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09.07.2015

06:13 Uhr

Unternehmer kämpfen gegen die Krise

Griechische Tiger in Thessaloniki

VonMartin Tofern

Griechische Firmen können durchaus auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig sein – wenn die eigene Regierung sie denn lässt. Zwei Unternehmer in Thessaloniki stemmen sich gegen die Krise.

Unternehmen aus der nordgriechischen Stadt kämpfen gegen die Krise. Reuters

Optimismus in Thessaloniki

Unternehmen aus der nordgriechischen Stadt kämpfen gegen die Krise.

ThessalonikiDie Fahrt vom Zentrum der nordgriechischen Stadt Thessaloniki dauert mehr als 40 Minuten. Vorbei geht’s an den üblichen Beton-Wohnblöcken der griechischen Vorstädte, verfallenen oder gar nicht fertig gebauten Industriegebäuden, die zum Teil an das verlassene Zentrum der amerikanischen Autostadt Detroit erinnern. Eigentlich kaum vorstellbar, dass hier noch etwas produziert wird.

Welch einen Kontrast bietet da die Zentrale des Baustoffherstellers Isomat. Die Produktionsanlagen und das Verwaltungsgebäude sehen aus wie neu, das Firmengelände ist ordentlich aufgeräumt. Firmenchef Stefanos Tziritis empfängt den Besucher in seinem freundlich eingerichteten Büro. Er spricht hervorragend deutsch: „Ich habe die deutsche Schule in Thessaloniki besucht und in Deutschland Bauingenieurwesen studiert.“ Doch das sei 30 Jahre her, sein Deutsch sei deshalb etwas eingerostet. Was natürlich überhaupt nicht stimmt.

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Die Griechen fürchten, dass ihnen das Geld ausgeht. Viele wollen ihre Ersparnisse in bleibende Werte stecken – wie Apple-Computer oder Playstations. Auch deutsche Unternehmen berichten von einem Kundenansturm.

1980 hat Tziritis sein Unternehmen Isomat gegründet, „in einem Hühnerstall, den ich mit ein paar Betonsteinen ausgebaut habe“, wie er lächelnd anmerkt. Seitdem ist die Firma kontinuierlich gewachsen. Sie produziert Dämmstoffe und Isoliermaterial, Bodenfliesen, Trockenmörtel und andere Baustoffe. Es gibt Niederlassungen in Athen, in Rumänien, Bulgarien, Serbien und der Türkei sowie eine Repräsentanz in Moskau. Mittlerweile arbeiten 350 Mitarbeiter bei Isomat, 230 davon in Griechenland.

2014 war ein sehr gutes Jahr für die Firma. Der Umsatz wurde insgesamt um 7,7 Prozent auf 33 Millionen Euro gesteigert, in Griechenland allein waren es sogar 12,5 Prozent. „Der kleine Zuwachs des griechischen Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr hat uns allen Kraft und Zuversicht gegeben“, sagt Tziritis. Die Tourismussaison war gut, Hotels haben wieder in Renovierung und Ausbau ihrer Gebäude investiert. Auch dieses Jahr hat sich sehr gut angelassen – bis zum 29. Juni, als die Kapitalverkehrskontrollen eingeführt wurden. „Jetzt steht alles auf dem Spiel“, sagt Tziritis nachdenklich.

Fragen und Antworten zur Schuldenkrise nach dem Referendum

Fordert Athen ein drittes Hilfsprogramm?

Griechenlands zweites Hilfsprogramm lief Ende Juni aus. Ministerpräsident Alexis Tsipras bat bereits vergangene Woche beim Euro-Rettungsfonds ESM über zwei Jahre um "Hilfe zur finanziellen Stabilisierung" in Form eines Kredits. Den Finanzbedarf gab er mit 29,1 Milliarden Euro an. Auch wenn Tsipras nicht von einem "Programm" spricht, ist es nichts anderes. Es wäre erneut mit Spar- und Reformauflagen verbunden, die wegen der längeren Laufzeit auch umfangreicher als bisher ausfallen müssten.

Was erwarten die Euro-Partner nun von Athen?

Die Euro-Länder sehen nach dem Referendum Athen am Zug. "Die Minister erwarten neue Vorschläge von der griechischen Regierung", erklärte die Eurogruppe vor ihrem für Dienstag angesetzten Sondertreffen zu Griechenland, mit dem ein Gipfel der Währungsunion am Abend desselben Tages vorbereitet wird. Bisher sind die Euro-Staaten sich nicht einig, ob sie mit Athen über ein weiteres Hilfsprogramm verhandeln sollen. Während die Bundesregierung dafür "zur Zeit" keine Grundlage sieht, zeigt sich Spanien gesprächsbereit.

Warum trat Finanzminister Giannis Varoufakis zurück?

Varoufakis' Verhandlungsstil und seine scharfe Rhetorik stießen in den vergangenen Monaten bei seinen Kollegen aus der Eurozone immer wieder auf Kritik. Das Fass zum Überlaufen brachte dann wohl eine Äußerung vom Samstag, als der Ökonom den Geldgebern "Terrorismus" vorwarf.

Erleichtert der Rücktritt künftige Gespräche?

Die Euro-Finanzminister könnten die Personalie als Versuch des Neuanfangs sehen, wobei Varoufakis im Hin und Her der Verhandlungen letztlich keine Entscheidungen ohne das Einverständnis von Tsipras fällte. Der für den Euro zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, stellte zudem fest, die Ablehnung der bisherigen Politik der Geldgeber bei der Volksabstimmung habe "unglücklicherweise die Kluft zwischen Griechenland und anderen Ländern der Eurozone vergrößert".

Was macht die EZB?

Seit der Ankündigung des Referendums wartete die Europäische Zentralbank (EZB) ab. Sie beließ die Höhe ihrer Notkredite für die griechischen Banken seit dem 28. Juni unverändert. In den Wochen davor hatte sie den Rahmen immer weiter erhöht.

Wann droht Athen der Staatsbankrott?

Griechenland geriet als erster Industriestaat überhaupt beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Zahlungsverzug, als Athen Ende Juni 1,5 Milliarden Euro nicht zurückzahlte. Die großen Ratingagenturen stellen einen Staatsbankrott in der Regel erst dann fest, wenn ein Land private Gläubiger nicht mehr bedient. Am Freitag werden kurzfristige Staatsanleihen im Wert von zwei Milliarden Euro fällig, die vor allem von Privatgläubigern gehalten werden. Die Regierung in Athen könnte sich auch selbst für bankrott erklären - etwa wenn sie auch Löhne und Gehälter nicht mehr zahlen kann.

Kommt dann der Grexit?

Niemand kann Athen zwingen, den Euro zu verlassen. Stellt die EZB aber die Notversorgung der griechischen Banken ein, sitzt das Land de facto finanziell auf dem Trockenen. Bei einem Kollaps seines Finanz- und Wirtschaftssystems könnte Griechenland dann keine Wahl mehr haben, als zur Drachme zurückzukehren oder zumindest eine Parallelwährung einzuführen.

Wie könnte ein Euro-Austritt funktionieren?

Auch ein freiwilliger Austritt aus dem Euro ist nicht vorgesehen. Rechtlich möglich wäre lediglich ein Verlassen der EU - damit wäre auch die Euro-Mitgliedschaft beendet. Um in die EU zurückzukehren, müsste Griechenland einen neuen Beitrittsantrag stellen. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich Athen und die anderen Euro-Staaten vertraglich auf ein anderes Verfahren einigen.

Natürlich hat er sein eigenes Risikomanagement betrieben. Die Firma hat auch ein Bankkonto in Deutschland, damit kann er die für die Produktion benötigten Rohstoffe noch bezahlen. Und auch die fünf chemischen Labors des Unternehmens müssen noch nicht darben, sie entwickeln schließlich jedes Jahr 15 bis 20 neue Produkte.

Die Zukunft sieht Tziritis trotzdem eher skeptisch. Regierungschef Tsipras sei nun schon sechs Monate an der Macht, erreicht habe er bislang gar nichts. Seine Wirtschaftsberater – wie etwa der neue Finanzminister Tsakalotos und dessen Vorgänger Varoufakis – seien „marxistische Theoretiker, die nie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben.“ Und Premier Tsipras „ein charismatischer Demagoge“, dem die anderen Parteien nichts entgegenzusetzen hätten. „Wissen Sie, wer Tsipras zum Ausgang des Referendums gratuliert hat? Fidel Castro, das sagt doch schon alles“, schimpft Tziritis.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

09.07.2015, 09:05 Uhr

Nichts für ungut liebes Handelsblatt, aber wenn diese Unternehmen schon als "Griechische Tiger" bezeichnet werden, dann wird Griechenland nie eine Volkswirtschaftlichen Mehrwert = wirtschaftliche Wertschöpfung erbringen können.
Das sind keine Tiger, sondern Schmusekätzchen.
Griechenland brachaucht eine von Staat unterstützten Industrieaufbau. Eine Grundstoffindustrie. Eine Industriebranche die die Menschen in Griechenland in Massen an der wirtschaftlichen Wertschöpfung teilhaben lässt = Arbeitsplätze schafft. Für den inländischen Konsum und auch für den Export. Die griechische Regierung muss hier endlich ein Wirtschaftsprogramm auflegen und nicht immer wieder das erhaltenden EURO-EU Steuergeld in ihrem Beamten- und Staatsapparat umverteilen. Mit Umverteilung ist noch nie eine wirtschaftliche Wertschöpfung und damit ein Mehrwert für eine Gesellschaft generiert worden.

Herr Marc Otto

09.07.2015, 09:37 Uhr

Bei allem Respekt, aber GR braucht einen generellen Sinnes-Wandel. Die GR sind noch immer gefangen in ihrer Verehrung von Alexander dem großen Völkermörder (Vernichter des Persischen Reiches). d.h. ein Grieche denkt, dass andere für ihn arbeiten MÜSSEN (als Sklaven, Opfer,..).

Und so lange man diese Denke nicht korrigiert, wird GR nicht auf die Beine kommen.

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