Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.02.2012

16:10 Uhr

Trotz Atomkraft

Frankreich braucht Strom aus Deutschland

VonThomas Hanke

Die Atomkraft galt lange als Stabilitätsgarant in den Stromnetzen. Nun treibt die Kältewelle ausgerechnet das AKW-Land Frankreich an den Rand eines Stromausfalls. Und Aussteiger Deutschland muss aushelfen.

Stromversorgung trotz Kälte sicher

Video: Stromversorgung trotz Kälte sicher

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Paris„Alarmstufe Rot“ gilt seit Anfang der Woche für die französische Region Provence-Alpes-Cote d’Azur, kurz „Paca“ genannt. In der Bretagne stehen die Warnlichter offiziell auf „orange“. Beiden Gebieten droht möglicherweise ein Ausfall der Stromversorgung, die Bewohner werden dringend zum Energiesparen aufgefordert. Industriebetriebe, die besonders hohen Elektrizitätsbedarf haben, sollen ihre Produktion zurückfahren: Die Kältewelle in Europa zwingt Frankreichs Politiker, den staatlichen Energieriesen EDF und die Netzgesellschaft RTE zu ungewöhnlichen Schritten.

Besonders verblüffend: Das Land, das sich aufgrund seines hohen Anteils an Atomstrom vor jeder Notlage gefeit sah, kann Einschnitte nur vermeiden, weil es derzeit Strom importiert, und zwar aus Deutschland sowie Großbritannien. Frankreichs Politiker und Industrielle hatten seit dem Beschluss über den deutschen Atomausstieg vor bedenklichen Folgen gewarnt. GDF-Suez-Chef Gérard Mestrallet sprach noch vergangene Woche davon, dass ganz Europa von einem Mangel betroffen sein könnte, den Deutschland auslöse. Ein Sprecher der Netzgesellschaft RTE sagt, der deutsche Atomausstieg habe bereits Folgen verursacht und den deutschen Import aus Frankreich deutlich ansteigen lassen.

Das trifft zu, allerdings nur für das zweite und dritte Quartal. Im letzten Vierteljahr 2011 war Frankreich Nettoimporteur von deutschem Strom. Und nun das: Frankreich muss vor Kälte bibbernd das deutsche Netz anzapfen, um Einschnitte zu vermeiden.

Wer ist schuld? Vor allem natürlich Dieter. Das Hoch lässt auch unser Nachbarland unter dem kalten Hauch Sibiriens erstarren. Die Franzosen stellen in diesen Tagen fest, dass die Meteorologie die alte, mit Inbrunst geführte Debatte, ob sie nun eher zum Süden oder zum Norden Europas gehören, entschieden hat – zugunsten des Nordens. Die Bretagne und Paca sind besonders gefährdet, weil, wie RTE zögernd einräumt, das Netz „nicht ausreicht, um bei extremen Wetterbedingungen Strom in der nötigen Qualität dorthin zu liefern.“

Kommentare (35)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

vandale

08.02.2012, 16:45 Uhr

Frankreich hat mangels eigener preiswerter Kohle eine Monstruktur in der Erzeugung von Strom. Es hängt von den 58 umweltfreundlichen Kernkraftwerken ab. KKW erfordern einen hohen Bauaufwand und haben dafür konkurrenzlos günstige Betriebskosten. Deshalb werden KKW im Grundlastbetrieb 24h Vollast betrieben.

Deutschland hatte eine wesentlich bessere Kraftwerksstruktur. Neben umweltfreundlichen KKW im Grundlastbetrieb hat man in Deutschland auch preiswerte Braunkohle und viele Kohlekraftwerke in der Mittellast. Kohlekraftwerke haben niedrigere Kapitalkosten, jedoch hohe Brennstoffkosten. Schliesslich gibt es noch Gaskraftwerke, Alte Schätze und dergleichen mit sehr hohen Brennstoffkosten die im Winter bei sehr hoher Last zugeschaltet wurden.

Die Beheizung von Gebäuden mit Strom ist eine sinnvoll als das Stromnetz ohnehin vorhanden ist, Elektroheizkörper preiswert sind, preiswerte Brennstoffe wie der umweltfreundliche Nuklearbrennstoff, Kohle zur Stromerzeugung genutzt werden.

Letztlich gab/gibt es eine Rollenteilung. Frankreich liefert preiswerten Nachtstrom und Deutschland mittels Kohle Mittellaststrom nach Frankreich. Jetzt scheint man diese Lieferbeziehung im Sinne der Oekoreligion ..wir müssen nach Frankreich liefern .. mit Scheinargumenten auszunutzen.

Vandale
Dies bedeuted, dass man am Ferienwochen

xyz

08.02.2012, 16:48 Uhr

Oooohhhh - wie konnte denn das passieren?

Account gelöscht!

08.02.2012, 17:00 Uhr

Was ist an diesem Beitrag so überraschend? Schon vor Monaten wurde vor den Problemen eines kalten Winters gewarnt. Nach einem Bericht (Handelsblatt ?!) heizen 80% der Franzosen mit Strom. Als die deutschen AKWs noch am Netz waren, spielte dies auch bei erheblichem Verbrauchsanstieg keine Rolle. Denn Deutschland war jahrelang stabiler Strom-Exporteur, vor allem nach Frankreich. Merkel hat ihren "Freund" Sarkozy mit dem - von einer Physikerin (!) geradzu irrwitzig begründeten - abrupten Atomausstieg nun in den Regen gestellt. Aber nicht nur Sarkozy. Wir werden es in den nächsten 10 Jahren erleben, dass auch in Deutschland die "Energiewende", wenn überhaupt, weit, weit langsamer abläuft, als jetzt prognostiziert. Alle, Industrie und Privatverbraucher, werden sich noch die Augen reiben, wenn die Abschalttermine der noch am Netz befindlichen, deutschen AKWs näherrücken.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×