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15.02.2014

12:04 Uhr

US-Werk Chattanooga

VW-Arbeiter werfen Gewerkschaften raus

VonAxel Postinett

Schmerzhafte Niederlage für die Gewerkschaften: Im amerikanischen VW-Werk in Chattanooga wird es keine Arbeitnehmervertretung nach deutschem Vorbild geben – das ist der deutliche Wille der Arbeiter.

Werkschef Frank Fischer und Gary Casteel von der Gewerkschaft U.A.W. verkünden das Ergebnis der Mitarbeiter-Abstimmung. Reuters

Werkschef Frank Fischer und Gary Casteel von der Gewerkschaft U.A.W. verkünden das Ergebnis der Mitarbeiter-Abstimmung.

San FranciscoDas Ergebnis war nicht einmal knapp. Mit 712 zu 626 Stimmen lehnten die Arbeiter im VW-Werk in Chattanooga, Tennessee, die Einführung einer Gewerkschaft und eine Arbeitnehmervertretung nach deutschem Vorbild in ihrem Unternehmen ab. Die unerwartet klare Absage ist ein schwerer Schlag für die amerikanische Automobil-Gewerkschaft U.A.W., die über den Brückenkopf VW versuchte, ihren Machtbereich weit über Detroit in den Süden der USA auszudehnen.

Die beiden nächsten Ziele wären das BMW-Werk in South Carolina und das Mercedes-Werk in Alabama gewesen. Beides wird jetzt zu einem schier aussichtlosen Unterfangen für die einst mächtige U.A.W., die im Zuge des Zusammenbruchs der US-Autoindustrie massiv an Einfluss verloren hat. VW wäre das erste Auto-Werk eines ausländischen Herstellers, das gewerkschaftlich organisiert worden wäre. Ein wichtiger Achtungserfolg, um weiter mit den großen Drei in Detroit auf Augenhöhe verhandeln zu können.

Die Wahlbeteiligung lag bei 89 Prozent, teilte VW in Chattanooga mit und bemühte sich nach Kräften, die zu erwartenden Spannungen aus dem Wahlergebnis zu nehmen. „Unsere Mitarbeiter haben gesprochen“, erklärte Frank Fischer, CEO von Volkswagen USA, „und wir werden die Entscheidung der Mehrheit akzeptieren.“ Die Abstimmung sei „keine Entscheidung gegen einen Betriebsrat“ gewesen, betont Fischer, man sei weiter bemüht die „beste Art der Mitarbeitervertretung im Rahmen des US-Arbeitsrechts“ zu finden, die gleichzeitig die Bedürfnisse von VW America und die der Mitarbeiter erfüllen solle. VW hat nach eigenen Angaben rund eine Milliarde Dollar in das Werk und seine lokale Infrastruktur investiert.

Der VW-Konzernbetriebsrat will nun zügig andere Wege ausloten, um in dem US-Werk eine Arbeitnehmervertretung zu gründen. „Es ist uns gelungen, hochspezialisierte US-amerikanische Arbeitsrechtsexperten für uns zu gewinnen, mit denen wir in den nächsten zwei Wochen die Beratungen aufnehmen, um weitere Schritte zu definieren“, sagte der Generalsekretär des VW-Konzernbetriebsrats, Gunnar Kilian, am Samstag.

Wie Ferdinand Piëch einen Weltkonzern schuf

1990er-Jahre

1993: Als Ferdinand Piëch im Januar 1993 den Vorstandsvorsitz von VW übernimmt, kämpft der Konzern mit einem Einbruch des Nordamerikageschäfts, hohen Kosten und Verlusten. Der neue Chef holt den Sanierer José Igancio López nach Wolfsburg. Weil der Spanier Betriebsgeheimnisse mitgenommen haben soll, entbrennt ein langwieriger Rechtsstreit mit seinem alten Arbeitgeber General Motors.
1997: Dank Piëchs Internationalisierungsstrategie laufen fast zwei von drei Autos im Ausland vom Band. 
1998: Mit der Übernahme der Marken Bentley (Foto) und Bugatti steigt Volkswagen ins Luxussegment ein. 
1999: Der Lupo kommt als erstes Drei-Liter-Auto auf den Markt. Im gleichen Jahr übertrifft Volkswagen als erster europäischer Hersteller die Schwelle von 100 Millionen produzierten Fahrzeugen

2000

Mit der im Juni eröffneten Autostadt setzt Piëch sich und dem VW-Konzern ein Denkmal in Wolfsburg. 

2001

Mit dem Luxusmodell „Phaeton“ erweitert VW das Oberklassenangebot. Für die Produktion des Kompaktvans Touran wird mit der IG Metall ein eigenes Tarifmodell entwickelt.

2002

Volkswagen übernimmt die schwedische Scania komplett und stärkt damit das Lkw-Geschäft. Der Aufsichtsrat wählt im April des Jahres Bernd Pischetsrieder zum Vorstandschef. Piëch übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat.

2007

Im Januar tritt Martin Winterkorn das Amt des Vorstandsvorsitzenden an. Der VW-Konzern liefert 6,2 Millionen Fahrzeuge aus - so viele wie noch nie zuvor. Insbesondere in China, Brasilien und Osteuropa vermeldet VW Zuwächse von bis zu 32 Prozent im Vorjahresvergleich.

2009

Der von VW gesponserte VfL Wolfsburg gewinnt die Deutsche Fußball-Meisterschaft.

2011

Volkswagen legt in Silao in Mexiko den Grundstein für ein neues Motorenwerk. Nach zweijähriger Bauzeit eröffnet in den USA das neue Werk in Chattanooga mit einer Jahreskapazität von 150 000 Autos.

2012

VW hält über eine Holding 100 Prozent der Anteile an der Porsche AG, die als eigenständige Marke geführt wird - der integrierte Konzern von Volkswagen und Porsche entsteht.

Die klare Absage kommt vor allem überraschend, weil Volkswagen bis zum Schluss eine neutrale bis eher positive Stellung zur Etablierung einer gewerkschaftlichen Vertretung bezogen hatte. Die Gewerkschaft U.A.W. hatte zudem die Unterstützung der deutschen IG Metall. Viele – vor allem republikanische – Politiker hatten dagegen bis zuletzt davor gewarnt, dass der Einzug der U.A.W. den Standort nachhaltig schädigen und die Ansiedlung neuer Unternehmen behindern werde.

Überall in und um Chattanooga warnten Gewerkschaftsgegner auf großen Werbeplakaten vor negativen Folgen. Senator Bob Corker ging so weit, zu erklären, VW habe ihm gegenüber erwähnt, man werde eine weitere Produktlinie für SUVs aufbauen, falls die Gewerkschaften rausgehalten würden. Andere fragten sich öffentlich, ob man VW noch weitere Subventionen oder Vergünstigungen zukommen lassen konnte, wenn erst einmal ein Betriebsrat eingerichtet worden sei.

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