Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.04.2013

14:36 Uhr

US-Haushaltsnöte

Boeing fürchtet den Sparhammer

VonNils Rüdel

Die Probleme mit dem Pannenflieger „Dreamliner“ scheint Boeing überstanden zu haben. Doch jetzt droht der Sparkurs der Regierung dem Flugzeug- und Rüstungskonzern das Geschäft zu verhageln.

Dreamliner von United Airlines: Der Pannenflieger darf wieder abheben. Reuters

Dreamliner von United Airlines: Der Pannenflieger darf wieder abheben.

New YorkEs ist ein kleiner, feuerfester Stahlkasten – und er muss den Ruf eines ganzen Konzerns retten. Um die Bord-Batterien herumgebaut, soll er künftig verhindern, dass es im neuen Prestige-Flieger „Dreamliner“ des US-Flugzeugbauers Boeing zur Katastrophe kommt. Oder zur Beinahe-Katastrophe. Wie im Januar, als an Bord zweier Maschinen die Akkus schmorten oder Feuer fingen. Nach den Vorfällen hatten die Behörden der gesamten Flotte Startverbot erteilt. Es war ein Image-Desaster sondergleichen.

Dank des neuen Stahlkastens aber, der in jeden „Dreamliner“ eingebaut werden soll, haben das US-Luftfahrtamt FAA und die europäische Easa den Bann inzwischen aufgehoben. Rechtzeitig zur Vorlage der Zahlen aus dem ersten Quartal, die Firmenchef Jim McNerney am heutigen Mittwoch bekannt gegeben hat.

Die gute Nachricht für Investoren: Trotz der in der Zivilluftfahrt einzigartigen Sperre ist Boeing mit einem Gewinnplus ins neue Jahr gestartet. Weil der Hersteller mehr Flugzeuge der Modelle 777 und 737 auslieferte, konnte er die Ausfälle der 787 nahezu wettmachen. Der Umsatz fiel zwar um drei Prozent auf 18,9 Milliarden Dollar, der Gewinn stieg aber um 5,3 Prozent auf 1,87 Milliarden Dollar. Gleichzeitig bekräftige Boeing den Ausblick fürs laufende Jahr.

Pannenserie des Boeing Dreamliner

Produktionsprobleme

Vor allem die anspruchsvolle Konstruktion der 787, die aus vielen Karbonteilen besteht, hatte zu langen Verzögerungen bis zur ersten Auslieferung geführt. Ein Jungfernflug war ursprünglich für August 2007 vorgesehen, er fand schließlich am 15. Dezember 2009 statt.

Ermahnungen wegen Triebwerken

Im September 2012 hatte die amerikanische Transportsicherheitsbehörde vor Problemen mit bestimmten Dreamliner-Triebwerken des Lieferanten General Electric (GE) gewarnt. Die Flugaufsichtsbehörde wurde zu Kontrollen ermahnt. Der Konzern änderte die Beschichtung von Triebwerkteilen, um dem Problem Herr zu werden.

Explosion eines Triebwerks

Noch vor der Inbetriebnahme einer neuen Boeing 787 hatte im Juli 2012 ein Triebwerk einer für Air India vorgesehenen Maschine bei einem Rolltest in den USA Probleme bereitet. Ein Bauteil brach und führte zu einer Explosion des Antriebsaggregats.

Bauchschmerzen bei Air India

In den ersten Monaten nach der Inbetriebnahme von drei Dreamlinern für Air India im Jahr 2012 gab es immer wieder Probleme – etwa mit dem Kühlungssystem der Maschinen. Indische Medien berichteten, dass eigentlich immer ein Flugzeug aus dem Trio wegen Problemen am Boden bleiben musste.

Probleme mit der Elektronik

Im Dezember 2012 war eine 787 von United Airlines zu einer Notlandung gezwungen, nachdem einer von sechs Stromgeneratoren an Bord den Dienst versagte, eine zweite Maschine hatte ähnliche Probleme.

Explodierte Batterie

Anfang Januar 2013 löste eine Explosion an Bord eines Boeing Dreamliner einen Brand an Bord einer Japan-Airlines-Maschine am Flughafen von Boston aus. Die Probleme erweisen sich als folgenschwer: Mehrere Wochen werden sämtliche 787 weltweit von den Aufsichtsbehörden am Boden gehalten.

Treibstoffleck

Ebenfalls ein Japan-Airlines-Jet war im Januar 2013 von einem Treibstoffverlust betroffen, der zu einem Abbruch eines Starts – ebenfalls in Boston – führte. Bereits im Dezember hatten alle Boeing-Flugzeuge des Typs 787 am Boden bleiben müssen. Die US-Luftfahrtbehörde FAA hatte eine Überprüfung der Maschinen angeordnet, nachdem bei zwei der Flugzeuge Treibstoff ausgelaufen war.

Bremsprobleme

Wegen Problemen mit den Bremsen einer Maschine strich die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA) einen Inlandsflug nach Tokio. Als Grund nannte eine ANA-Sprecherin eine Störung des Computers, der das Bremssystem steuert. Der Computer sollte ausgetauscht werden.

Notlandung

Nach einem im Cockpit angezeigten Batteriedefekt und einem ungewöhnlichen Geruch an Bord, macht ein ANA-Dreamliner in Japan Mitte Januar 2013 einen Notlandung. Zunächst wird die gesamte Flotte von 17 Maschinen des Typs außer Dienst genommen – der Konkurrent Japan Airlines folgt dem Beispiel.

Peilsender fängt Feuer

Im Juli 2013 fängt ein Notfall-Peilsender einer abgestellten Boeing 787 auf einem Londoner Flughafen Feuer – auch hier soll ein Akku Grund für den Brand gewesen sein.

Toilette defekt

Wegen einer Störung in der Toilettenanlage ist ein Boeing 787 Dreamliner der Japan Airlines (JAL) umgekehrt, nachdem er bereits fünf Stunden auf dem Weg von Moskau nach Tokio unterwegs war. An Bord seien 141 Passagiere gewesen, sagte ein JAL-Sprecher. Als Ursache werde ein technischer Defekt vermutet.

Die Folgen des „Dreamliner“-Desasters sind aber noch nicht klar. Zwar sind die Kunden dem Konzern in den vergangenen Monaten treu geblieben. Doch nach wie vor drohen Forderungen nach Schadenersatz, so dass noch nicht klar ist, wie viel Geld der Bann und die Überholung der Maschinen den Airbus-Konkurrenten nun kosten könnte. Und noch immer ist die Brandursache nicht gefunden.

Doch die „Dreamliner“-Pannen sind nicht Boeings einziges Problem. Das andere lauert in Washington: Angesichts gigantischer Schulden muss die Regierung sparen. Das betrifft auch das Verteidigungsministerium – für das Boeing nach Lockheed Martin der zweitwichtigste Zulieferer ist, mit Aufträgen im Wert von 28,7 Milliarden Dollar.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Pentagon die Ausgaben zurückgefahren, doch in diesem Jahr wird es noch härter: Gemäß der Zwangs-Sparmaßnahmen, Sequester genannt, die am 1. März in Kraft getreten sind, muss Verteidigungsminister Chuck Hagel über die kommenden zehn Jahre knapp 500 Milliarden Dollar zusammenstreichen.

US-Präsident Barack Obama hatte zuletzt zwar einen Haushalt vorgeschlagen, der die Kürzungen beim Militär verschieben und abmildern soll. Doch das ändert nichts am neuen Wind, der in Washington weht: Alle müssen sparen.

Auf Rüstungsfirmen wie Boeing „wird sich das sicher auswirken“, sagte Branchenanalyst Byron Callan von Capital Alpha Partners in Washington der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. „Aber es wird sich erst über eine längere Zeit zeigen.“ Verträge mit der Regierung sind schließlich auf Jahre angelegt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×