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17.02.2015

13:35 Uhr

Transparency International

„Unabhängigkeit der Hochschulen in Gefahr“

Weil die Wirtschaft immer mehr Geld in Forschung und Lehre steckt, schlagen die Korruptionswächter von Transparency International Alarm. Die Organisation fordert eindeutige und klare Regeln.

Vor einer zu engen Verflechtung von Universitäten und Unternehmen warnt die Organisation Transparency International. dpa

Studenten in der Vorlesung.

Vor einer zu engen Verflechtung von Universitäten und Unternehmen warnt die Organisation Transparency International.

BerlinDie Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI) warnt vor einer immer engeren, undurchsichtigen Verflechtung von Hochschulen und Unternehmen in Deutschland. Gut 1,3 Milliarden Euro flössen derzeit pro Jahr als sogenannte Drittmittel aus der Wirtschaft an die Unis, doppelt so viel wie vor zehn Jahren.

„Wir beobachten, dass zunehmend die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung weitgehend bestimmen“, sagte die TI-Vorsitzende Edda Müller am Dienstag in Berlin bei der Präsentation der Neuauflage des Portals „hochschulwatch.de“.

Die frühere Kieler Umweltministerin und Verbraucherschutzpolitikerin forderte Länder und Hochschulen auf, „eindeutige und klare Regeln“ für die Annahme von Forschungsaufträgen – insbesondere im medizinischen und technischen Bereich – sowie für die Offenlegung fremdfinanzierter Projekte zu schaffen. Das Portal, das Verbindungen zwischen Hochschulen und Unternehmen unter die Lupe nimmt, ist ein Projekt der Antikorruptionsorganisation Transparency International, der Berliner "tageszeitung" und der Studierendenvertretung fzs.

„Wir brauchen regelmäßige Sponsorenberichte: was wird in welcher Form an unseren Hochschulen finanziert.“ Trotz positiver Signale aus einigen Ländern – etwa Rheinland-Pfalz oder Bremen – gehe es auch nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes in punkto Transparenz kaum voran, sagte Müller.

Das Internetportal sammelt seit zwei Jahren Einflussnahmen auf Unis und Fachhochschulen. Bisher seien mehr als 10 000 Kooperationen zwischen Wirtschaft und Hochschulen dokumentiert - dabei gehe es um Sponsoring-Verträge, Stiftungsprofessuren, geförderte Institute oder Forschungsaufträge, wie Transparency und die Berliner „Tageszeitung“ (taz) als Initiatoren mitteilten.

In Deutschland gebe es rund 1000 von Unternehmen oder privaten Stiftungen finanzierte Professuren.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte vor einem zu starken Einfluss von Unternehmen. „Länder und Hochschulen müssen der Kommerzialisierung von Forschung und Lehre Grenzen setzen“, mahnte GEW-Vize Andreas Keller. Wenn Hochschulen private Drittmittel einwerben, sei das nicht per se ein Problem. Entscheidend sei, dass von der Kooperation nicht einseitig die privaten Partner profitierten. Kooperationsverträge müssten offengelegt und in den Gremien diskutiert werden.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Der kritische Blick auf die Hochschulen ist völlig in Ordnung. Wenn allerdings das finanzielle Engagement von Wirtschaftsunternehmen unter Generalverdacht gestellt wird, skandalisiert man eine sinnvolle, für Unternehmen, Hochschulforschung, Studierende und Volkswirtschaft ertragreiche Zusammenarbeit.“

Wer sich die Drittmittel aus der Wirtschaft ansehe, „wird nicht auf die Idee kommen, die Freiheit von Forschung und Lehre sei in Gefahr“.

Auf der Website können Nutzer gezielt nach Geldgebern aus der Wirtschaft suchen oder eigene Angaben zu Beispielen von Einflussnahme machen. „Einige interessante Beispiele mit besonders vielen Verbindungen: Bayer, Volkswagen, Siemens, Vattenfall, Bosch, Continental, PricewaterhouseCoopers“, heißt es im Bereich „Förderer“.



Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

17.02.2015, 16:31 Uhr

Dass „die Wirtschaft immer mehr Geld in Forschung und Lehre steckt“, und dass logischerweise gleichzeitig „ beobachtet wird, dass zunehmend die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung weitgehend bestimmen“ ist doch wohl nicht nur selbstverständlich, sondern auch Voraussetzung für Fortschritt und Innovation zum Wohle aller. Siehe hierzu u.a. die Erkenntnisse von Adam Smith, oder, (arg) verkürzt gesagt: von Nix kommt auch nix - wer keine realistische Aussicht darauf hat, dass sich seine Anstrengungen und Investitionen auch für ihn selbst auszahlen, lässt es lieber gleich bleiben).
Das Einzige, worauf es dabei ankommt, ist: Die Spielregeln der Fairness müssen eingehalten werden.
Die da vorgeben: Jeder hat das Recht zu wissen, woran er ist. Das heißt: Es reicht nicht, wenn es nur denjenigen, die erstens wissen wie das geht und zweitens auch die Mittel dazu haben zu in der Lage sind, den Auftraggeber (bzw. den primären Nutznießer) eines Forschungsprojekts oder einer Studie zu ermitteln. Dieser muss auch auf Anhieb für jedermann zweifelsfrei identifizierbar sein.
Genau das ist doch unter wohl „Transparenz“ zu verstehen. Und: Was sollte daran eigentlich problematisch sein, wenn alles mit rechten Mitteln zugeht?!

Herr Ralf Rath

18.02.2015, 08:41 Uhr

Nicht die Unabhängigkeit vor allem von außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist in Gefahr, sondern vielmehr die Unversehrtheit der dortigen Träger menschlicher Arbeitskraft, solange sich Dritte in wissenschaftlich ohnehin längst inkriminierten Praktiken gefallen, die deren Gesundheit illegitim einschränken und auf diese Weise jeglicher grundgesetzlich garantierten Freiheit maßlos spotten.

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