Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.04.2013

15:52 Uhr

„Unverschämtheit“

IG Metall lehnt Arbeitgeber-Angebot ab

Die IG Metall ist empört: Eine „Unverschämtheit“ sei die Offerte der Arbeitgeber. Letztere hatten 2,3 Prozent mehr Lohn für 13 Monate angeboten. Die IG Metall bekräftigt nun ihre Forderung nach 5,5 Prozent mehr Lohn.

Mehrere tausend Menschen nehmen mit Schildern und Plakaten an einer Demonstration der IG Metall in München teil. Die IG Metall fordert für die insgesamt 3,7 Millionen Beschäftigten der Branche 5,5 Prozent mehr Geld. dpa

Mehrere tausend Menschen nehmen mit Schildern und Plakaten an einer Demonstration der IG Metall in München teil. Die IG Metall fordert für die insgesamt 3,7 Millionen Beschäftigten der Branche 5,5 Prozent mehr Geld.

München/Hamburg/LudwigsburgIn den Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie liegen die Vorstellungen von Arbeitgebern und Gewerkschaften weit auseinander. In Bayern und Baden-Württemberg unterbreiteten die Arbeitgeber am Freitag zum Auftakt der zweiten Verhandlungsrunde ein erstes Angebot. Demnach sollen die Löhne der Schlüsselbranche in dem Bundesland zum 1. Juli um 2,3 Prozent steigen, wie die Verbände der Metall- und Elektroindustrie beider Bundesländer mitteilten. Der neue Tarifvertrag soll bis Ende Mai 2014 und damit 13 Monate laufen. Die IG Metall fordert dagegen ein Plus von 5,5 Prozent über eine Laufzeit von zwölf Monaten. Die Gewerkschaft wies die Offerte umgehend als zu niedrig zurück.

In München verhandeln Gewerkschaft und Arbeitgeber für 770.000 Beschäftigte, in Ludwigsburg gleichzeitig für 740.000 Beschäftigte in Baden-Württemberg. Der erste Bezirk, der einen Abschluss erzielt, gibt in der Regel aber das Ergebnis für die gesamte Branche mit ihren 3,7 Millionen Beschäftigten vor.

Gewerkschaften fordern bis zu 6,6 Prozent mehr Lohn und Gehalt

Diesjährige Tarifrunde

In der diesjährigen Tarifrunde fordern die Gewerkschaften zwischen fünf und 6,6 Prozent mehr Lohn und Gehalt. Wie das WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zum Start der Tarifrunde 2013 mitteilte, laufen in diesem Jahr für rund 12,5 Millionen Beschäftigte die Lohn- und Gehaltstarifverträge aus.

Tarifforderung im öffentlichen Dienst

Nach einer Übersicht der Stiftung lautet die Tarifforderung im öffentlichen Dienst der Länder 6,5 Prozent. Erster Verhandlungstermin ist der 31. Januar. Bei der Deutschen Bahn fordert die Verkehrsgewerkschaft EVG ebenfalls 6,5 Prozent. Für die Holz- und Kunststoffindustrie, wo regional bereits verhandelt wird, will die IG Metall fünf Prozent mehr Geld für die Beschäftigten.

Verhandlungen in der Energiewirtschaft

In der Energiewirtschaft beträgt die Forderung der Gewerkschaften ver.di und IG BCE 6,5 Prozent. Verhandelt wird in einzelnen Energieunternehmen und regionalen Verbänden. Bei E.ON laufen nach der ergebnislosen dritten Runde und einem Arbeitgeberangebot von 1,7 Prozent die Vorbereitungen für Urabstimmung und Arbeitskampf.

Verträge der IG Metall und der IG Bau

In der Eisen- und Stahlindustrie laufen die Verträge Ende Februar aus. Die IG Metall hat noch keine konkrete Forderung aufgestellt. Im Bauhauptgewerbe geht die IG BAU mit einer Tarifforderung von 6,6 Prozent in die Verhandlungen. Die Verträge laufen Ende März aus.

Der Einzelhandel

Im Einzelhandel haben die Arbeitgeber bundesweit sämtliche Einkommens- und Manteltarifverträge gekündigt. Ver.di bewertet das als Generalangriff auf die Tarifstandards. Die Verträge laufen regional unterschiedlich Ende März, April und Mai aus. Eine konkrete Tarifforderung von ver.di liegt noch nicht vor. Im Bereich Nahrung-Genuss-Gaststätten fordert die Gewerkschaft NGG zwischen fünf und 6,0 Prozent mehr Geld.

Sonstige Branchen

Branchen, in denen in diesem Jahr ebenfalls verhandelt wird, sind unter anderem: Metall- und Elektroindustrie (April), Deutsche Post (März), Versicherungsgewerbe (März), Groß- und Außenhandel (März/April), Kfz-Gewerbe (April/Mai), Volkswagen (Juni), Maler- und Lackiererhandwerk (September), Leih-/Zeitarbeit (Oktober).

Tarifsteigerungen 2012

Im vergangenen Jahr betrug die jahresbezogene Tarifsteigerung nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung 2,7 Prozent (2011: Zwei Prozent). Dies habe zu einer realen (preisbereinigten) Anhebung der Tarifverdienste um 0,7 Prozent geführt.

Die Verhandlungsführerin des bayerischen Metallverbandes, Angelique Renkhoff-Mücke, sagte, die Offerte bedeute für die Beschäftigten einen deutlichen Reallohnzuwachs und sichere Beschäftigung. Der Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall Stefan Wolf ergänzte, mehr sei angesichts der teils schwierigen Lage der Betriebe nicht darstellbar. Zuletzt hatte Wolf für den Fall eines hohen Tarifabschlusses mit Stellenabbau gedroht. In den Unternehmen gebe es tendenziell einen Personalüberhang, viele Unternehmen hätten noch den üppigen Abschluss des vergangenen Jahres zu verkraften. Ein Drittel der Betriebe kämpfe derzeit mit einer schwachen Auftragslage, weit mehr als ein Drittel der Unternehmen habe schon im vergangenen Jahr keine Gewinne mehr geschrieben.

„Dieses Angebot provoziert den Konflikt“, kritisierte der baden-württembergische Bezirksleiter der IG Metall, Jörg Hofmann. Das Angebot bedeute wegen der zwei Monate ohne Erhöhung nach Auslaufen des alten Tarifvertrages ein Plus von 1,9 Prozent und gleiche damit nicht einmal die Inflationsrate aus. „Statt Impulse für mehr Nachfrage zu setzen, gefährdet dieses Angebot Beschäftigung und Investitionen“, sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Er kündigte Warnstreiks ab Anfang Mai an, wenn die Friedenspflicht ausgelaufen ist. Mehrere Tausend Metallbeschäftigte demonstrierten für ihre Forderung vor dem Verhandlungsort in Ludwigsburg. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von Daimler, Erich Klemm, drohte, wenn es bei diesem Angebot bleibe, bekämen die Unternehmen den Unmut der Arbeitnehmer auch in den Betrieben zu spüren.

Gehälter ausgewählter Dax-Chefs 2012

Infineon - Reinhard Ploss / Peter Bauer

Zum Ende des Infineon-Geschäftsjahrs (30. September 2012) wechselte auch der Vorstandschef. Reinhard Ploss übernahm von Peter Bauer den Posten.

Bauer hatte 2011/12 insgesamt 2,9 Millionen Euro verdient und damit etwas deutlich weniger als 2011 (3,7 Millionen Euro).

Kurt Bock - BASF

Der Chef des Chemiekonzerns, Kurt Bock, verdiente mit 5,29 Millionen Euro im Jahr 2012 nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr. Er hatte sein Amt im Mai 2011 angetreten.

Marijn Dekkers - Bayer

Marijn Dekkers, Niederländer an der Spitze des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, hat im Jahr 2012 insgesamt 5,06 Millionen Euro verdient, nach 4,49 Millionen Euro im Vorjahr.

Stefan Heidenreich - Beiersdorf

Ende April hatte Stefan Heidenreich beim Kosmetikkonzern Beiersdorf das Amt des Vorstandschefs übernommen. Im Jahr 2012 verdiente er 2,6 Millionen Euro.

Herbert Hainer - Adidas

Das Adidas-Ergebnis fiel 2012 vor allem wegen eines schwachen Geschäfts der Marke Reebok nicht so rosig aus. Adidas-Chef Herbert Hainer verdiente 2012 insgesamt 4,18 Millionen Euro und damit 28 Prozent weniger als 2011 (5,14 Millionen Euro).

Heinrich Hiesinger - Thyssen-Krupp

Bei Thyssen-Krupp kämpft Vorstandschef Heinrich Hiesinger mit der Aufarbeitung diverser Skandale und Fehlinvestitionen. Im Geschäftsjahr 2011/2012 (bis 30. September) verdiente er 3,85 Millionen Euro.

Karl-Ludwig Kley - Merck

Der Vorstandschef des Pharmakonzern verdiente 2012 insgesamt 5,52 Millionen Euro und damit fast ein Drittel mehr als 2011 (4,2 Millionen Euro).

Peter Löscher - Siemens

Der Österreicher verdiente im Geschäftsjahr 2011/2012 insgesamt 7,87 Millionen Euro, im Jahr zuvor waren es 8,74 Millionen Euro.

René Obermann - Deutsche Telekom

Ende 2013 gibt René Obermann sein Amt an den jetzigen Finanzvorstand Timotheus Höttges weiter. Obermann verdiente 2012 insgesamt 3,78 Millionen Euro und damit nahezu unverändert so viel wie 2011 (3,85 Millionen Euro).

Wolfgang Reitzle - Linde

Der Linde-Chef hat gesagt, kein Interesse an einer Vertragsverlängerung zu haben. Im Jahr 2012 verdiente er bei dem Industriegase-Spezialisten 6,9 Millionen Euro, fast genau so viel wie ein Jahr zuvor.

Kasper Rorsted - Henkel

Der dänische Chef des Konsumgüter- und Klebstoffkonzerns Henkel, Kasper Rorsted, hat im Jahr 2012 insgesamt 6,18 Millionen Euro verdient, ein sattes Plus von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (4,79 Millionen Euro).

Peter Terium – RWE

Zur Jahresmitte 2012 hatte Peter Terium den Spitzenposten beim Energiekonzern RWE angetreten. Er verdiente im Jahr 3,8 Millionen Euro, ein sinnvoller Vergleich zum Vorjahr ist nicht möglich.

Martin Winterkorn - Volkswagen

Der VW-Chef erhält rund 14,5 Millionen Euro für das abgelaufene Jahr (2012) und damit 5,5 Millionen weniger, als ihm nach den zuletzt gültigen Kriterien zugestanden hätten.

Damit will VW verhindern, erneut ins Zentrum einer Diskussion um hohe Managementbezüge zu geraten wie 2011, als Winterkorn mehr als 17 Millionen Euro verdiente.

Dieter Zetsche - Daimler

Der Daimler-Vorstandschef hat im vergangenen Jahr inklusive Aktienoptionen 8,15 Millionen Euro verdient. Das war etwas weniger als 2011 (8,65 Millionen Euro).

Quelle

Geschäftsberichte / Hostettler, Kramarsch & Partner

Verhandlungsführer Hofmann sagte, die Geschäftslage der Unternehmen sei robust und nicht annähernd so schlecht wie von den Arbeitgebern dargestellt. Die Unternehmen hätten insgesamt im vergangenen Jahr mehr als 50 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Im Südwesten waren in vergangenen Jahren mehrfach wegweisende Abschlüsse in der Branche vereinbart worden, die anschließend bundesweit übernommen wurden. In dieser Tarifrunde machen sich auch die Bayern Hoffnungen auf einen Pilotabschluss. Die alten Tarifverträge laufen Ende April aus, unmittelbar danach kann die Gewerkschaft zu Warnstreiks aufrufen. Experten gehen davon aus, dass ein Abschluss nicht so schnell erreicht wird, wie anfangs erhofft.

Im vergangenen Jahr war die IG Metall mit einer Forderung nach 6,5-prozentigen Lohn- und Gehaltssteigerungen in die Verhandlungen gegangen - und hatte 4,3 Prozent durchgesetzt, die kräftigste Erhöhung seit 20 Jahren.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×