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21.03.2014

13:11 Uhr

Trotz Sparprogramm

Niedrige Faserpreise belasten Lenzing

Trotz eines umfangreichen Sparprogramms schließt der österreichische Faserhersteller Lenzing einen neuerlichen Ergebnisrückgang in diesem Jahr nicht aus. Die Aktie verliert daraufhin mehr als zwei Prozent.

Ein Faserbad einer Produktionsstraße (Symbolbild): Lenzing hält an seiner Prognose fest. dpa

Ein Faserbad einer Produktionsstraße (Symbolbild): Lenzing hält an seiner Prognose fest.

WienDer österreichische Textilfaserhersteller Lenzing stellt sich angesichts der niedrigen Faserpreise auf ein weiteres hartes Jahr ein. „Wir erwarten momentan keine Änderung des derzeitigen schwierigen Marktumfelds“, sagte Firmenchef Peter Untersperger am Freitag. Nach einem Gewinneinbruch im Vorjahr sei ein weiterer Ergebnisrückgang 2014 trotz eines umfangreichen Sparprogramms nicht auszuschließen.

Auch im ersten Quartal seien die Preise unverändert niedrig und eine Erholung „bis weit in 2014 hinein“ nicht in Sicht. Lenzing stellt Viskosefasern her, die zu Bekleidung, Bettwäsche, Wattepads oder Tampons weiterverarbeitet werden. Der Preis dafür orientiert sich an jenem für Baumwolle. Dieser ist aber wegen voller Lager in China und mehrerer guter Ernten auf Talfahrt.

Im vergangenen Jahr brach der operative Gewinn (Ebit) der Firma deshalb um knapp zwei Drittel auf 86 Millionen Euro ein. Unter dem Strich stand ein Plus von 50 Millionen Euro nach 181 Millionen Euro im Jahr davor. Die Aktionäre sollen dennoch eine unveränderte Dividende von 1,75 Euro je Papier erhalten.

Das habe der Vorstand trotz des absehbar weiter schwierigen Marktumfelds unter Abwägung der Interessen von Eigentümern, Kunden und Mitarbeitern entschieden, sagte Untersperger. Von der Auszahlung - insgesamt gut 46 Millionen Euro und damit fast der gesamte Gewinn - profitiert vor allem die österreichische Privatstiftung B&C, die gut zwei Drittel an der Firma hält. In sie hatte die Bank Austria vor Jahren ihre Industriebeteiligungen ausgelagert.

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers

Woher kommt die Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch wandert?

„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Wer kann dann dafür sorgen, dass die Textilproduktion sicherer wird?

Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.

Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn Löhne höher wären?

Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.

Wie lassen sich besser produzierte T-Shirts erkennen?

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Angesichts der verhaltenen Aussichten drosselt Lenzing den Ausbau der Produktion. Die Kapazitäten würden nach dem rasanten Wachstumskurs der vergangenen Jahre bis auf die Erweiterung einer Spezialanlage in Österreich vorerst nicht gesteigert, sagte Untersperger. 2014 werde der Faserabsatz daher lediglich um fünf bis sechs Prozent wachsen - nach einem Plus von zehn Prozent im vergangenen Jahr. An der Börse verlor die Lenzing-Aktie am Freitag mehr als zwei Prozent an Wert.

Im Zuge des Ende 2013 ins Leben gerufenen Sparprogramms will der Konzern im laufenden Jahr 60 Millionen Euro sparen. Spätestens 2016 sollen die Kosten um jährlich 120 Millionen Euro sinken. Erreichen will Lenzing das unter anderem mit dem Abbau von 600 Stellen - der Großteil davon am Konzernstandort in Oberösterreich. Zudem will das Unternehmen die Material- und Sachkosten senken.

Von

rtr

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