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08.10.2015

21:18 Uhr

US-Anhörung zum Dieselgate bei VW

Die 68-Milliarden-Dollar-Drohung

VonThomas Jahn

Als erster VW-Manager stellte sich US-Chef Michael Horn den Fragen eines Ausschusses im US-Kongress. Mit seinem Stil konnte er überzeugen, gar Sympathien wecken. Aber Horn ist hilflos angesichts der Wut der Amerikaner.

Der US-Chef von VW, Michael Horn, musste sich am Donnerstag dem US-Kongress stellen. AFP

VW-Manager im Kreuzverhör

Der US-Chef von VW, Michael Horn, musste sich am Donnerstag dem US-Kongress stellen.

New YorkImmer wieder und wieder schwärmten die Abgeordneten des US-Repräsentantenhauses von Volkswagen. Der Texaner Joe Barton hatte „immer höchsten Respekt für die Marke Volkswagen“. Vorsitzender Tim Murphy erklärte gar seine Liebe zu seinem ersten Auto: „Ich konnte den Motor auseinanderbauen und wieder zusammensetzen“.

Immer wieder und wieder erzählten die Politiker dann von der umso größeren Enttäuschung, die der Skandal um die Dieselfahrzeuge bei ihnen auslöste. Volkswagen schummelte mit einer Software, die den wahren Ausstoß von Stickoxiden verschleierte. Das sei kein Versehen oder Produktionsfehler gewesen, erzürnte sich Barton, das sei mit Vorsatz geschehen, das sei „schlicht falsch“ und „die Strafe muss mehr als eine Verwarnung sein“.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Bislang hat Volkswagen rund sieben Milliarden Dollar zurückgelegt, um den Rückruf und Strafen zu bezahlen, berichtete Michael Horn, der als US-Chef von Volkswagen am Donnerstag zwei Stunden lang einem Untersuchungsausschusses des US-Repräsentantenhauses Rede und Antwort stand. Viel zu wenig Geld, sagte Chris Collins, Abgeordneter von New York: „68 Milliarden Dollar kommen dem schon näher“.

Die Wut ist groß in Amerika – und die wird teuer. Horn musste sich zwei Stunden lang Vorwürfe um Vorwürfe anhören. „Lügen“, „Arroganz“, hieß es, „Betrug“. „Die Verbraucher sind fuchsteufelswild“, sagte Peter Welch aus Vermont und las einige der Aussagen der VW-Besitzer aus seinem Distrikt vor.

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Horn schlug sich angesichts der Umstände gut. In dunklen Anzug und blauer Krawatte saß er im Ausschuss für Energie und Handel des US-Repräsentantenhauses. Beim Reinkommen lächelte er noch, schüttelte Hände mit einigen VW-Händlern, die im Publikum saßen. Ein Schwarm von Kameraleuten und Fotografen umgab ihm, als er kurz vor 10 Uhr Ortszeit Washington den Raum betrat.

Während der Anhörung saß Horn dann mit ernstem Gesicht, Mundwinkel nach unten gezogen, vor der Abgeordneten. Alles an dem 52-Jährigen drückte Sorge aus. Seine Antworten waren anfangs sehr kurz, aber mit der Zeit brach Horn aus. Der Manager ist für seine direkte Art bekannt, der ohne Rücksicht auf interne Unternehmenspolitik seine Meinung sagte und Probleme beim Namen nannte.

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