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16.01.2014

08:07 Uhr

Thyssen-Krupp

Union Invest gegen Obermann als Aufsichtsrat

ExklusivEs regt sich Widerstand gegen die Berufung René Obermanns in den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp. Union Investment stellt sich vor der Hauptversammlung des Konzerns dagegen – Obermann fehle die Expertise.

Der buchstäblich leere Stuhl von Ex-Telekom-Chef René Obermann: Union Investment stellt sich gegen den Wechsel zu Thyssen-Krupp. dpa

Der buchstäblich leere Stuhl von Ex-Telekom-Chef René Obermann: Union Investment stellt sich gegen den Wechsel zu Thyssen-Krupp.

FrankfurtDie Wahl des ehemaligen Telekomchefs René Obermann in den Aufsichtsrat des angeschlagenen Industriekonzerns Thyssen-Krupp stößt auf Widerstand. Die große deutsche Fondsgesellschaft Union Investment will am Freitag auf der Hauptversammlung dagegen stimmen. „Herr Obermann ist fachlich der falsche Mann. Thyssen Krupp braucht mehr Industrieexpertise im Aufsichtsrat“, begründet Fondsmanager Ingo Speich die Entscheidung von Union Investment gegenüber dem Handelsblatt.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Obermann war bereits im Herbst in den Aufsichtsrat eingerückt nachdem die Wissenschaftlerin und ehemalige Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro ihr Mandat niedergelegt hatte. Jetzt müssen die Aktionäre Obermanns Berufung bestätigen. Obermann war zum Jahresende bei der Deutschen Telekom ausgeschieden und leitet nun die niederländische Breitbandfirma Ziggo.

Neben Obermann soll auf der Hauptversammlung noch über eine weitere Personalie entschieden werden: Erstmals in der Geschichte von Thyssen-Krupp soll eine Frau den Vize-Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen. Die Arbeitnehmervertreter hätten sich darauf verständigt, dass Sabine Maaßen von der Gewerkschaft IG Metall den Posten ausfüllen soll, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfahren hat. Sie soll im Anschluss an die Hauptversammlung des Ruhrkonzerns gewählt werden, die am Freitag in Bochum stattfindet.

Maaßen war im Dezember zur Leiterin des Justiziariats der IG Metall benannt worden. Die 47-Jährige sei neben Thyssen-Krupp bei Daimler im Kontrollgremium und habe damit ausreichend Erfahrungen für die neue Funktion, hieß es in Arbeitnehmerkreisen. Als Vize-Chefin ist die 47-Jährige nicht nur erste Vertreterin der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Ihr fällt auch die Rolle zu, bei Konflikten Kompromisse mit dem Management auszuarbeiten.

Die zweifache Mutter übernimmt ihr neues Amt bei Thyssen-Krupp von Bertin Eichler, der das Amt hatte niederlegen müssen, nachdem seine Reisen in der Ersten Klasse auf Kosten von Thyssen-Krupp bekannt geworden waren. Thyssen-Krupp wie auch die IG Metall lehnten einen Kommentar zu der geplanten Personalie ab.

Den kompletten Artikel und weitere Hintergründe lesen Sie im Kaufhaus der Weltwirtschaft...

Von

mur

Kommentare (4)

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Schelm

16.01.2014, 09:13 Uhr

Wo kämen wir denn da hin, wenn in Aufsichtsräten von DAX-Konzernen Menschen mit Expertise sitzen würden.
Nicht dass ich den Vorschlag von Union Investment nicht mittragen würde. Ich würde mich sogar sehr freuen, wenn sie das durchziehen könnten.
Nur allein mir fehlt der Glaube. Die gesamte Vorstandschaft der DAX-Konzerne ist ein korrupter, in sich verschlossener Haufen, die sich immer gegenseitig die Aufsichtsratpöstchen zuschanzen. Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus.

In diesem Sinne: Viel Glück Union Investment bei eurem aussichtslosen Aufstand! Macht doch auch bei den anderen DAX-Konzernen Druck!

kfvk

16.01.2014, 09:45 Uhr

Stimmt -- oft genug kann man sich leider fragen: "Warum der und nicht ich?". Mit Nichtwissen im speziellen Fall könnte man oft locker mithalten ...

wilan

16.01.2014, 09:59 Uhr

Entscheidend ist weniger ob der CEO diese oder jene Spezialkompetenz hat.
Wichtig ist, dass der CEO die richtigen Leute in kritischen Schlüsselpositionen setzt.
Dass er dazu zügig eine schlagkräftige Organisation schafft, die eine sowohl wirtschaftliche als auch technologische gute Entwicklung ermöglicht. Dies zeigt sich in einer konstruktiven Zusammenarbeit aller Ebenen und resultiert in immer besseren Entscheidungen und Ergebnissen. Dies ist dann eine nachhaltig positive Entwicklung des Unternehmens.
Wilhelm Lange

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