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30.12.2011

15:48 Uhr

Umsatzbringer an Silvester

Das Geschäft mit dem Bumms

VonCarina Kontio

Zum Jahreswechsel macht die Silvesterindustrie kräftig Kasse. Über 100 Millionen Euro lassen sich die Bürger ihre Knallerei kosten. Wie Hoteliers, Sektkellereien und Böllerfabrikanten vom alljährlichen Wahn profitieren.

Mehr als 113 Millionen Euro werden in einer Nacht mit Feuerwerk verballert. dpa

Mehr als 113 Millionen Euro werden in einer Nacht mit Feuerwerk verballert.

DüsseldorfSternenregen, Raketen-Zischen und Knallerei: Wenn es in der Silvesternacht am Himmel wieder funkelt und blitzt, wird sich der Handel entspannt zurück lehnen und mit einem weiteren Mega-Umsatz ins neue Jahr 2012 starten. Unsummen geben die Deutschen zum Jahreswechsel aus. Mal, um böse Geister zu vertreiben, mal aus Spaß an der Freude, um das neue Jahr zu begrüßen. Dafür werden mehr als 113 Millionen Euro, so schätzt der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI), in einer Nacht mit Feuerwerk verballert.

Am 29. Dezember ist der Startschuss für den Verkauf im deutschen Einzelhandel gefallen, denn erst ab diesem Zeitpunkt darf - so will es der deutsche Gesetzgeber - das Feuerwerk zum Jahreswechsel verkauft werden. „Hauptsache, das Wetter spielt mit“, sagt der VPI-Geschäftsführer, Klaus Gotzen. „Mild und trocken wäre am besten.“ Dann muss die Branche, die in Deutschland noch rund 3.000 Mitarbeiter beschäftigt, in drei Tagen ihren kompletten Jahresumsatz erwirtschaften. Dabei nehmen Produktion und Logistik ganze zehn Monate in Anspruch - das bedeutet dem Verband zufolge für die Hersteller eine langfristige Vorfinanzierung der Waren. Pünktlich zum Verkaufsstart liegt das Feuerwerk dann in den Läden.

Was man mit dem Böller-Geld auch machen könnte

Teure Ballerei

Laut offiziellen Schätzungen geben die Deutschen dieses Jahr vermutlich wieder 115 Millionen Euro für Böller und Raketen aus. Das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, schließlich fehlen die Ausgaben für geschmuggelte Ware und die Summe, die bei großen öffentlichen Events für das Feuerwerk ausgegeben wird. Dennoch: Allein schon mit 115 Millionen Euro könnten die Deutschen ganz anderes anstellen…

Ein neues Auto

Einen Golf VI mit durchschnittlicher Motorisierung und Ausstattung gefällig? Für 115 Millionen Euro könnten Sie sich rund 5700 davon leisten.

Lieber rauchen?

Wenn das Geld ohnehin in Rauch aufgeht, können Sie sich davon auch Zigaretten holen. Für die Böller könnten sich die Deutschen genauso mehr als 25 Millionen Schachteln Zigaretten kaufen. Oder lieber versaufen? Mehr als zehn Millionen Kästen Bier wären auch drin.

Tiger retten

Für 115 Millionen Euro könnte man fast vier Milliarden Quadratmeter naturnahen Wald in der Zentralannamitischen Kette wiederaufforsten. Das hilft den hier noch lebenden Tigern, wieder zwischen einzelnen Teilpopulationen zu wandern und sich auszubreiten.

Gemüse haltbar machen

Auch die Welthungerhilfe könnte die Spenden gut gebrauchen. Für 115 Millionen Euro könnte man in Afrika mehr als 16 Millionen Frauen beibringen, wie sie Gemüse und Obst haltbar machen können.

Waldschütz ausrüsten

Statt ihr Geld in Böller zu investieren könnten die Deutschen auch 869.230 Feldausrüstung eines Wildhüters in Südamerika kaufen. Sie besteht aus wetterfester Kleidung, Schuhwerk, Zelt und Schlafsack. Die Wildhüter decken illegalen Holzeinschlag auf und schützen die Grenzen der Schutzgebiete.

Kätzchen retten

Für 115 Millionen Euro könnten die Deutschen auch die Schutzgebühren für zwei Millionen Kätzchen bezahlen und sie so aus den Tierheimen holen.

Schulgebühren für Mädchen

Ein ganzes Jahr lang zur Schule gehen in Simbabwe: Mit 115 Millionen Euro lassen sich Schulgebühren für knapp fünf Millionen Mädchen finanzieren, um diesen bessere Zukunftschancen zu sichern.

Klassenzimmer

Vieles, was für den deutschen Nachwuchs eine Selbstverständlichkeit ist, hat für die Altersgenossen in Burundi Seltenheitswert. Dazu gehört, in ländlichen Regionen zur Schule gehen zu können. Mit 115 Millionen Euro lassen sich dort fast 200.000 Klassenzimmer einrichten, komplett mit Tischen, Stühlen, Tafel und Büchern. Bis zu 50 Jugendliche können so zu Fachkräften ausgebildet werden.

Stille Örtchen

Mehr als drei Millionen Latrinen - damit lassen sich zwar nicht alle Sorgen runterspülen, doch ersparen stille Örtchen in Flüchtlingslagern viel Kummer - denn bessere Hygiene vermeidet Epidemien.

Umsatzbringer und bei Feuerwerkfreaks total angesagt sind derzeit Batterie-Feuerwerke. So ein Klotz wird nur einmal angezündet und feuert dann ein bis zu drei Minuten dauerndes Feuerwerk ab, das beinahe wie bei den Profis knallt. „Bequemlichkeit setzt sich durch“, meint Marco Finessi, Verkaufsleiter der Berliner Firma Pyro-Partner, die rund 4.000 Händler beliefert. „Die Leute haben keine Lust, 100 Mal zu zünden.“ Dem kämen Gesetzesänderungen entgegen: Seit zwei Jahren dürften Verbundfeuerwerke, wie die Batterien im Fachjargon heißen, bis zu 500 Gramm Schwarzpulver enthalten - das ist mehr als doppelt so viel, wie zuvor.

Die Namen dieser Klein-Feuerwerke klingen teils recht martialisch, zum Beispiel „Höllenmaschine“, „Night Attack“ oder „Resident Evil“. Für die Hersteller sind die Riesen-Kracher eine lukrative Geldquelle: Sie kosten zweistellige Euro-Beträge, für besonders große Teile müssen Kunden sogar um die 100 Euro hinlegen. Die ewigen Klassiker dagegen bleiben Raketen. Sie entlocken den Zuschauern andächtige „Aahs“ und „Oohs“, wenn sie nach dem typischen Zisch-Geräusch einen möglichst großen, glitzernden Strauß am dunklen Himmel bilden. 25 Millionen Stück hat allein der Marktführer Weco in Eitorf bei Bonn für dieses Silvester produziert. „Raketen sind und bleiben einfach der Favorit der Deutschen“, sagt Unternehmenssprecher Markus Schwarzer. „Am liebsten in Gold, das wirkt feierlich.“ Das habe wohl viel mit Nostalgie zu tun.

Auch Vulkan-Fontänen, Diamant-Sonnen, Tischfeuerwerk und Wunderkerzen finden zu Silvester guten Absatz. Böller und Knaller dagegen sind nach Angaben von VPI-Chef Gotzen seit einigen Jahren auf dem Rückzug: „Sie haben zwar auch noch ihre Freunde, aber die meisten Leute wollen lieber auch optisch was schönes haben.“

Laut VPI bleiben die Preise dieses Silvester stabil - noch. In den nächsten Jahren jedoch dürften Böller und Raketen deutlich teurer werden. Gründe seien zum einen die steigenden Lohnkosten in China, wo fast sämtliche Feuerwerkskörper hergestellt werden. Zum anderen würden voraussichtlich auch die Kosten für die Rohstoffe wie Papier und Chemikalien weiter steigen. Und nicht zuletzt werde auch die Lagerung, der Transport und die Zulassung der Artikel in Deutschland teurer.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

30.12.2011, 17:27 Uhr

So ist das eben, wenn die Unterschicht mal für ein paar Minuten Spaß haben und aus ihrem tristen Alltag heraus will !!!

Pro.patria

30.12.2011, 17:56 Uhr

Also ich sehe das ganz locker. Ob wir nun unser Geld nach Griechenland und Co. überweisen oder es gleich in der Luft verballern. Für mich ist das kein großer Unterschied.

Ram

30.12.2011, 19:47 Uhr

Wie kann man auf so einen Artikel, mit so einer Arroganten Art antworten.
Ich denke wir alle Arbeiten das Jahr über sehr viel und hart. Und wenn die Leute Knallen mein Gott sollen sie doch. Es kurbelt die Wirtschaft an und nebenbei haben alle Ihren Spaß beim denn bunten Feuerwerk.
Vielleicht mal von der Seite aus betrachten.

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