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19.06.2014

08:47 Uhr

Überschalljets für Geschäftsflieger

Unter fünf Stunden für einen Flug nach Sydney

Seit dem Aus für die Concorde scheint der Traum vom Überschallflugzeug ausgeträumt. Jedoch nicht für Geschäftsflieger: Unternehmen entwickeln Maschinen, die später nur ein Viertel der aktuellen Flugzeit brauchen könnten.

Modell des Supersonic Business-Jet von Aerion: „Für ein sehr schnelles Flugzeug gibt es eine hohe Nachfrage“. PR

Modell des Supersonic Business-Jet von Aerion: „Für ein sehr schnelles Flugzeug gibt es eine hohe Nachfrage“.

Seit dem letzten kommerziellen Überschallflug der Concorde vor elf Jahren hat sich die Welt der Luftfahrt in jeder Hinsicht weiter entwickelt. Die Fluggeschwindigkeit ist jedoch ist gleich geblieben. Gesetzt wurde auf Kostensenkungen durch große Maschinen mit höherer Kapazität. 2003 konnte die damals größte Boeing 747-400 416 Fluggäste befördern. Ein aktueller Airbus A380 fasst 525 Reisende.

Der Traum von der Überschallgeschwindigkeit wird aber nicht nur von entnervten Passagieren auf den schier endlos langen Interkontinentalstrecken weitergeträumt. Denn eine Handvoll Unternehmen widmet sich hartnäckig dem Ziel von Passagierflügen schneller als der Schall – wenn auch nur für Geschäftsflieger.

Ganz vorn dabei ist der texanische Milliardär Robert Bass, der in den letzten zehn Jahren mehr als 100 Millionen Dollar in die Entwicklung seines Unternehmens Aerion in Reno (US-Bundesstaat Nevada) gesteckt hat. Der 66-jährige Gründer des Finanzinvestors Oak Hill ist überzeugt, dass es einem Markt gibt für ein 100 Millionen Dollar teures Flugzeug, mit dem ein paar Superreiche in knapp vier Stunden von London nach New York düsen können.

Die schnelle Geschichte der Concorde

„Donnervogel“ geht 1969 erstmals in die Luft

Manche nannten sie „Donnervogel“, andere sprachen vom „fliegenden Kugelschreiber“ oder sogar von einer „Königin der Lüfte“. Am 2. März 1969 startete das Überschallflugzeug Concorde im französischen Toulouse zu seinem 29 Minuten langen Jungfernflug. Gut einen Monat danach, am 9. April, folgte der Erstflug des britischen Prototypen.

Fans von Technik begeistert

Die Concorde war von Anfang an umstritten. Ihre zahlreichen Fans waren von der Technik des 62,10 Meter langen Flugzeug mit einer Spannweite von nur 25,55 Meter und einer Höchstgeschwindigkeit von 2405 Stundenkilometern begeistert.

Krachmacherin und Kerosinschluckerin

Andere sahen in der Concorde eine Krachmacherin und Umweltverschmutzerin. So lag der Treibstoffverbrauch auf der Strecke Paris-New York bei 17 Litern pro 100 Passagierkilometern (bis zu 23.000 Liter Kerosin in der Stunde). Das Riesenflugzeug Airbus A380 dagegen fliegt im Bereich von drei Litern Treibstoff pro Passagier auf 100 Kilometer.

Geringe Reichweite war ein Problem

Der erste Linienflug der Concorde erfolgte am 21. Januar 1976 zwischen Paris und Rio de Janeiro. Nur wenig später wurde die Strecke Paris Caracas mit einem technischen Aufenthalt in Santa Maria gestartet. Doch beide Dienste wurden bereits am 1. April 1982 eingestellt. Die relativ geringe Reichweite der Concorde (6250 Kilometer) stellte ein Problem dar – sie machte bei Langstrecken zeitraubende Zwischenstopps notwendig.

Knall beim Durchbrechen der Schallmauer

Zudem war die Concorde besonders laut: Der charakteristische Knall beim Durchbrechen der Schallmauer führte dazu, dass die meisten Länder dem Jet nur eine Überfluggenehmigung für Geschwindigkeiten unter der Schallgrenze erteilte. So konnte der Pilot nach dem Start in Europa erst auf dem Atlantik richtig Gas geben. Das schränkte die Einsatzmöglichkeiten und den Zeitgewinn erheblich ein.

Queen und Papst gerne an Bord

Dennoch gab es zur Einsatzzeit kaum einen Staatsmann von Bedeutung, der nicht einmal mit einer Concorde flog. Stars und Sternchen waren Dauergäste, allen voran die Formel-1-Fahrer und die Tennisstars. Margaret Thatcher fühlte sich an Bord genauso wohl wie Queen Elizabeth oder Papst Johannes Paul II, der mit der französischen Concorde F-BTSC am 2. Mai 1989 von La Réunion nach Lusaka in Sambia flog.

In dreieinhalb Stunden bis nach New York

Wer zwischen 10 und 11 Uhr morgens Europa verließ, kam rechtzeitig zum Frühstück um 9 Uhr in New York an. Gewöhnlich dauerte ein Flug von Europa nach New York rund dreieinhalb Stunden. Manchmal ging es sogar noch schneller. Ganz selten wurde eine Flugzeit von unter drei Stunden erreicht. Das waren 30 Stunden weniger als Charles Lindbergh 1927 bei seiner berühmten Nordatlantiküberquerung benötigt hatte.

Überschwang selbst in Hannover

Der Überschwang der Euphorie steckte auch manche Kommune an. So schrieb 1985 die Geschäftsführung des Flughafens Hannover-Langenhagen zu den Planspielen in der niedersächsischen Landeshauptstadt für eine Verlängerung der Concorde-Verbindung New York­London nach Hannover an British Airways: „Nach unserer Ansicht ist der Flughafen für Hannover für diesen Zweck in Norddeutschland am besten geeignet.“

Absturz 2000 als Anfang vom Ende

Der Absturz einer Concorde der Air France am 25. Juli 2000 kurz nach dem Start in Paris, bei dem 113 Menschen ums Leben kamen, läutete das endgültige Aus für das auch als „schönsten Vogel der Welt“ bezeichnete Flugzeug ein. Zwar hob die Concorde nach umfangreichen technischen Nachrüstungen im November 2001 wieder ab, doch mangelnde Nachfrage besiegelte zwei Jahre später das Ende.

Endgültiges Aus 2003

Am 24. Oktober 2003 wurde das große Kapitel Concorde endgültig geschlossen. Beim letzten Flug einer Concorde der British Airways nach London wurde der „Donnervogel“ über dem Ärmelkanal von einem Verband der britischen Kunstflugstaffel Red Arrows begleitet.

„Für ein sehr schnelles Flugzeug gibt es eine hohe Nachfrage“, sagt Aerion-Vorstandschef Doug Nichols, der früher bei Boeing gearbeitet hat. Die immense Zeitersparnis sei das entscheidende Verkaufsargument. Marktforscher Rolland Vincent schätzt das Potenzial für die kommenden 20 Jahre auf mehr als 600 Exemplare. Aerion hat laut Nichols bereits 50 Vorverträge mit einer Anzahlung von 250.000 Dollar geschlossen. „Unser Ziel ist ein Überschalljet, der den Pazifik überqueren kann“, sagt er, „denn in Asien sehen wir einen besonders großen Markt“.

Ein solches Fluggerät wäre nicht nur wesentlich teurer als die besten Privatjets wie der Bombardier Global 6000 für 60 Millionen Dollar, sondern wäre auch im Betrieb erheblich kostspieliger. Der gewaltige Kerosinbedarf bei Überschallflügen würde selbst Milliardäre abschrecken, wie Kritiker zu bedenken geben. „Ein Geschäftsflugzeug wird wegen der Privatsphäre gekauft, und natürlich wegen der Zeitersparnis – aber beides muss durch den Preis gerechtfertigt sein“, sagt Vorstandschef Patrick Margetson-Rushmore vom Charterunternehmen London Executive Aviation. Es sei schlicht falsch, dass Geld dabei keine Rolle spiele.

Kosten scheute die Tochter Gulfstream des US-Rüstungskonzerns General Dynamic jedenfalls nicht, als sie mit der G650 für 65 Millionen Dollar das bislang schnellste Geschäftsflugzeug vorstellte. Mit Mach 0,925 verpasst dieser Flieger die Schallmauer nur knapp – und die Kundschaft steht Schlange. Wer jetzt bestellt, wird frühestens 2017 beliefert.

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