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07.10.2015

20:57 Uhr

US-Kongress prüft Diesel-Skandal

„Volkswagen führt uns besser nicht an der Nase herum“

Der US-Chef von VW muss im Kongress Rede und Antwort stehen. Die Abgeordneten wollen wissen, wie genau die Manipulation der Fahrzeuge vonstattenging. Der Senat prüft derweil, ob zu Unrecht Vergünstigungen gezahlt wurden.

In den USA sind 480.000 Autos von dem Skandal betroffen, weltweit sind es elf Millionen. Reuters

VW im Kreuzverhör

In den USA sind 480.000 Autos von dem Skandal betroffen, weltweit sind es elf Millionen.

WashingtonDer US-Chef des deutschen Autobauers Volkswagen, Michael Horn, will im Skandal um manipulierte Abgaswerte Abbitte vor dem US-Kongress leisten. „Im Namen unseres ganzen Unternehmens und meiner Kollegen in Deutschland möchte ich eine aufrichtige Entschuldigung anbieten“, heißt es in einer am Mittwochabend vorab veröffentlichten Stellungnahme Horns für eine Anhörung vor US-Politikern am Donnerstag.

„Wir werden mit allen zuständigen Behörden voll kooperieren“, verspricht Horn in dem Redemanuskript. VW übernehme die volle Verantwortung und werde Mittel finden, um seine Kunden zu entschädigen. Aber der Manager bat auch um Geduld - es stehe viel Arbeit bevor, die Aufklärung werde noch dauern. „Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, alle Aspekte des Falls zu untersuchen.“

Horn erklärte, im Frühling des vergangenen Jahres von möglichen Verstößen gegen Emissionsregeln erfahren zu haben. Ihm sei auch mitgeteilt worden, dass die US-Umweltbehörde EPA Strafen verhängen könnte. Der seit Anfang 2014 amtierende US-Chef informierte den Kongress zudem, dass VW den Zulassungsantrag für die Fahrzeuge des Modelljahres 2016 zurückgezogen habe. „Wir arbeiten mit den Behörden zusammen, um das Zerfifizierungsverfahren fortzusetzen.“

Der Kongress in Washington läutet mit einer Anhörung Horns formell seine Untersuchung des Abgasskandals bei dem deutschen Autobauer ein. Die Abgeordneten wollen am Donnerstag von ihm erfahren, wie genau die von Volkswagen eingestandene Manipulation der Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen vonstattenging. „Wir haben viele Fragen, wir haben nur sehr wenige Antworten“, sagte die Abgeordnete Diana DeGette. Bei der Untersuchung wird es ihrer Kollegin Marsha Blackburn zufolge auch darum gehen, ob andere Autohersteller betroffen seien. Zudem muss die Umweltbehörde EPA darlegen, warum es so lange dauerte, bis der Skandal aufgedeckt wurde. Die Abgeordneten wollen DeGette zufolge aber auch klären, ob die Standards für Diesel-Autos womöglich zu streng sind.

Horn soll alleine und unter Eid vor einem Gremium des Energie- und Handelsausschusses im Repräsentantenhaus aussagen. „Die Botschaft an Volkswagen lautet, dass sie uns besser nicht an der Nase herumführen“, sagte ein Kongressmitarbeiter. Er verwies darauf, dass der Ausschuss die Herausgabe von Informationen erzwingen könne. Einige Kongressberater kritisieren, dass VW nur zögerlich angefragte Dokumente herausgerückt habe, womöglich wegen interner Turbulenzen.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

In den USA sind 480.000 Autos von dem Skandal betroffen, weltweit sind es elf Millionen. VW hat in den USA Entschuldigungsbriefe an die Kunden verschickt.

Der US-Senat prüft zudem, ob in den Vereinigten Staaten zu Unrecht Steuervergünstigungen für VW-Diesel-Autos gezahlt worden sind. Der einflussreiche Finanzausschuss teilte am Mittwoch in Washington mit, Volkswagen könne mit Hilfe der Software zur Manipulation der Abgaswerte möglicherweise eine Bescheinigung für Steuervergünstigungen erhalten haben. Die Käufer von Autos mit geringem Spritverbrauch seien zeitweilig mit 1300 Dollar (1160 Euro) unterstützt worden.

Zusammengerechnet könnten Autokäufer und Volkswagen demnach Subventionen in Höhe von 50 Millionen Dollar erhalten haben. Das Unternehmen habe auf diese Weise möglicherweise seine Verkaufszahlen steigern können.

Angesichts des Abgas-Skandals stelle sich die Frage, ob Volkswagen gegenüber der US-Regierung falsche Angaben in den Zertifikaten für Steuererleichterungen gemacht habe, erklärte der Ausschussvorsitzende Orrin Hatch in einem Volkswagen am Dienstag zugesandten Brief. Darin wird Volkswagen aufgefordert, alle Dokumente und Briefwechsel vorzulegen, in denen es um Anträge für Steuererleichterungen für Diesel-Autos der Marken Golf, Jetta und Audi im Zeitraum von 2007 bis 2011 geht. Der Ausschuss setzte Volkswagen eine Frist bis Ende Oktober.

Hans-Werner Sinn

„USA haben deutsche Autobauer bewusst ausgeschlossen“

Hans-Werner Sinn: „USA haben deutsche Autobauer bewusst ausgeschlossen“

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Dem Unternehmen droht in den USA bereits eine Strafe der Umweltbehörde EPA in Höhe von 18 Milliarden Dollar. Der USA-Chef des Autobauers, Michael Horn, muss am Donnerstag im Washingtoner Kongress wegen des Abgas-Skandals Rede und Antwort stehen.

Volkswagen hat zugegeben, in den USA bei Dieselfahrzeugen Abgastests manipuliert zu haben. Mit Hilfe einer speziellen Software wurden im Testbetrieb deutlich weniger gesundheitsschädliche Stickoxide gemessen als im regulären Betrieb tatsächlich ausgestoßen wurden. Die Software ist weltweit in bis zu elf Millionen Fahrzeugen des Konzerns verbaut.

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