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11.06.2012

15:12 Uhr

Umstrittene Optionsgeschäfte

Schadensersatzklage gegen VW geht vor Gericht

Der Streit um riskante Optionsgeschäfte im Übernahmekampf von Porsche und VW geht in die nächste Runde. Ende Juni treffen sich Anleger und Konzern vor Gericht. Im schlimmsten Fall droht VW ein Milliardenschaden.

Die Protagonisten der Übernahmeschlacht: VW-Patriarch Ferdinand Piëch (links) und der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. dpa

Die Protagonisten der Übernahmeschlacht: VW-Patriarch Ferdinand Piëch (links) und der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.

Braunschweig/Stuttgart/WolfsburgIm Milliardenstreit um angebliche Marktmanipulationen bei der Übernahmeschlacht von Porsche und Volkswagen 2008 treffen die Gegner in knapp zwei Wochen erstmals vor Gericht aufeinander. Das Landgericht Braunschweig verhandelt vom 27. Juni an über die ersten zwei von insgesamt fünf Investorenklagen. Dabei geht es zunächst um Schadensersatzforderungen an die Porsche- Dachgesellschaft SE und eine Frankfurter Bank von rund 3,1 Millionen Euro. Gegenstand einer weiteren mündlichen Verhandlung ist eine Klage gegen die Porsche SE mit einem Volumen von 1,6 Millionen Euro.

„Bei diesen Terminen wird bereits in der Hauptsache verhandelt“, hieß es am Montag aus dem Gericht. In zwei zusätzlichen Verfahren vor der zuständigen Zivilkammer beträgt die Klagesumme zusammen mehr als 2,1 Milliarden Euro - dabei werde aber noch nicht über Zulässigkeit und Begründung möglicher Schadensersatzansprüche gesprochen. Während sich einer dieser Fälle auf die Porsche SE bezieht, ist im zweiten Fall auch die Volkswagen AG betroffen. Zunächst müsse man eine Absicherung der Prozesskosten klären, erklärte eine Sprecherin.

VW und Porsche FAQ

Was ist das Ziel von VW und Porsche?

Die beiden Seiten wollen einen „integrierten Automobilkonzern“ formen, mit Porsche als zehnter Marke unter dem Volkswagen-Dach. VW ist Europas größter Autobauer. Die Partner erhoffen sich von ihrem Zusammengehen 700 Millionen Euro Einsparungen pro Jahr.

Was ist die Vorgeschichte der heutigen Probleme?

Porsche hatte noch vor der Wirtschaftskrise den Plan gefasst, den viel größeren VW-Konzern zu übernehmen. Die Schlacht war lang und schmutzig - und im Sommer 2009 hatte Porsche den ungleichen Kampf verloren. Die Schwaben hatten sich mit ihren ambitionierten Plänen verhoben, die Dachgesellschaft Porsche Automobil Holding SE stand mit 11,4 Milliarden Euro Schulden da. Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter nahmen ihren Hut. VW drehte den Spieß um - Porsche soll nun unter das Dach von VW schlüpfen.

Welche Hürden gibt es auf dem Weg?

Die misslungene Übernahme hat gehörige Altlasten hinterlassen: So dauern juristische Streitigkeiten an. Kläger sind etwa verschiedene Fondsgesellschaften. Ihre milliardenschweren Forderungen laufen in zwei getrennten Fällen: Auf bundesstaatlicher Ebene in den USA wird darum gerungen, ob die US-Gerichte überhaupt zuständig sind. Ebene zwei ist ein Verfahren in New York, wo es auch um Zuständigkeitsfragen geht.

Gibt es auch anderswo Probleme?

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt seit 2009. Wiedeking und Härter wird zum einen Marktmanipulation vorgeworfen. Sie sollen zwischen 2007 und 2009 im Zuge der geplanten VW-Übernahme die Öffentlichkeit teilweise gar nicht und in anderen Fällen nur unzureichend über ihre Pläne informiert haben. Zudem besteht gegen die beiden Ex-Porsche-Manager Untreueverdacht. Hintergrund: Die ehemaligen Vorstände könnten für die geplante Übernahme mit Aktienkurssicherungsgeschäften existenzgefährdende Risiken für Porsche eingegangen sein.

Außerdem wurde gegen Härter und zwei weitere Verantwortliche des Porsche-Finanzbereichs ein Verfahren wegen des Verdachts auf Kreditbetrug eingeleitet. Sie werden verdächtigt, bei Verhandlungen über die Refinanzierung von Krediten der Porsche-Dachgesellschaft falsche oder unvollständige Angaben gemacht haben. Die weiteren Ermittlungen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft „äußerst aufwendig und zeitintensiv“ und werden nicht mehr 2011 abgeschlossen. Dem Vernehmen nach könnten sie sich bis weit ins nächste Jahr hineinziehen.

Welche Folgen hat das konkret?

Die ursprünglich für 2011 geplante Verschmelzung der VW AG und der Dachgesellschaft Porsche SE ist geplatzt. Dies war die Wunschlösung. Unter dem Dach der Porsche Holding sind die Mehrheit der Anteile am Porsche-Sportwagengeschäft (Porsche AG) gebündelt und die mehr als 50 Prozent, die die Stuttgarter an VW halten. Die Grundlagen für die Verschmelzung hatten die beiden Autobauer bereits im Sommer 2009 vereinbart. Grund für das Scheitern: VW sieht in den ungelösten juristischen Auseinandersetzungen der Stuttgarter ein unkalkulierbares Risiko - das wollen sie sich nicht ins Haus holen.

Wie könnten die Partner alternativ zusammenfinden?

Die Verschmelzung ist nicht komplett vom Tisch, sie könnte auch noch später durchgezogen werden. Allerdings müssten dafür neue Verträge abgeschlossen werden, die alten wären nicht mehr gültig. Außerdem haben sich die Autobauer bereits vor zwei Jahren einen Plan B zurechtgelegt. Von Mitte November 2012 bis Ende Januar 2015 gibt es vier vertraglich festgelegte Zeitfenster, in denen VW das Porsche-Sportwagengeschäft für den Preis von 3,9 Milliarden Euro komplett übernehmen kann. Bisher halten die Wolfsburger 49,9 Prozent.

Der Vorteil:

Volkswagen könnte sich das komplette operative Porsche-Sportwagengeschäft sichern, ohne die ungelösten Probleme der Porsche SE am Hals zu haben. Der Nachteil: Diese Variante wäre aus gesetzlichen Gründen erst ab Mitte 2014 steuerfrei. In den nächsten Wochen wollen beide Unternehmen nach alternativen Wegen suchen. Wie diese aussehen könnten, ließen sie zunächst offen.

Einen mündlichen Verhandlungstermin zu einer fünften Klage - sie allein beläuft sich auf weitere 2 Milliarden Euro - gibt es laut Braunschweiger Gericht derzeit nicht. Sie war Ende Februar von den Kollegen des Stuttgarter Landgerichts nach Niedersachsen überwiesen worden. Urheber sind hier sieben internationale Investmentfonds.

Die hohen Prozessrisiken hatten die eigentlich geplante direkte Fusion zwischen der Porsche SE und Volkswagen vereitelt. Weil die Alternative - ein Kauf der restlichen Anteile der Porsche AG durch VW - jedoch erst Mitte 2014 steuerfrei wäre, wollen Wirtschaftsjuristen jetzt ein Schlupfloch nutzen: Sie könnten bis zu 1,5 Milliarden Euro sparen, indem VW die Übernahme des Porsche-Sportwagengeschäftes als Umstrukturierung anstatt als steuerpflichtigen Kauf ausweist.

In den gerichtlichen Auseinandersetzungen geht es um den Vorwurf der Fehlinformation und Marktmanipulation. Im Zuge des später gescheiterten Übernahmeversuchs von VW durch Porsche vor vier Jahren sahen sich Anleger über die wahren Absichten des Sportwagenbauers getäuscht und erlitten starke Verluste. Sie hatten auf sinkende Kurse der VW-Stammaktie gewettet - tatsächlich schoss der Wert der Papiere, die zu gut 74 Prozent unter Porsche-Kontrolle waren, in die Höhe.

Anlegeranwalt Braun: „Piëch hätte die Optionsgeschäfte verhindern müssen“

Anlegeranwalt Braun

exklusiv„Piëch hätte die Optionsgeschäfte verhindern müssen“

Ferdinand Piëch hat seine Pflichten als Porsche-Aufsichtsrat verletzt. Kläger-Anwalt Franz Braun erklärt im Interview mit Handelsblatt Online, welche Folgen das Urteil für Porsche und Piëch haben könnte.

Die Porsche SE wies Anschuldigungen zurück, mit früheren Pressemitteilungen zur weiteren Strategie des Unternehmens bei Volkswagen sei eine Irreführung der Märkte in Kauf genommen worden. „Wir halten die erhobenen Klagen für unbegründet“, sagte ein Sprecher. Der Münchner Kapitalmarktrechtler Franz Braun, der 72 einzelne Investorenklagen gebündelt hat, geht dagegen von einem Erfolg aus: „Ich bin von dem Fall natürlich überzeugt.“

Von

dpa

Kommentare (2)

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StaatsanwaltKAKErlake

11.06.2012, 15:35 Uhr

[+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++]

Roothom

11.06.2012, 19:02 Uhr

"...sahen sich Anleger über die wahren Absichten des Sportwagenbauers getäuscht und erlitten starke Verluste. Sie hatten auf sinkende Kurse der VW-Stammaktie gewettet..." Und das, obwohl die Sache eigentlich sonnenklar war.

Das sagt doch alles - oder? Sie haben auf fallende Kurse gewettet und lagen falsch. Statt Schadenersatz sollten die Gerichte lieber diese sogenannten Investoren zu Strafzahlungen verdonnern, weil sie mit ihren deals das ganze Finanzsystem ruinieren. Nichts anderes passiert doch gerade mit den ganzen Staatsanleihen. Und am Ende verklagen die shortseller die Euroländer, falls sich die Rettungsmassnahmen als erfolgreich erweisen...

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