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03.02.2014

06:36 Uhr

TV-Kritik Jauch

ADAC liegt „wirklich am Boden“

VonChristian Bartels

Betont demütig hat sich ADAC-Präsident Meyer bei Günther Jauch einer Menge Kritik gestellt. Damit überstand er die Sendung erstaunlich unfallfrei. Allerdings sind ihm viele heikle Fragen auch erspart geblieben.

ADAC-Präsident Peter Meyer gab sich in der Talkshow von Günther Jauch zerknirscht. Die Strategie ging auf. dpa

ADAC-Präsident Peter Meyer gab sich in der Talkshow von Günther Jauch zerknirscht. Die Strategie ging auf.

BerlinNicht nur gut 19 Millionen Deutsche sind Mitglied beim ADAC, Günther Jauch ist es auch, wie er am Sonntagabend sagte. In seiner Talkshow stellte sich der Präsident des Automobil-Clubs „erstmals im Fernsehen“ der seit Wochen wogenden Kritikwelle. Peter Meyer saß zunächst mit bleichem Gesicht und ADAC-gelber Krawatte sichtlich angespannt auf dem Ledersessel in der Runde „Totalschaden ADAC – was ist das für ein Pannenverein?“.

Er konnte sich aber bald entspannen. Denn auch wenn Jauch die Latte anfangs hochlegte – vor den jüngsten Enthüllungen seien nicht nur Organisationen wie Greenpeace, sogar die Kirchen „vor Neid erblasst“ angesichts der „Glaubwürdigkeitswerte“ des ADAC – wirklich schlimm kam es nicht für Meyer.

Der sichtlich nicht Talkshow-gestählte Vereinschef legte mit einer Feuerwerk der Selbstkritik los (er sei „tief betroffen von den Skandalen“, „wir liegen wirklich am Boden“, der Club nehme Kritik „mit Demut entgegen“ ...). Anschließend kam er mit seiner Linie, dass vieles „dem ehrenamtlichen Präsidium so nicht bekannt“ gewesen sei, sowie mit routinierten Erklärungen althergebrachter Club-Prinzipien so unfallfrei durch die Sendung, dass Jauch ihm am Ende bescheinigte, sein Auftritt sei „aller Ehren wert“ gewesen.

Heikle Fragen nach Rettungshubschrauber-Flügen wurden allerdings gar nicht gestellt. Heftige Kritik der anwesenden Journalisten kam erst in der zweiten Sendungshälfte auf: „Sie sind inzwischen ein Riesenkonzern, haben aber keine Konzernstruktur“, sagte Uwe Ritzer, einer der Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“, der als erster über die Probleme berichtet hat. Der ADAC sei „vollkommen intransparent“ und habe eine „unglaubliche Nähe zur Industrie“, der Automobil-, Finanz- und Versicherungswirtschaft, entwickelt.

Als Verein werde der ADAC „nicht mehr zu halten sein“, so werde er künftig wohl „sehr viel höhere Steuern“ auf die gewerblichen Dienstleistungen zahlen müssen, von denen er eine Menge anbietet, prophezeite die Wirtschaftspublizistin Margaret Heckel. Der Club mache „jede Menge Provisionsgeschäfte“, die Geschäftszahlen der ADAC-Beteiligungs GmbH aber würden nirgend veröffentlicht, beklagte der wohl am häufigsten im deutschen Fernsehen auftretende Automobilwirtschafts-Experte, Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen.

Fünfter Gast der Talkrunde war der dritte Journalist darin: Franz W. Rother, stellvertretender Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ (Verlagsgruppe Handelsblatt), sah ebenfalls den Rückhalt der Politik schwinden, brachte das aber auch mit dem Eintreten des ADAC gegen die Pkw-Maut für Ausländer in Verbindung, die der neue Verkehrsminister Alexander Dobrindt unbedingt einführen möchte.

Tatsächlich war bemerkenswert, dass kein einziger Politiker in dieser Jauch-Runde saß. Vertreter der Bundesregierung hätten angesichts der Millionen ADAC-Mitgliedern doch noch immer Angst, etwas Falsches zu sagen, vermutete Dudenhöffer. Die implizite Frage, ob der alles andere als fernsehscheue Dobrindt oder andere Politiker denn eingeladen worden waren, beantwortete Jauch allerdings nicht.

Kommentare (10)

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Koboldo

03.02.2014, 08:15 Uhr

Was Meyer da gestern quasi unter Krokodilstränen zum Besten gab, ist schlicht eine Farce und Jauch war sehr bemüht, ihm seinen Job zu retten. Tatsache ist aber, dass dieser Mann seinen Laden nicht im Griff hat und vermutlich alles dazu beigetragen hat, eine Intransparenz innerhalb des ADAC aufzubauen, damit eine Kontrolle von außen nicht möglich ist. Der ADAC hat mit den Mitgliedsbeiträgen so viel Geld gehortet und Überschüsse erzielt, die zu erheblichen Investitionen in Wirtschaftsbetriebe genutzt wurden anstatt die Mitgliedsbeiträge zu senken. Dadurch ist der ADAC zu einem regelrechten Machtfaktor in unserem Staat geworden. Grundsätzlich würde ich das noch nicht als verwerflich bezeichnen, die Macht wird aber von einem kleinen Führungsgremium des ADAC ausgeübt, nicht von seinen Mitgliedern und dieser Zustand ist mehr als bedenklich, da ein demokratischer Prozess praktisch nicht stattfindet.
Von Jauch hätte ich einen Journalismus erwartet, der mehr zur Aufklärung beiträgt. Die bekanntgewordenen Privatflüge stellen mE nur die Spitze eines Eisbergs dar. Wer je in die Notlage kam, einen Rettungsflieger in Anspruch nehmen zu müssen, weiß, wie restriktiv der ADAC da sein kann.
Sollten nun im Laufe der jetzigen Ermittlungen noch mehr Schandtaten ans Licht kommen, dürfte Meyer nicht mehr zu halten sein.

Account gelöscht!

03.02.2014, 08:21 Uhr

Solange noch soviele Mitglieder brav die Machenschaften, die Gierde der Funktionäre finanzieren, ist der ADC noch lange nicht am Boden. Oder meinte er, weil jetzt alles ans Tageslicht kommt?

Account gelöscht!

03.02.2014, 08:22 Uhr

Heute Morgen war im Radio bereits zu vernehmen, daß bisher ca. 5.000 Mitglieder dort ausgetreten sind. Wenn das nun wirklich so eine korrupte Ramschbude sein sollte geschieht das auch sehr Recht, denn ein solches Verhalten sollte nicht auch noch geldlich entlohnt werden. Andererseits kann man so langsam die Frage stellen, an welcher Ecke heute nicht mehr getrickst wird...

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