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23.08.2013

15:01 Uhr

Typzulassungen

Ungeahnte Tricksereien im Kältemittel-Streit

VonTobias Döring

Pariser Richter haben über den Kältemittel-Streit mit Daimler beraten. Mit Toyota schafft aber ein weiterer Autobauer Fakten: Die Japaner setzen auf eine fremde Typzulassung, um das alte Mittel nutzen zu können.

Ein Toyota GT86: Bisher gab es in der Historie der Japaner keinen Sportwagen mit Boxermotor. PR

Ein Toyota GT86: Bisher gab es in der Historie der Japaner keinen Sportwagen mit Boxermotor.

ParisNächster Akt in Paris: Vor dem obersten Verwaltungsgericht hat am Freitag das Verfahren im Kältemittel-Streit zwischen Frankreich und dem Autobauer Daimler begonnen. Frankreich hatte einen Zulassungstopp für Mercedes-Modelle mit dem alten Kältemittel R134a in der Klimaanlage verhängt, das klimaschädlich ist. Daimler will erreichen, dass diese Blockade mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird. Das neue Kältemittel 1234yf gilt als leicht entflammbar und damit gefährlich, einige Autohersteller füllen es daher nicht in ihre Neuwagen. Daimler hatte, ebenso wie das Kraftfahrtbundesamt, in Crashtests festgestellt, dass das neue Kältemittel Testwagen in Flammen setzte und sich ätzende Flusssäure bildete. Daraufhin entschied sich der Autobauer, weiter (das alte) R134a zu nutzen.

Die französischen Behörden werfen dem deutschen Autokonzern eine unzulässige Umgehung von EU-Umweltvorschriften vor. Nach einer rund zweistündigen Verhandlung kündigte das oberste Verwaltungsgericht eine Entscheidung für Dienstag an. „Es steht viel auf dem Spiel“, sagte der Vorsitzende Richter Jacques-Henri Stahl. Der Rechtsstreit berühre sowohl nationale als auch europäische Rechtsfragen.

Daimler ist unter Verkaufsdruck geraten, denn mehrere Tausend Fahrzeuge der A-, B- oder CLA-Klasse können derzeit in Frankreich nicht ausgeliefert werden – viele sind aber bereits von den Kunden bezahlt. Ein Daimler-Anwalt nannte die Entscheidung vor dem Gericht am Freitag „brutal“. 60 Prozent der Verkäufe von Mercedes in Frankreich seien betroffen. Daimler gab sich optimistisch: „Nach der von uns vorgetragenen Faktenlage sind wir zuversichtlich, dass das Gericht unsere Rechtsauffassung bestätigt und die Zulassungsblockade in Frankreich aufheben wird“, sagte ein Unternehmenssprecher.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Während in Paris heiß über die Kühlsubstanz diskutiert wird, ist der Streit um eine bizarre Note reicher. Um das alte Kältemittel R134a auch in Neuwagen einsetzen zu dürfen, arbeiten die Hersteller schon länger mit dem Trick einer zweiten Typgenehmigung. Ein Auto ist dann nicht neu, sondern wird lediglich zu einer Abwandlung eines Vorgängermodells. Damit dürfen die Autobauer R134a bis Ende 2016 in ihren Wagen nutzen.

Toyota treibt dieses trickreiche Verfahren, dass auch Mercedes-Benz und Volkwagen anwenden, jetzt auf die Spitze. Die Japaner gaben am Donnerstag bekannt, wegen des Streits in Europa wie Daimler zum alten Kühlmittel zurückgekehrt zu sein. Die Umstellung der Produktion sei im Frühsommer abgeschlossen worden, die ersten Autos mit R134a kommen in Deutschland gerade in den Handel. Doch um den Einsatz des gelegentlich als „Killer-Kältemittel“ bezeichneten 1234yf vermeiden zu können, greift Toyota bei einem Modell noch tiefer in die Trickkiste.

Da es vor dem neuen GT86 keinen Sportwagen mit Boxermotor in Toyotas Historie gab, nutzen die Japaner die Typzulassung eines anderen Herstellers. So hat Toyota den GT86 einfach als technischen Nachfolger des Subaru BRZ gekennzeichnet, wie die „Auto Bild“ in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet. Vorgänger des Toyota GT86 könnte damit beispielsweise der Subaru Impreza 22B-STI sein, ein Coupé mit Boxermotor aus dem Jahr 1998. Toyota hält eine Minderheitsanteil an der Subaru-Mutter Fuji Heavy Industries, die Autobauer kooperieren und entwickeln zusammen Modelle. Subaru hingegen nutzt weiter das neue Kühlmittel – eine Umstellung ist nicht geplant.

Kommentare (4)

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MercedesBenzNo1

23.08.2013, 13:14 Uhr

Ziemlich tendenziöser Artikel pro ein sehr gefährliches Kühlmittel - geradezu unverantwortlich ... gut, dass es noch Autobauer gibt, die für Ihre Überzeugungen aus Zulassungsstopps in Kauf nehmen, so wie bei Daimler in Frankreich! Wurde die Hand des Autors von einem durch Honeywell bezahlten EU-Beamten geführt?

Es ist gut, dass bisher kaum Fahrzeuge in Deutschland mit diesem Killerstoff unterwegs sind! Gratulation an das KBA, es gehört anscheinend zu den wenigen Institutionen, die noch unbestechlich agieren (im Gegensatz zu weiten Teilen der EU-Behörden).

Noch ein Grund mehr - neben dem Eurodesaster und der Lebensmittelindustrialisierung - die EU kritisch zu hinterfragen ...

Für ein bürgernahes Europa der Regionen und Nationen, gegen Zentralismus und Lobbyismus à la Brüssel!

Louis

23.08.2013, 13:46 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

scharfschuetze

23.08.2013, 16:13 Uhr

Wetten, daß der Franzmann nicht im gleichen Maße gegen die Japaner vorgeht, und wenn sie noch so sehr tricksen?
Europa ist schon toll. Was ist Europa?
Europa ist, wenn Deutschland zahlt. Und die anderen draufhauen dürfen.

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