Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.12.2015

16:46 Uhr

Trotz VW-Skandal

Diesel-Zulassungen weiter auf Rekord-Kurs

Geringe Kraftstoffpreise, niedrigere Steuern und kleinere CO2-Belastung: Der VW-Abgas-Skandal lässt den Trend zum Diesel in Deutschland nicht abbrechen. Im kommenden Jahr rechnen Forscher mit Rekordzulassungen.

Weil der Liter Diesel in Deutschland um 18,4 Cent geringer besteuert wird als Benzin, hält der Ansturm auf Dieselfahrzeuge an. ap

Niedrige Besteuerung

Weil der Liter Diesel in Deutschland um 18,4 Cent geringer besteuert wird als Benzin, hält der Ansturm auf Dieselfahrzeuge an.

Duisburg/EssenTrotz des Skandals bei Volkswagen dürfte der Trend zum Diesel in Deutschland einer Branchenprognose zufolge künftig ungebrochen sein. Laut Schätzung des Car-Instituts der Uni Duisburg-Essen werden 2016 hierzulande erstmals gut 14 Millionen Diesel registriert sein. 2017 steigt die Zahl demzufolge auf mehr als 15 Millionen. Basis der Vorhersage ist die Annahme, dass weiter rund jede zweite Neuzulassung auf Diesel entfällt. Anfang 2015 lag der Diesel-Anteil bei den Pkw im Bestand – also inklusive der älteren Autos – schon bei 31,2 Prozent.

„Trotz VW-Diesel-Gate und trotz steigenden Stickoxid-Belastungen in unseren Großstädten wächst die Anzahl der Diesel-Pkw auf Deutschlands Straßen kontinuierlich und unaufhaltsam“, sagte Ferdinand Dudenhöffer vom Car-Institut zu der am Dienstag vorgelegten Analyse.

Stickoxide und CO2

Stickoxide (NOx)

Gesundheitsschädliche Stickoxide wie etwa Stickstoffmonoxid und -dioxid kommen in der Natur nur in winzigen Mengen vor. Sie stammen vor allem aus Autos, aber auch aus Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Dieselmotoren stoßen viel mehr NOx aus als Benziner. Die Stoffe können Schleimhäute angreifen und so zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizungen führen. Sie können auch Herz und Kreislauf beeinträchtigen. Pflanzen werden dreifach geschädigt: NOx sind giftig für Blätter, und sie überdüngen und versauern die Böden. Außerdem tragen Stickoxide zur Bildung von Feinstaub und bodennahem Ozon bei. Technisch lassen sie sich mit einem Drei-Wege-Katalysator von Benzinern in unschädlichen Stickstoff (N2) und Sauerstoff (O2) umwandeln. Es bleiben jedoch immer NOx-Reste übrig. Bei Dieselmotoren ist der Abbau von NOx bedeutend schwieriger – er gelingt etwa durch Einspritzung einer zusätzlichen Harnstoff-Lösung in den Abgasstrom.

NOx-Grenzwerte beim Auto

Der Grenzwert in Pkw-Abgasen für alle Stickoxide zusammen liegt in der EU bei 80 Milligramm pro gefahrenen Kilometer (mg/km) für Diesel- und bei 60 mg/km für Benzinmotoren. Der von der US-Umweltbehörde EPA geforderte Wert liegt im Schnitt bei umgerechnet 43,5 mg/km. Allerdings sind die US-Kontrollsysteme nicht einheitlich, und die Vorschriften können je nach US-Bundesstaat abweichen.

Kohlendioxid (CO2)

Es ist in nicht allzu großen Mengen unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und zu 76 Prozent für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Der Straßenverkehr verursacht nach Angaben des Umweltbundesamts rund 17 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen in Deutschland - hier spielt CO2 die bei weitem größte Rolle. Es gibt zwar immer sparsamere Motoren, zugleich aber immer größere Autos mit mehr PS und mehr Lkw-Transporte. So ist der Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrs von 1990 bis 2014 sogar um 0,6 Prozent gestiegen. Die Konferenz von Paris (30. November bis 11. Dezember) soll die Emissionen so verringern, dass sich die Erdatmosphäre um nicht mehr als zwei Grad aufheizt.

CO2-Grenzwerte beim Auto

In diesem Jahr müssen die Autohersteller in der EU bei ihrer Pkw-Flotte im Durchschnitt einen Grenzwert von 130 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. 2021 sind dann nur noch 95 g/km erlaubt. In den USA liegen diese Schwellen geringfügig höher: Die Vorgabe der Umweltbehörde EPA sieht für die im Jahr 2016 zugelassenen Fahrzeuge einen Grenzwert für Personenwagen von umgerechnet etwa 140 g/km vor. Bis 2025 sinkt der Durchschnittsgrenzwert auf rund 89 g/km.

Er kritisierte, dass die Politik die Chance verpasse, die aktuell sehr niedrigen Sprit- und insbesondere Dieselpreise für eine Reform der Besteuerung zu nutzen. „Diesel-Pkw emittieren im Fahrbetrieb in der Stadt bis zu fünfmal mehr schädliche Stickoxide als in den Verkaufsprospekten der Autobauer genannt.“ Greife die Politik nicht ein, werde die Schadstoffbelastung – die in deutschen Ballungsräumen schon seit Jahren EU-Grenzwerte verletze – noch weiter ansteigen.

Laut Car-Berechnung hat die gegenüber Benzin um 18,4 Cent niedrigere Besteuerung des Liter Diesel einen „regelrechten Diesel-Boom ausgelöst“. Die höhere Kfz-Steuer sein kein Korrektiv, da sie als Kopfsteuer bei höheren Fahrleistungen kaum ins Gewicht falle. „Wer also viel Stickstoffdioxid an die Umwelt abgibt, erhält einen ‚Mengenbonus‘“, heißt es in der Analyse, die für eine Reform wirbt.

Am Verhältnis Diesel zu Benziner hängen viele weitere Faktoren, zum Beispiel die CO2-Ziele der EU für die Hersteller. Diesel gelten dabei als vorteilhafter, da sie sparsamer sind. Zudem hängen laut Experten an der Dieseltechnologie hierzulande besonders viele Arbeitsplätze.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×