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22.08.2013

19:55 Uhr

Umstrittenes Kühlmittel

Toyota schlägt sich auf Daimlers Seite

Der japanische Autobauer befüllt seine Klimaanlagen wieder mit einem von der EU verbotenen Kältemittel. Der neue Stoff geriet bei Crash-Tests in Brand. Jetzt schaltet sich Frankreichs höchstes Verwaltungsgericht ein.

Das Bedienfeld einer Klimaanlage: Auch Toyota rückt von dem neuen und umstrittenen Kältemittel ab. dpa

Das Bedienfeld einer Klimaanlage: Auch Toyota rückt von dem neuen und umstrittenen Kältemittel ab.

München/FrankfurtWegen des schwelenden Streits über das neue Klimaanlagen-Kältemittel ist der Autobauer Toyota in Europa zur alten Substanz zurückgekehrt. Die Umstellung der Produktion habe Ende vergangenen Jahres begonnen und sei im Frühsommer abgeschlossen worden, sagte ein Sprecher des deutschen Ablegers des japanischen Weltmarktführers am Donnerstag. Betroffen seien drei Modelle, in denen das umstrittene Gas R1234yf zeitweise zum Einsatz gekommen sei. Derzeit würden wegen der in der Öffentlichkeit herrschenden Verunsicherung alle Fahrzeuge in Europa mit dem Kühlmittel R134a befüllt. Dieses Gas war bislang in der Branche üblich, ist jedoch als Klimakiller verschrien. Das neue Mittel gilt zwar als umweltschonender, ist aber wegen seiner Brennbarkeit in der Kritik. Gegen die Verwendung kämpft vor allem Daimler.

Der Stuttgarter Autobauer weigert sich, das Kühlmittel in einige Neuwagen zufüllen, nachdem es sich bei Crashtests entzündet hatte. Daimlers Widerstand treibt die EU-Kommission auf die Barrikaden, denn die seit Jahresbeginn verschärften Klimaschutzvorschriften der Brüsseler Behörde erfüllt R1234yf als einziges Kühlmittel.

Der Fall beschäftigt jetzt auch Frankreichs höchstes Verwaltungsgericht. Am Freitag befasst sich der Staatsrat mit dem Kühlmittel-Streit. Mit einer Entscheidung des Staatsrats wird aber erst zu einem späteren Zeitpunkt erwartet.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Der Toyota-Sprecher sagte, bei der Umstellung auf die bisher verwendete Substanz habe es keine Probleme gegeben. Für die drei betroffenen Modelle – Prius Plus, Lexus GS und den Sportwagen GT86 – hätten bestehende Typgenehmigungen vorgelegen. In diesem Fall darf das bislang verwendete Kühlmittel eingefüllt werden. Einen Zeitplan, wie lange die alte Substanz weiter verwendet werde, gebe es nicht, sagte der Sprecher. Die weitere Entwicklung hänge auch von den Untersuchungsergebnissen des Kraftfahrtbundesamts (KBA) ab. Diese sollen Mitte September vorliegen. In einem Vorabbericht hatte die Behörde R1234yf nach Tests als sicher, aber nicht ungefährlich eingestuft.

Auf Deutschlands Straßen fahren indes nur wenige Autos mit dem neuen Kältemittel. Von Januar bis Ende Juni wurden laut KBA knapp 43.300 damit ausgestattete Fahrzeuge neu zugelassen – bei insgesamt 1,5 Millionen Pkw. Vor allem ausländische Hersteller wie Hyundai, Kia und Chevrolet setzen das umstrittene Kältemittel ein. Auf die Marken Toyota und Lexus entfielen demnach gut 1700 Fahrzeuge.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

22.08.2013, 17:03 Uhr

Der Streit gärt nunmehr seit Monaten.
Es ist ein Unding der hiesigen Politik (Verkehrsminister, Verbraucherschutzministerin, Wirtschaftsminister und schließlich des KBA selbst) nicht geeint der EU-Regelung entgegenzustellen, solange auch nur ein Restrisiko für schwere Verletzungen etc. besteht. Hier sei nur mal das Glühbirnenverbot der EU angeführt, bis heute ohne zufriedenstellende Regelung der schwer Quecksilber beinhaltenden Energiesparlampen. Skandalös, was die EU treibt.

emilioemilio

22.08.2013, 17:37 Uhr

EU = Supranationaler Terrorismus einer Klicke (Bande, ohne demokratische Legitimierung Ihrer Bürger, dient ausschließlich dem Großkapital.

Europa war gestern = EU-Terror heute auf allen Ebenen!

Klarname

22.08.2013, 18:32 Uhr

Honeywell hat mit dem Kältemittel eine Monopolstellung, zudem ist das Mittel bedeutend teurer als das Alte. Es geht nur um Abzocke. Honeywell hat hier nur fuer Sich gute Arbeit in Brüssel geleistet. Oder gibt es etwa auch andere Hersteller, die dieses Mittel vertreiben?

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