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17.01.2014

21:39 Uhr

Thyssen-Krupp

Hiesinger und die „bleischwere“ Vergangenheit

Nach den Milliardenverlusten der vergangenen Jahre ist der von Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger angestoßene Konzernumbau noch nicht am Ziel. Er bittet die Aktionäre um Geduld – und erntet Zustimmung.

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger: Misslungene Investitionen in das Stahlgeschäft in Übersee belasten die Bilanz. dpa

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger: Misslungene Investitionen in das Stahlgeschäft in Übersee belasten die Bilanz.

BochumDer angeschlagene Industriekonzern Thyssen-Krupp leidet nach Einschätzung von Vorstandschef Heinrich Hiesinger weiter massiv unter Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit. Bis heute lasteten die misslungenen Investitionen in das Stahlgeschäft in Übersee „bleischwer“ auf dem Konzern, räumte der Manager am Freitag bei der Hauptversammlung in Bochum ein. Trotz Rückschlägen sei der Umbau aber auf einem guten Weg, sagte der Konzernchef.

Nach einem weiteren Verlust von 1,5 Milliarden Euro im zurückliegenden Geschäftsjahr 2012/2013 (30.9.) sollen die Anteilseigner zum zweiten Mal in Folge auf eine Dividende verzichten. „Wir müssen und wir werden Thyssen-Krupp wieder zu einem erfolgreichen Unternehmen machen, das kontinuierlich Gewinne erwirtschaftet“, kündigte der Manager an.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Hiesinger verwies etwa auf die auf 5 Milliarden Euro gesenkten Nettoschulden. Zudem habe der Konzern erstmals seit sechs Jahren wieder mehr Geld eingenommen als ausgegeben. Im laufenden Jahr will sich Thyssen-Krupp nach eigenen Angaben wieder in Richtung eines ausgeglichenen Ergebnisses bewegen.

„Die Lage bei Thyssen-Krupp ist nicht sonderlich stabil“, stellte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) fest. Vor allem der gescheiterte Verkauf des Krisen-Stahlwerks in Brasilien hänge wie ein „Damoklesschwert“ über dem Unternehmen.

Der Konzern ist nach fehlgeschlagenen Milliarden-Investitionen in neue Stahlwerke in Übersee und mehreren Kartellskandalen in Schieflage. In den vergangenen drei Geschäftsjahren fielen jeweils Verluste in Milliardenhöhe an. Die Eigenkapitalquote ist bedrohlich gesunken. Zudem muss der Konzern den längst perfekt geglaubten Verkauf seiner Edelstahltochter Inoxum zum Teil rückabwickeln. Auch der angekündigte Verkauf des Stahlwerks in Brasilien gelang nicht.

„Wer nicht nur auf den Jahresfehlbetrag schaut, sondern alle wichtigen operativen Kennzahlen des Unternehmens im Blick hat, der wird feststellen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und messbare Erfolge erzielt haben“, sagte Hiesinger. Die Umsetzung könne jedoch nur in mehreren Schritten erreicht werden und hinterlasse Spuren in den Finanzkennzahlen. Das Unternehmen stecke mitten im größten Konzernumbau seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999.

Kommentare (1)

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Realsatire

20.01.2014, 08:28 Uhr

Da ist jahrelang gepfuscht und gemurkst geworden - und nun erwartet alle Welt, dass der Vorstandsvorsitzende die Folgen der jahrelangen Misswirtschaft in Monaten korrigiert. Die Berichterstattung in vielen Medien ist unpräzise, Zahlen werden missverständlich berichtet und interpretiert. Ich wünsche Dr. Hiesinger, dass er endlich mal ohne diese ständige, häufig unqualifizierte Berichterstattung seinen Weg gehen kann. Ich halte ihn - auch aus eigenem Erleben - für einen der fähigsten Unternehmenslenker, den wir zur Zeit in den Dax-Konzernen haben. Aber auch dieser kann weder zaubern noch die Zeit zurückdrehen, um kapitale Managementfehler zu eliminieren. Und den zahlreichen Besserwissern lege ich nahe, sich in eine solche Situation zu begeben und zu beweisen, dass sie befähigt sind, derartige Mißstände NACHHALTIG zu bereinigen. Als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens weiß ich, wovon ich rede.

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