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10.12.2011

11:51 Uhr

Unternehmen der Zukunft

Die Globalisiserung macht eine Rolle rückwärts

VonDieter Fockenbrock, Katrin Terpitz

Die Globalisierung ist an Grenzen gestoßen. Produktqualität, Umwelt- und Sozialstandards, Reaktionsgeschwindigkeit und politischer Druck - diese Faktoren entscheiden immer mehr über Standorte und Strategie.

Viele Unternehmen ziehen sich aus Asien wieder zurück. ap

Viele Unternehmen ziehen sich aus Asien wieder zurück.

DüsseldorfDieter Zetsche gab am 14.Mai 2007 eine der schwersten Entscheidungen seiner Karriere bekannt: Daimler trennt sich von Chrysler. Dabei trug der heutige Daimler-Chef in der US-Firma selbst lange die Verantwortung. Zetsche beendete ein finanzielles Desaster. Aber er drehte auch die Konzernstrategie um 180 Grad. Mercedes ist seitdem wieder Mercedes. Zuvor hatte der Autokonzern schon den Schlussstrich unter sein japanisches Abenteuer gezogen und die Beteiligung an Mitsubishi gekappt.

Zetsches Vorgänger Jürgen Schrempp hatte die "Welt-AG" mit eigenen Marken in der sogenannten Triade Amerika, Europa und Japan ins Leben gerufen, Zetsche begrub sie. Sogar die Marke Maybach, 1997 mit großem Pomp von Daimler reanimiert, beerdigte er vor kurzem.

Doch das Ende der "Welt AG" ist keine Absage an die Globalisierung. Im Gegenteil. Mit der Konzentration auf Mercedes-Benz will der Konzern seine Marktführerschaft zurückerobern.

Früher wäre Zetsches Strategie als Modell für andere Konzerne gefeiert worden. Doch Patentrezepte gibt es keine mehr. Es wird Firmen geben wie Volkswagen, die mit elf Automarken und 62 Werken in 22 Ländern ihr Glück suchen. Und andere, die die Welt einzig und allein aus ihrer badischen Heimat bedienen wie der Tunnelbohrer-Spezialist Herrenknecht.

Daniel Stelter, Chefstratege der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), stellt sogar das vermeintlich unantastbare Credo aus den Führungsetagen infrage. "Globalisierung ist kein Wert an sich. Muss wirklich jedes Unternehmen in China sein?" Schon heute kommt fast auf jede zweite deutsche Firma, die ihre Produktion ins Ausland verlagert, ein Betrieb, der rückverlagert. Das schätzt jedenfalls das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI).

Bislang hatten es Manager relativ leicht. Globalisierung bedeutete für sie: Dort einkaufen und produzieren oder produzieren lassen, wo es am kostengünstigsten ist. Und von dort die ganze Welt beliefern. Wie ein Heuschreckenschwarm wanderte etwa die Textilindustrie über die Jahrzehnte von England nach Indien, China und Kambodscha - immer dorthin, wo Löhne und damit Kosten für die Massenproduktion am niedrigsten sind.

Kommentare (5)

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leser

10.12.2011, 13:23 Uhr

Ein glänzender Beitrag.
Chapeau!
Krebsgang soll es früher geheißen haben.
Globalisierung meint in der Tat etwas anderes als das, was bislang daraus gemacht gemacht zu worden scheint.
merci vielmals erneut für diesen mit glücklicher Hand geworfen wirkenden Beitrag.

LBS

10.12.2011, 13:29 Uhr

Eine differenzierte Betrachtung der Globalisierung, wie hier geschildert, ist längst überfällig. Wie ich aus eigener beruflicher Praxis erleben konnte, hat die die Verlagerung von Arbeiten in Billiglohnländer aus reinen Kostengründen zumindest im gewünschten Sinn noch nie funktioniert. Wenn man solche Modelle einmal genau nachrechnet und die Investitions- und Begleitkosten mit einbezieht, kommt man zu dem Ergebnis, dass der tatsächliche Kostenvorteil marginal ist und erheblichen Risiken gegenübersteht. Schaut man sich vor Ort einmal in den (meist asiatischen) Billiglohnländern außerhalb der 5-Sterne Hotels und Büropaläste um, werden diese Risiken greifbar.

Realität ist auch, dass solche Betrachtungen im Unternehmensalltag oft gar nicht erwünscht sind. Es wird verlagert weil es andere auch tun und nicht, weil man sich mit dem Thema wirklich auseinander gesetzt hat. Kein Wunder, dass nun viele zurückrudern nachdem Kunden sich abgewendet haben, viel Geld verbrannt und qualifizierte Mitarbeiter in die Wüste geschickt wurden.

Der Satz „Qualität kostet überall auf der Welt das gleiche“ beschreibt die Situation m. E. am besten. Es mag temporär Ausnahmen geben, die aber von hohen Kostensteigerungsraten schnell aufgefressen werden. Die wirklichen Vorteile eines globalen Ansatzes liegen nicht im Kostenvorteil sondern darin, dass eine globale Präsenz zusätzliche Fähigkeiten, Kapazitäten und Kenntnisse für ein Unternehmen mit sich bringen können. Um dies zu erkennen, braucht es jedoch mehr, als nur einem Trend hinterherzulaufen.

Maschinenwirtschaft

10.12.2011, 14:59 Uhr

Ein weiterer Faktor ist die steigende Automatisierung. Das macht die billigen Arbeiter überflüssig, steigert die Qualität und hält die Wertschöpfung in Deutschland. Das hat den Effekt, daß bei uns Ingenieure fehlen und einfache Arbeiter auf der Straße stehen. Ist immer noch besser, wir haben die Wertschöpfung bei uns. Die Sozialpolitiker werden diese schon zu verteilen wissen. Besser aber wäre eine gewaltige Bildungsofensive. Dazu fehlt unseren Politikern aber der Mut.

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