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30.08.2013

12:02 Uhr

Thyssens Brasilien-Werk

Hiesinger droht neues Ungemach

Pleiten, Pech und Pannen: Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger drohen beim Verkaufsprozess der Stahlwerke in Brasilien neue Schwierigkeiten. Einer der Hauptinteressenten setzt den Stahlkonzern unter Druck.

Heinrich Hiesinger droht neues Ungemach beim Verkauf der verlustreichen Stahlwerke in Übersee. dpa

Heinrich Hiesinger droht neues Ungemach beim Verkauf der verlustreichen Stahlwerke in Übersee.

Rio de JaneiroThyssenKrupp drohen in dem stockenden Verkaufsprozess der Übersee-Stahlwerke neue Schwierigkeiten. Der brasilianische Stahlkonzern CSN wolle das Werk in Brasilien nicht übernehmen, wenn er nicht die Anlage in den USA dazu bekomme, sagte eine mit der Situation vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. CSN treibe die Verhandlungen für einen Erwerb der Übersee-Werke zwar voran. "Ohne die Anlage in Alabama ist CSN aber nicht an dem Deal interessiert." Damit nimmt der Druck auf ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger wenige Wochen vor Ablauf des Geschäftsjahres weiter zu.

CSN gilt seit Monaten als Favorit für den Kauf der Werke, die ThyssenKrupp Milliardenverluste eingebracht haben. Die Brasilianer wollten sich zu den Informationen nicht äußern. ThyssenKrupp verwies auf Aussagen, die Hiesinger Mitte des Monats bei der Vorlage der Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2012/13(per Ende September) gemacht hatte. Danach ist das Unternehmen in fortgeschrittenen Verhandlungen mit einem führenden Bieter. Es gebe auch Gespräche mit weiteren Interessenten, der Konzern peile einen zeitnahen Abschluss an.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Doch Hiesinger hatte in einer Telefonkonferenz auch deutlich gemacht, dass seine Geduld nicht endlos ist. Verhandlungen seien solange sinnvoll, wie es bei diesen Fortschritte in Richtung eines Abschlusses gebe. So lange sei ThyssenKrupp bereit, Zeit in die Gespräche zu investieren. Von einem Plan B will der Konzern aber auch nicht sprechen. Zwar dürfte in Brasilien die zuletzt gefallene Landeswährung Real für etwas Entlastung gesorgt haben - die vorherige Aufwertung der Währung hatte mit dazu beigetragen, dass das Konzept scheiterte, billig in Brasilien Rohstahl zu erzeugen und in den USA mit einem gehörigen Aufschlag weiter zu verkaufen. Doch die Sparte Steel Americas sorgt weiter für Verluste. Nach erneuten Abschreibungen fuhr das Geschäft im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von fast einer Milliarde Euro ein.

Damit ist Hiesinger in der Zwickmühle - und dies kann sich jeder Interessent in den Verhandlungen zunutze machen. CSN strebe eine Vereinbarung für beide Werke bis Ende September an, sagte eine mit der Situation vertraute Person. Ein anderer Insider sagte, die Verhandlungen hätten sich abgekühlt. Fortschritte seien aber möglich. CSN könne mit dem Werk in Brasilien seine Rohstahlproduktion und seine Hafenkapazitäten ausbauen. Ohne eine Weiterverarbeitung im ThyssenKrupp-Werk im US-Bundesstaat Alabama mache dies aber keinen Sinn.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

30.08.2013, 06:41 Uhr

Nun ja, eigentlich kann er einem ja ziemlich leid tun, bei all dem Bockmist, den seine Vorgänger da verzapft haben. Aber auch er macht den Job ja nicht nur für'n Appel und 'n Ei. Richtig leid kann einem da schon mehr die Belegschaft tun, die diese massiven Fehlentscheidungen jetzt mal wieder ausbaden darf...

Montblanc

30.08.2013, 09:11 Uhr

Hiesinger tut jemandem Leid? Ich wüsste nicht wieso. So wie er seit Amtsantritt agiert bekommt er den Konzern schon kaputt. Thyssen ohne Stahl ist nicht mehr Thyssen und langfristig auch nicht überlebensfähig. Das betrifft sowohl die Herstellung und in besonderem Masse die Distribution. Aber das passiert eben wenn die eigenen Mitarbeiter mehr Zeit in ewigen Compliance-Schulungen verbringen müssen als Ihre Zeit beim Kunden zu verbringen.

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