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05.03.2011

08:47 Uhr

Unternehmensstrategie

In Amerika entscheidet sich die Zukunft von VW

VonMartin Seiwert
Quelle:WirtschaftsWoche

Am neuen US-Werk in Chattanooga hängt das Schicksal von Deutschlands größtem Autobauer. Nur wenn VW der Durchbruch in den USA gelingt, kann der Konzern wie geplant bis 2018 Toyota überrunden und weltweit die Nummer eins werden. Einblicke in ein milliardenschweres Wagnis.

Mitte Mai 2009 begann in Chattanooga der Bau des ersten US-amerikanischen VW-Werkes. Quelle: picture-alliance/ dpaDPA

Mitte Mai 2009 begann in Chattanooga der Bau des ersten US-amerikanischen VW-Werkes.

Mit dem Birdcage fing alles an, hier draußen am Stadtrand von Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee. Die rohen Bretterwände des kastigen Holzhäuschens stechen Besuchern noch immer ins Auge, auch wenn es inzwischen recht verloren wirkt vor den riesigen, metallisch glänzenden Fabrikhallen. Birdcage, zu Deutsch: Vogelkäfig, so nennen die Fabrikarbeiter das Häuschen noch immer. Der provisorische Bau war für sie das erste Gebäude, mit dem der Volkswagenkonzern aus Germany sich ihnen hier zeigte, damals im Frühjahr 2009, auf dem frisch planierten, schlammigen Boden des neuen Industriegeländes.

Heute, zwei Jahre später, läuft in der 155.000-Einwohner-Stadt im Süden der USA ein doppelter Countdown. Nur noch ein paar Tage, dann sollen in den hochmodernen Hallen, dem Karosseriebau, der Lackiererei, der Endmontage die ersten Volkswagen made in USA seit 1988 vom Band laufen. Mehr noch, die Eröffnung des VW-Werks in Chattanooga, von wo aus der gleichnamige Hit von Glenn Miller vor 70 Jahren den Siegeszug rund um den Globus antrat, leitet zugleich die entscheidende Schlacht um die Vormachtstellung im weltweiten Autogeschäft ein. Nicht von ungefähr hat VW an einer Flanke der neuen Fabrik eine Fläche freigehalten, die genau den Abmessungen der jetzigen Anlage entspricht.

Wenn es gut läuft in Chattanooga, können die Deutschen die Kapazität durch eine zweite Fabrik in unmittelbarer Nachbarschaft auf über 500.000 Fahrzeuge pro Jahr verdoppeln. Und wenn dies erforderlich wäre, hätte VW-Chef Martin Winterkorn beste Chancen, sein Ziel zu erreichen, den VW-Konzern bis 2018 zum größten Autobauer der Welt zu machen. Ja, wenn das klappt, dann hätte VW-Großaktionär Ferdinand Piëch es geschafft, sich als größten Autobauer aller Zeiten im Autohimmel zu verewigen.

Wenn, ja wenn – wie auch immer Winterkorns Angriff gegen die gegenwärtige Nummer eins unter den Autoherstellern, den japanischen Toyota-Konzern, und die Nummer zwei, den US-Riesen General Motors (GM), ausgeht: Ohne einen Erfolg in Chattanooga wird der Marsch an die Weltspitze scheitern, wird aus dem Birdcage nicht das erhoffte Siegessymbol, sondern ein Mahnmal für eine der schlimmsten Fehlentscheidungen in der Geschichte von Volkswagen. Chattanooga ist das jüngste von insgesamt 61 VW-Werken auf der Welt. Es ist der Eckstein einer neuen USA-Strategie, die für Europas größten Autokonzern nach einem beispiellosen Niedergang, nach Milliardenverlusten und immer neuen glücklosen Anläufen im US-Markt endlich die Wende bringen und ihn zugleich an die Weltspitze katapultieren soll.

Den großen Erfolg versprechen sich die VW-Planer dabei von einer neuen Variante ihres deutschen Mittelklasse-Modells Passat, der in Chattanooga produziert wird. Der US-Passat ist größer, preiswerter und simpler als das gleichnamige Modell in der Alten Welt. Flankiert werden soll der Einfach-Passat durch eine überarbeitete Version des Kompaktwagens Jetta, den VW in Mexiko produzieren lässt.

Deutsche Ingenieurkunst

Die gemeinsame Klammer und Botschaft, die den speziellen Passat und den neuen Jetta verbindet, heißt deutsche Ingenieurkunst. Mit dem Versprechen, diese erstmals für alle Amerikaner erschwinglich und zur Zierde ihrer Carports zu machen, will VW-Chef Winterkorn die jahrelange Stagnation auf dem US-Markt aufbrechen. Denn nur mit Importen hatte VW in den vergangenen Jahren nicht die geringste Chance, über einen Marktanteil von zwei oder drei Prozent hinauszukommen. Die Einfuhr von Autos aus der Euro-Zone erwies sich als zu kostspielig, um im Massensegment gegen lokale Hersteller wie Toyota, Ford, Honda oder GM zu punkten.

Eine Milliarde Euro kostet die Fabrik in Chattanooga, weitere drei Milliarden Euro verschlang die Entwicklung der neuen Modelle für die USA und der Ausbau des Vertriebs. VW, obwohl in direkter Konkurrenz zu den Giganten GM und Ford, ist willkommen in der Region. Um die Germans hierher zu locken, machten die Stadt Chattanooga sowie die Regierungen des Bezirks und des Bundesstaats fast 580 Millionen Dollar an Subventionen für die Ansiedlung locker. „2011 wird ein Schlüsseljahr für Volkswagen“, hat VW-Chef Winterkorn prophezeit. Und VW-US-Chef Jonathan Browning sattelt noch drauf. 2011 werde für das US-Geschäft von VW „das wichtigste aller Zeiten“.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

05.03.2011, 11:23 Uhr

"In Amerika entscheidet sich die Zukunft von VW" Tatsächlich. Mein Eindruck ist eher, dass diverse deutsche Unternehmen in Amerika immer wieder im großen Stil Geld verbrennen, sei es, weil der Markt protektionistisch ist, weil Verbraucher und Aktionäre Milliardenklagen auflegen oder weil sie den Markt USA schlicht nicht verstehen. VW geht ein großes Risiko ein. Daimler, Post, Telekom, Intershop, BP und diverse Chemie- und Pharmakonzerne aus Europa haben sich schon blutige Nasen geholt.

wolfbier

05.03.2011, 12:18 Uhr

Mit einem alten überarbeiteten Billig-Passat und dem Low-Tec-Jetta kann VW Toyata nicht das Wasser abgraben. Herr Winterkorn ist offensichtlich vom Schrempp-Virus infiziert.

Zombie4711

05.03.2011, 12:19 Uhr

Alles ein wenig übertrieben... als ob eine von sechzig Fabriken mit einer Kapazität von gerde mal 250.000 Fahrzeugen "DAS SCHICKSAL" entscheiden würde..... viel heiße Luft...

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