstungsarbeiter durch das fürchterliche Jahr 1943. Wie viele Menschenleben Beitz tatsächlich retten konnte, bleibt aber ungewiss. Vor allem, weil er 1944 an die Fronst muss.

Wechsel an die Front

Im März 1944 ist der Mangel an kampffähigen Männern an der Ostfront so groß, dass auch Industrielle wie Beitz an die Front müssen. „Heldenklau“ nannte des der Volksmund damals. Als der Feldwebel der Reserve die Nachricht bekommt, rät er den Juden nur: „Haut ab in die Wälder!“ Dort waren Höhlen und geheime Bunker bereits angelegt.

Flucht über die Oder

Berthold Beitz muss im Januar 1945 an die Ostfront und wird gefangen genommen. Gemeinsam mit einem Kameraden kann er fliehen und sich Richtung Westen bis zur Oder durchschlagen. Deren Westufer wird zu dem Zeitpunkt noch von der Wehrmacht gehalten. Die beiden rutschen über den gefrorenen Fluss und retten ihr Leben.

Das Kriegsende

Der verwundete Beitz wird nach Berlin gebracht, muss kaum genesen aber wieder Abschied von Frau und Kind nehmen und wieder an die Front. Doch er hat Glück und „darf“ in den Süden verlegt werden. Sein Kommandant zeigt zudem einen Rest von Menschlichkeit, als er Beitz nicht bestraft, als dieser sich weigert, einen Fahnenflüchtling zu erschießen. Am 15. April 1945 darf er heimgehen und strandet auf dem Weg bei Verwandten in Weimar. Von dort aus schlägt sich Beitz ins zerstörte Hamburg durch.

Fischer trägt wie Köhler und Fechter Schuld an der Misere in Übersee, aber nur zum Teil. Geplant und durch die Entscheidungsgremien geschleust wurden die neuen Werke in Brasilien und den USA vom früheren Vorstandschef Ekkehard Schulz und seinem Intimus Ulrich Middelmann. Oberster Kontrolleur war Aufsichtsratschef Gerhard Cromme.

Kommentare (9)

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Domenq

07.12.2011, 10:03 Uhr

Freut mich ja fast für die hiesigen Mitarbeiter; ist wohl doch nicht alles schlecht in Europa...

svebes

07.12.2011, 11:04 Uhr

Tja, den Handschlag den der bekommt, bekäme ich auch gern. Die Millionen auf dem privaten Konto, die bald Arbeitslosen auf dem nicht vorhandenen Gewissen - damit können diese Nieten in Nadelstreifen gut umgehen. Wo bleibt da die Managerhaftung? Wäre wenigstens ein Zeichen des guten Willens, wenn diese ganzen machtverblendeten AG-Chefs dann auch mal zahlen müssten. Aber wetten, dass der weiterhin auf höchstem Niveau Hände schüttelt und seine Hand aufhält.

Eurobonds

07.12.2011, 11:39 Uhr

Wenn der Euro weiter fällt , so wie es die deutschen Regierung will , sehen wir in den Auslandsprojekten bei der Finanzierung enorme probleme . Bedanken sie sich bei der Fr. Merkel und ihrer Politik .

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