Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.03.2016

18:30 Uhr

Valeant

Der gefallene Pharma-Star

VonBert Fröndhoff

Valeant gilt als einer der aggressivsten Pharmahersteller. Mit Lifestyle-Mitteln wie der ersten Sexpille für die Frau war der kanadische Konzern lange der Liebling an der Börse. Jetzt stürzt die Aktie um 40 Prozent ab.

Das Mittel soll das Lustempfinden von Frauen vor und während der Wechseljahre steigern. AP

Valeants „Pink Viagra“ Addyi

Das Mittel soll das Lustempfinden von Frauen vor und während der Wechseljahre steigern.

Es war nicht der teuerste Deal, den Michael Pearson je eingefädelt hat. Aber einer, mit dem der Chef des kanadischen Pharmakonzerns Valeant richtig großes Aufsehen erregte. Einen Tag nach der Zulassung der ersten Lustpille für die Frau kaufte der kanadische Hersteller am 20. August 2015 den Entwickler des so genannten „Pink Viagra“, die Firma Sprout, für eine Milliarde Dollar.

Ein stolzer Preis für eine Firma, die nur ein einziges Mittel zu bieten hat, das zudem noch wegen seiner Nebenwirkungen in der Kritik steht. Aber es entsprach dem Muster des Valeant-Chefs: Statt der eigenen Forschung zu vertrauen, setzt er reihenweise auf Zukäufe vielversprechender Mittel. Die sollen dann aggressiv und teuer vermarktet werden. Und schon blühen Umsatz und Gewinn.

Das Modell lief einige Jahre gut. Valeant wurde an der Börse gefeiert, die hohe Bewertung brachte dem kanadischen Konzern die nötige Munition für weitere Milliardenübernahmen. Seit 2008 hat er 140 Zukäufe getätigt und dabei mehr als 35 Milliarden Dollar ausgegeben.

Fragen und Antworten zur neuen Lustpille für die Frau

Wie funktioniert die Pille?

Addyi mit dem Arzneistoff Flibanserin wirkt ähnlich wie Antidepressiva auf Neurotransmitter im Gehirn ein, die etwa den Gemütszustand und Appetit regeln. Addyi war ursprünglich auch als Mittel für die Behandlung von Depressionen gedacht, bevor es zu einem Medikament für die Förderung der Libido umfunktioniert wurde.

Wer wird das Medikament einnehmen?

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat Addyi für Frauen vor den Wechseljahren zugelassen, die an sexueller Hypoaktivität leiden, also einem mangelnden Geschlechtstrieb, der auch zu seelischer Belastung führt.

Warum war die Zulassung umstritten?

Der Weg zur Zulassung des Medikaments war lang und umstritten. Die FDA hatte Addyi zwei Mal abgelehnt. Über Jahre stritten zwei gegnerische Lager über das Schicksal dieser Pille. Auf der einen Seite argumentieren Arzneimittelhersteller und einige medizinische Experten, dass Frauen von der FDA zugelassene Medikamente bräuchten, um sexuelle Störungen zu behandeln, die sie als ernste medizinische Probleme betrachten. Auf der anderen Seite sehen Verfechter der Verbrauchersicherheit die Nebenwirkungen von Addyi als zu riskant ein. Zudem bezweifeln einige Psychologen, das eine schwache Libido als Krankheit einzustufen ist.

Der Konzern Sprout Pharmaceuticals warb außenstehende Politiker und Frauengruppen an, um sich dafür einzusetzen, dass die FDA das Medikament zulässt.

Funktioniert das Medikament?

Experten beschreiben die Wirkung von Addyi in der Regel als mäßig. In Unternehmensstudien berichteten Frauen, die Flibanserin einnahmen, von einem leichten Anstieg sexuell befriedigender Ereignisse jeden Monat. Ihre Antworten auf separaten Fragebögen deuteten darauf hin, dass sie eine geringfügige Zunahme der Lust und einen geringen Rückgang von Stress erlebten.

Während Wissenschaftler der FDA diese Wirkungen als klein beschreiben, waren sie signifikant genug, um FDA-Wirksamkeitsstandards zu erfüllen.

Was sind die Nebenwirkungen?

Rund zehn Prozent der Patientinnen in den Studien von Sprout Pharmaceuticals erlebten die am häufigsten auftretenden Probleme Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit. Das Medikament wird mit einer Warnung kommen, dass Frauen keinen Alkohol trinken oder bestimmte andere Arten von Medikamenten wie Arzneimittel zur Behandlung von Pilzinfektionen einnehmen sollten, da eine Wechselwirkung möglich sei, die zu niedrigem Blutdruck und Ohnmacht führen könnte.

Wie viel wird die Pille kosten?

Nach Angaben von Sprout Pharmaceuticals bezahlen Frauen, die eine Krankenversicherung haben, zwischen 30 und 75 Dollar für einen einmonatigen Vorrat an Addyi.

Warum hat die FDA Addyi diesmal zugelassen?

Als die FDA Addyi 2010 ablehnte, verwies die Behörde darauf, dass das Medikament ein wichtiges Ziel nicht erreicht habe - Lust zu steigern, basierend auf täglichen Protokollen von Patientinnen. Aufgrund dieser fehlenden Wirksamkeit, würden die negativen Nebenwirkungen der Pille ihre Vorteile überwiegen, hieß es.

Seitdem führte Sprout eine weitere Studie zu sexueller Lust durch, bei der eine andere Methode angewandt wurde, die statistische Signifikanz erreichte. Das Unternehmen führte auch mehrere Sicherheitsstudien durch, um die Risiken des Medikaments genauer bestimmen zu können, die in den Warnhinweisen erläutert werden.

Die FDA muss jegliche Entscheidung basierend auf der Wissenschaft treffen. Doch glauben Kritiker, dass auch von Sprout bezahlte Lobbyisten eine Rolle bei der Zulassung von Addyi gespielt haben.

Wann wird das Medikament erhältlich sein?

Sprout will das Medikament Mitte Oktober auf den Markt bringen.

Doch nun steht Valeant vor einem Scherbenhaufen: Um 40 Prozent brach am Dienstag die Aktie ein, nachdem der Konzern seine Prognose für 2016 abermals senken musste. Seit Monaten verabschieden sich immer mehr Anleger aus der Aktie. Im Sommer 2015 notierte sie noch bei mehr als 225 Dollar, jetzt sind es mickrige 46 Dollar.

Schlimmer noch: Die Zweifel am Geschäftsmodell und an der Bilanzierungspraxis konnte Pearson auch beim Investoren-Call nicht ausräumen. Er präsentierte ungeprüfte, vorläufige Zahlen für das vierte Quartal. Die bis Dienstag gesetzte Frist zur Vorlage einer testierten Jahresbilanz verfehlte das Unternehmen.

Valeant ist der gefallene Star der nordamerikanischen Pharmaindustrie. „Für Investoren ist es das Beste, keine Aktien von Valeant zu haben“, lautet das vernichtende Urteil von Analyst David Maris von der Bank Wells Fargo.

Wie gut oder schlecht sich die neu erworbene Sexpille Addyi verkauft, dazu nimmt der Konzern keine Stellung. Das Mittel soll das Lustempfinden von Frauen vor und während der Wechseljahre steigern. Verschiedene Studien hatten der Pille eine bescheidene Wirkung, dafür aber ausgeprägte Nebenwirkungen bescheinigt.

Im November – wenige Wochen nach dem Verkaufsstart – kamen aus der US-Gesundheitsbranche Meldungen, wonach die Zahl der Verschreibungen erst im dreistelligen Bereich liege. Exakte Zahlen dazu gibt es aber nicht. Die Lustpille ist aber nicht das größte Problem von Valeant. Es ist eher die aggressive Vermarktung und Preisgestaltung. Der Konzern ist in der US-Politik zum Sinnbild für Maßlosigkeit im Pillenbusiness geworden.

Die USA sind im Vergleich zu Deutschland zwar größtenteils immer noch ein Hochpreis-Paradies für Arzneientwickler. Aber auch dort wächst die Kritik an teuren Medikamenten – die Diskussion reicht bis in den US-Wahlkampf.

Den größten Schlag versetzte den Kanadiern im November 2015 ein von Investoren erstellter Bericht: Valeant wird darin vorgeworfen, die Umsätze aufgebläht zu haben, um das versprochene Wachstum zu liefern. Im Zentrum steht die Versandapotheke Philidor, die Valeant über eine Kaufoption kontrolliert und auch bilanziert. Über sie sollen Scheinumsätze getätigt worden sein, lauten die Vorwürfe der Investoren. Nach Recherchen des „Wall Street Journal“ sollen Valeant-Mitarbeiter von Büros der Apotheke aus E-Mails verschickt haben, die dem Marketing der Konzernprodukte dienen sollten. Sie nutzten dazu offenbar Phantasienamen.

Valeant-Chef Pearson weist die Vorwürfe als Lüge zurück und präsentierte einen 90-seitigen eigenen Bericht, der die ordnungsgemäße Buchführung beweisen sollte. Doch die Zweifel vieler Investoren konnte er bis heute nicht ausräumen.

Die bisherige Strategie der teuren Zukäufe und hohen Verkaufspreise wird Pearson ohnehin nicht beibehalten können – dazu sind die operativen Probleme zu groß und die Bewertung zu gering. Er weiß, dass anderes auf seiner Agenda steht: „Wir müssen dringend unsere Glaubwürdigkeit wiederherstellen“, sagte Pearson am Dienstag.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×