Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.05.2015

10:39 Uhr

Umbau bei Siemens

Kaesers Vision muss sich jetzt beweisen

VonAxel Höpner

Joe Kaeser erklärt den Umbau bei Siemens für beendet. Der Konzern streicht zusätzlich 4500 Arbeitsplätze. Doch dass tatsächlich alle Baustellen abgearbeitet wurden, darf bezweifelt werden. Eine Analyse.

Der Konzernchef hat Siemens nach seiner Vision ausgerichtet. dpa

Joe Kaeser

Der Konzernchef hat Siemens nach seiner Vision ausgerichtet.

MünchenEs ist eine mutige Prognose von Joe Kaeser. Mit den nun verkündeten weiteren Einschnitten – es werden zusätzlich nochmals 4500 Jobs gestrichen – sei der Umbau des Unternehmens in der Hauptsache abgeschlossen, verkündete der Siemens-Chef.

Wer Siemens in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten beobachtet hat, weiß: Wirklich abgeschlossen war der Umbau nie. Immer, wenn es gut lief, tauchten irgendwo in dem komplexen Konzern überraschend neue Baustellen auf. Kaesers Vorgänger Peter Löscher wähnte Siemens nach einem guten Geschäftsjahr einst in der „Champions League“. Umbauprogramme seien fortan nicht mehr notwendig. Danach gingen die Probleme erst so richtig los.

Ob Kaeser die perfekte Organisationsform gefunden hat und ihm die Sanierung der Problemsparten gelingt, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Er hat dem Konzern mit dem größten Umbau seit 25 Jahren viel zugemutet. Die Organisation war zuletzt intensiv mit sich selbst beschäftigt. Die Neuorganisation verlief nicht ohne Reibungsverluste. Es ist wichtig, dass der Apparat jetzt zur Ruhe kommen und sich auf Innovation und Wachstum konzentrieren kann.

Konzernumbau: Siemens streicht weitere 4500 Stellen

Konzernumbau

Siemens streicht weitere 4500 Stellen

Der Konzernumbau bei Siemens kostet weitere Arbeitsplätze - alleine in Deutschland will der Konzern 2.200 Stellen streichen. Auch der weltgrößte Produktionsstandort Berlin ist betroffen.

Denn während Kaeser an seiner „Vision 2020“ arbeitete, war auch die Konkurrenz nicht tatenlos. Bislang ist der Abstand zu General Electric & Co nicht sichtbar kleiner geworden. Die Zahlen, die Kaeser am Donnerstag vorlegte, sind in der Substanz größtenteils nicht besser als zu Löschers Zeiten. Zwar sieht der Nettogewinn mit 3,9 Milliarden Euro im Quartal üppig aus. Das liegt allerdings daran, dass Kaeser – wie einst auch Löscher mit der Veräußerung von VDO – Tafelsilber verkauft hat.

Bald aber wird der Blick auf die Zahlen klarer sein. Ab 2016 muss Siemens wieder wachsen, ein Jahr später zu den besten Konkurrenten auch in Sachen Profitabilität aufschließen. Wenn das nicht gelingt, wird der nächste Umbau ins Haus stehen.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Michael W. Ulbrich

07.05.2015, 16:20 Uhr

Ernüchternd. Schon die Vorgänger von Herrn Kaeser wussten keinen besseren Rat als Personal abzubauen um Kosten zu senken. Von einem echten Insider wie Herrn K. habe ich ganz andere Ideen erwartet. Liegt das Problem doch nicht in der Zahl der Mitarbeiter sondern in fehlenden Langfriststrategien und völlig überladenen Verwaltungsprozessen im Konzern. Ich werde mein investiertes Kapital dem Konzern entziehen und in anderen Unternehmen, die deutlich mehr Zeitgeist und Kreativität an den Tag, investieren. Ein Traditionsunternehmen heruntergewirtschaftet - sehr bedauerlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×