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26.04.2015

00:00 Uhr

US-Reaktionen auf Piëch-Rücktritt

„Er kam im Feuer um, das er gelegt hat“

VonAxel Postinett

Der Rücktritt des VW-Aufsichtsratschefs wird in den USA kaum wahrgenommen. Doch die „Chattanooga Free Times Press“ platziert die Nachricht prominent. In der Stadt gibt es den „Ferdinand Piëch Way“.

Die Volkswagen-Anlage in Chattanooga: In den USA hat die Meldung von Piëchs Rücktritt bisher keine hohen Wellen geschlagen. Reuters

Die Volkswagen-Anlage in Chattanooga: In den USA hat die Meldung von Piëchs Rücktritt bisher keine hohen Wellen geschlagen.

San Francisco„Er kam im Feuer um, das er gelegt hat“, hat das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ am Samstag als eines von wenigen Medien in den USA den spektakulären Rücktritt des VW-Aufsichtsratschefs kommentiert. Es sei nie geklärt worden, warum Ferdinand Piëch Martin Winterkoren eigentlich loswerden wollte, konstatiert das Magazin, spekuliert aber, dass es die schleppende Entwicklung im wichtigen US-Markt gewesen sein könnte, die Piëch ungeduldig werden ließ.

Amerika ist im Wochenende und Wolfsburg weit weg. Sender wie „Bloomberg TV“ spielen alte Konserven ab, die Wall Street ist geschlossen. Dem Nachrichtensender „CNN“ ist der Vorgang nur eine kurze Meldung auf der Webseite wert. Auch „Businessinsider.com“ reicht eine Agenturmeldung von AP, ebenso den „Detroit News“ aus Amerikas Autostadt Nummer eins. Das dominierende Thema ist, wie auch bei vielen anderen Webseiten, die Erdbeben-Tragödie in Nepal.

Drei beispiellose Wochen VW-Machtkampf

10. April

Piëch rückt überraschend von Vorstandschef Martin Winterkorn ab. Er sagt dem „Spiegel“: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Betriebsratschef Bernd Osterloh und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) - beide im Volkswagen-Aufsichtsrat - stärken Winterkorn daraufhin den Rücken.

12. April

VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche geht auf Abstand zu seinem Cousin Piëch: „Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie (...) nicht abgestimmt ist.“ Die Familien Porsche und Piëch halten die Stimmmehrheit an VW.

16. April

Der engste Kreis des Aufsichtsrats, das sechsköpfige Präsidium, kommt zu einem Sondertreffen in Salzburg zusammen. Mit von der Partie ist auch Vorstandschef Winterkorn.

17. April

Das Aufsichtsrats-Präsidium erklärt, Winterkorn sei der „bestmögliche“ Vorstandschef. Sein bis Ende 2016 laufender Vertrag solle verlängert werden. Nach dpa-Informationen hatte Piëch beim Sondertreffen alle übrigen fünf Mitglieder des Präsidiums gegen sich.

19. April

Winterkorn sagt wegen eines grippalen Infekts einen Auftritt auf der Automesse in Shanghai ab. In Medien wird darüber spekuliert, dass nun Piëch um seinen Posten bangen muss. Dies wird im Konzern zurückgewiesen. Der niedersächsische Regierungschef Weil erklärt, er setze weiter sowohl auf Piëch als auch auf Winterkorn.

22. April

Altkanzler Gerhard Schröder springt Piëch zur Seite. Schröder, der zu seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident selbst im VW-Aufsichtsrat saß, sagt der „Bild“-Zeitung, Piëch habe für den Konzern und dessen Beschäftigte „unermesslich viel getan“.

23. April

Nach übereinstimmenden Informationen des NDR, der „Welt“ und der dpa hat Piëch versucht, Winterkorn vor der Hauptversammlung am 5. Mai absetzen zu lassen. Piëch dementiert dies und erklärt: „Wir haben uns letzte Woche ausgesprochen. Und uns auf eine Zusammenarbeit geeinigt. Ich betreibe die Ablösung von Martin Winterkorn nicht.“

25. April

Piëch hat den Machtkampf an der VW-Spitze verloren. In einer Pflichtmitteilung für die Börse teilt das Unternehmen überraschend mit, dass der 78-jährige Konzernpatriarch und seine Frau Ursula mit sofortiger Wirkung ihre Kontrollmandate aufgeben.

30. April (I)

Auf Antrag des Konzernvorstandes beruft das Amtsgericht in Braunschweig Piëchs Nichten Louise Kiesling (57) und Julia Kuhn-Piëch (34) als neue Aufsichtsratsmitglieder. Grundlage dafür ist Paragraf 104 im Aktiengesetz. Die beiden Frauen können nun die Amtszeit des Ehepaars Piëch aufbrauchen, sie läuft noch bis Frühling 2017.

30. April (II)

Nach Informationen des „Spiegel“, der „Bild“ und der dpa wünscht sich Piëch anstelle seiner Nichten den früheren BMW- und Linde-Manager Wolfgang Reitzle, der aktuell den Aufsichtsrat beim Autozulieferer Continental leitet. Die Reitzle-Idee hegte Piëch schon lange vor diesen turbulenten Tagen. Und er wolle die langjährige Siemens-Vorstandsfrau Brigitte Ederer als Kontrolleurin an Bord.

Bei der „Chattanooga Free Times Press“ schafft es der Showdown bei Volkswagen wie auch beim „Wall Street Journal“ auf Seite eins. In Chattanooga ist das VW-Werk beheimatet. Viele Familien haben jemanden, der dort arbeitet. In der Stadt führt ein „Ferdinand Piëch Way“ zu den Werkstoren.

Volkswagen plant Milliardeninvestitionen in den kommenden Jahren und will tausende Arbeitsplätze schaffen. Ab 2016 ist die Produktion eines SUV geplant. Bereits Anfang April zeigte Volkswagen neue Modelle des VW Beetle und einen Golf Alltrack für Outdoor-Freunde. Neue Modelle sollen dieses Jahr die langersehnte Wende in einem Markt bringen, in dem die Wolfsburger den generellen Aufschwung verpasst haben.

2014 verkaufte VW 366.970 Autos in den USA und damit kaum mehr als 2011. Ziel für 2018 ist, rund eine Million Fahrzeuge aller VW-Marken abzusetzen. Branchenanalysten halten das mittlerweile für sehr ambitioniert. Aber Martin Winterkorn hat schon andere Probleme gemeistert.

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