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19.01.2016

10:05 Uhr

US-Raffinerie mit Preisfehler

Wenn der Ölpreis unter Null fällt

VonAxel Postinett

US-Raffinerien verlangen kurzzeitig 50 Cent pro Barrel vom Erzeuger, um qualitätsarmes Rohöl abzunehmen. Dann wird der „Negativpreis“ dementiert. Amerikanische Banken sind dennoch alarmiert. Der Grund: Ölkredite.

Raffinerien im US-Bundesstaat Kansas verlangen 0,50 Dollar pro Barrel vom Erzeuger, um das qualitätsarme „North Dakota Sour“ abzunehmen. Reuters

Negativer Ölpreis

Raffinerien im US-Bundesstaat Kansas verlangen 0,50 Dollar pro Barrel vom Erzeuger, um das qualitätsarme „North Dakota Sour“ abzunehmen.

San FranciscoEs klang so absurd, dass man es für unmöglich hielt – und das war es am Ende auch. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg verlangten die Raffinerien der Flint Hills Resources in Wichita im US-Bundesstaat Kansas 0,50 Dollar pro Barrel vom Erzeuger, um das qualitätsarme „North Dakota Sour“ abzunehmen.

Rohöl ist nicht gleich Rohöl und das „Sour“ ist reich an Sulfaten und teurer zu verarbeiten. Während die Welt auf Öl aus der Golfregion oder der Nordsee schaut und sich fragt, wie weit der Preis noch unter 30 Dollar für ein Fass fallen könnte, wird für viele US-Sorten, darunter auch höherwertige Sorten aus North Dakota, ohnehin längst nur noch zwischen 15 oder 22 Dollar bezahlt.

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Der Tankstellenpächter schaut ängstlich in den Tank: Der Preisrutsch kostet ihn oft bares Geld.

Kurz drauf dementierte ein Sprecher von Flint Hills Resources diesen Negativpreis – die Preisliste wurde von der Website gelöscht. Die Angaben seien versehentlich gemacht worden, korrekt sei ein Preis von 1,50 Dollar. Unklar blieb, wie es zu dem Fehler kam.

Trotzdem ist der Sturz nahe des Negativ-Territoriums ein Schock für die US-Wirtschaft. Am 5. Januar zahlte die Flint-Raffinerie, die zum Imperium der Koch-Brüder gehört, noch über sechs Dollar. Jetzt müssen die Produzenten hoffen, dass der Weltmarktpreis wieder anzieht und sie im Schlepptau profitieren. Sonst wird es eng – und die Zeichen stehen schlecht.

Ein guter Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre in den USA ist der Ölindustrie zu verdanken, die in den goldenen Zeiten von Ölpreisen jenseits der 100 Dollar auch die teuersten Produktionsverfahren angeschmissen hatte. Tief aus der Erde oder aus öligem Schlamm wird mit Milliarden von Litern Trinkwasser und giftigen Chemikalien das letzte Tröpfchen Öl gepresst. Bundesstaaten wie Texas oder North Dakota erlebten einen kleinen Boom bei Arbeitsplätzen und Immobilienpreisen.

Die Chronik des Ölpreisverfalls

Der Verfall

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzt dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,7 Dollar. Derzeit kostet ein Fass Öl aus der Nordsee weniger als 33 Dollar.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will oder kann. Stattdessen kämpfen die Kartellmitglieder mit Rabatten um ihre Marktanteile. Diese Preis-Meilensteine durchschritt die Ölsorte Brent seit Anfang 2015:

7. Januar 2015

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar 2015

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009.

3. Februar 2015

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai 2015

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. August 2015

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August 2015

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet das Nordsee-Öl so wenig wie zuletzt im März 2009.

8. Dezember 2015

Nachdem die Opec ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

21. Dezember 2015

Brent kostet mit rund 36 Dollar so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

4. Januar 2016

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen im sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem Iran und dem Königreich. Dies macht eine gemeinsame Linie der beiden Opec-Mitglieder in der Ölpolitik unwahrscheinlich. Die Preise nehmen ihre Talfahrt wieder auf.

7. Januar 2016

Brent stürzt um sechs Prozent auf 32,16 Dollar ab und notiert damit so niedrig wie zuletzt im April 2004. Damals hatte der Preis zuletzt die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Das ist jetzt in Gefahr. Seit 2015 gingen Zehntausende Jobs in der US-Ölindustrie wieder verloren. Kleinere Unternehmen gingen bankrott. Wie die üblicherweise gut informierte Webseite Zerohedge unter Berufung auf Brancheninsider berichtet, hat sich die texanische Zentralbank bereits mit großen und kleinen Geldhäusern getroffen, um über deren Kredite an die Ölindustrie zu sprechen.

Dabei soll es auch darum gegangen sein, im Zweifel keine Konkursverfahren voranzutreiben, sondern zuerst zu versuchen, die säumigen Unternehmen zu Verkäufen von Anlagevermögen zu bewegen. Die Fed sah sich am Montag dann genötigt auf Twitter zu antworten. „Das ist nicht richtig“, heißt es. „Die Dallas-Fed gibt solche Richtlinien nicht heraus.“

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