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08.08.2013

21:22 Uhr

Umstrittenes Klimaanlagen-Kältemittel

Flammen im Motorraum

Im Streit ums umstrittene Kältemittel R1234yf für Autoklimaanlagen will das Kraftfahrtbundesamt sich noch nicht festlegen. Generell sei das neue Kältemittel sicher, doch „in Extremsituationen” könne es sich entzünden.

Die neue A-Klasse verwendet ein altes Kühlmittel, um Brandgefahr zu vermeiden. dpa

Die neue A-Klasse verwendet ein altes Kühlmittel, um Brandgefahr zu vermeiden.

Berlin/StuttgartSelbst offizielle Testergebnisse bringen keine Klarheit: Bei Versuchen mit dem umstrittenen Klimaanlagen-Kältemittel R1234yf hat das Kraftfahrtbundesamt (KBA) ähnlich wie der Autobauer Daimler Sicherheitsmängel festgestellt - sieht aus gesetzlicher Sicht aber keinen Handlungsbedarf. Wie das KBA am Donnerstag mitteilte, hatten sich bei Extrem-Tests zwar Flammen im Motorraum gebildet. Im Rahmen des Produktsicherheitsgesetzes bestehe jedoch keine „ernste Gefahr“. Weniger scharfe - und gesetzlich ausreichende - Versuchsbedingungen hatten zuvor keine Sicherheitsmängel ergeben. Der Hersteller des Mittels, die US-Firma Honeywell, gab sich ungerührt. Honeywell hatte bereits zuvor Bedenken hinsichtlich der Testprotokolle des KBA geltend gemacht, da diese nicht den Industriestandards entsprächen.

Daimler weigert sich, das gesetzlich vorgeschriebene Kältemittel in seinen Klimaanlagen zu verwenden, weil der Konzern bei eigenen Tests Brandgefahr festgestellt hat. Der Autobauer sieht sich durch das Ergebnis in seiner Einschätzung bestätigt. „Nach Vorliegen der aktuellen Testergebnisse lässt sich ein Sicherheitsrisiko durch den Einsatz von R1234yf nicht ausschließen“, betonte Daimler.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Das KBA testete nach eigenen Angaben vier verschiedene Modelle - darunter eines von Daimler. Bei dem Extremtest kam es nur „in einem Fall zur vollen Entflammung im Motorraum“, wie es in dem Zwischenbericht heißt. Ob es sich dabei um das Modell von Daimler handelte, wollte der KBA-Sprecher nicht sagen. Der Hersteller Honeywell hatte zuvor immer wieder die Bauweise von Daimler-Autos für mögliche Risiken verantwortlich gemacht.

Der Hersteller von R1234yf reagierte gelassen auf die Ergebnisse. Die KBA-Tests hätten gezeigt, dass das Mittel kein ernsthaftes Risiko darstelle, kommentierte Honeywell in einer Mitteilung. Von Daimler abgesehen gebe es einen „breiten Konsens“, dass der Stoff nicht gefährlicher sei als sein Vorgänger. „Die Ergebnisse des KBA sind nicht überraschend, weil Autohersteller in ihren Fahrzeugmodellen routinemäßig Materialien verwenden, die weitaus entzündbarer sind“. Dies sei zum Beispiel bei Motoröl der Fall oder bei Bremsflüssigkeit sowie Benzin.

Kommentare (4)

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Kommentator

08.08.2013, 21:14 Uhr

Top - aktuelles Foto haben Sie das ausgesucht.

Automobilist

09.08.2013, 07:52 Uhr

Man sollte von staatlichen Stellen, hier KBA, erwarten, dass sie sich klar ausdrücken. Wenn ich diese Wischiwaschi-Stellungnahme lese, bekomme ich die Krise. Was heißt denn nun in Extremsituationen? Daimler hat nie behauptet, dass sich das Kältemittel während der Fahrt entzündet, sondern nach einem Unfall. Ist das eine Normalsituation für das KBA? Was soll eine Extremsituation sein, wenn es kein Unfall ist? Ich wünsche den Verantwortlichen bei der EU oder Honeywell nicht, nach einem Unfall eingeklemmt auf die Nichtentzündbarkeit des Kältemittels zu hoffen.

Karim

09.08.2013, 09:29 Uhr

Chapeau an Daimler!
Das ist der richtige Weg zurück zur Technologie-Führerschaft längst vergangener Tage.
Bitte mehr davon... :)

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