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09.03.2017

10:01 Uhr

VCI-Prognose

Die Chemie bleibt im Stagnations-Modus

VonSiegfried Hofmann

Seit über einem Jahrzehnt bewegt sich die Chemieindustrie kaum vom Fleck. Auch im kommenden Jahr dürfte die Produktion nur leicht steigen, erwartet der Branchenverband VCI. Wachstum kommt nur aus einem Bereich.

Das Wachstum in der Chemiebranche wird nach Erwartung des VCI auch 2017 ausschließlich aus dem Pharmabereich kommen. dpa

Chemiepark in Leverkusen

Das Wachstum in der Chemiebranche wird nach Erwartung des VCI auch 2017 ausschließlich aus dem Pharmabereich kommen.

FrankfurtDie deutsche Chemie- und Pharmaindustrie hat im vierten Quartal leicht an Schwung gewonnen. Sie wird damit aber vorerst kaum aus ihrer langjährigen Stagnationsphase herausfinden. So lautet die verhaltene Prognose, die der Branchenverband VCI für Deutschlands viertgrößten Industriezweig weiterhin gibt. Er rechnet zwar mit einem etwas stärkeren Umsatzwachstum von 1,5 Prozent (gegenüber bisher einem Prozent), geht aber weiterhin von einem Produktionswachstum von nur 0,5 Prozent aus.

Die Daten und Prognosen des Verbandes stehen damit weiterhin im Gegensatz zur deutlich optimistischeren Stimmung an der Börse. Dort legten Chemiewerte in den vergangenen zwölf Monaten zum Teil kräftig zu. Analysten erhoffen sich von den Unternehmen weitere Ertragssteigerungen.

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Die Megafusion von Dow Chemical und Dupont steht vor der Freigabe durch die EU-Wettbewerbshüter. Dafür müssen die beiden US-Chemieriesen aber große Zugeständnisse machen. Profitieren könnte der Konkurrent BASF.

Die Diskrepanz ergibt sich vor allem daraus, dass sich die Verbands-Statistik ausschließlich auf die Produktion der Unternehmen in Deutschland bezieht, während die großen börsennotierten Chemiekonzerne durchweg global aktiv sind und in erheblichem Umfange auch außerhalb Deutschlands produzieren. VCI-Geschäftsführer Utz Tillmann verweist auf große politische Unsicherheiten und eine Abkühlung der europäischen Konjunktur. „Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die industrielle Nachfrage nach Chemikalien wenig dynamisch.“

Wachstum wird daher nach Erwartung des Verbands auch 2017 ausschließlich aus dem Pharmabereich kommen, der in die Statistik mit einfließt. Die Pharmaproduktion dürfte danach um zwei Prozent zulegen, während die Chemieproduktion im engeren Sinne stagniert. Das etwas stärkere Umsatzwachstum ist unterdessen vor allem Folge von steigenden Rohstoffpreisen, die von den Chemieproduzenten weitergegeben werden.

Im vergangenen Jahr dagegen waren die Umsätze der deutschen Chemie preisbedingt um drei Prozent auf 183 Milliarden Euro geschrumpft. Die Produktion legte inklusive Pharma um 0,5 Prozent zu, während sie in der eigentlichen Chemie um ein halbes Prozent schrumpfte.

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

PPG Industries (USA)
Mit 15,33 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet das US-Unternehmen mit Firmensitz in Pittsburgh (Pennsylvania) auf dem zehnten Platz der umsatzstärksten Chemieunternehmen weltweit.
Zu den Produktbereichen gehören Kunstglasprodukte, Kunstharze und Beschichtungswerkstoffe für Raumfahrt, Architektur und Industrie.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2017 / Gesamtjahr 2016, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Linde (Deutschland)
Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 17,83 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den neunten Platz im Unternehmensranking.

Platz 8

Air Liquide (Frankreich)
Auf Platz acht des aktuellen Rankings landet das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz. 19,08 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz in 2016 machen dies möglich. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegasherstellern der Welt.

Platz 7

Henkel (Deutschland)
Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmitte, Schönheitspflege und die Klebstoffe und fuhr 2016 einen Jahresumsatz von 19,69 Milliarden US-Dollar ein. In naher Zukunft möchte der Siebtplatzierte sowohl die US-Firma Darex Packaging Technologies für mehr als 1,05 Milliarden US-Dollar übernehmen als auch den mexikanischen Anbieter von Friseurprodukten Nattura Laboratorios aufkaufen. Der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern will so vor allem das eigene Friseurgeschäft in Mexiko und den USA ausbauen.

Platz 6

DuPont (USA)
24,6 Milliarden US-Dollar Umsatz und Platz sechs für den Konzern für Chemie, Materialien und Energie. Im Dezember 2015 gaben DuPont und der Konkurrent Dow Chemical bekannt, dass sie fusionieren wollen. Danach soll das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufgespalten werden.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)
Im Mittelfeld des Rankings und mit 29,18 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabischer Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 39,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reichte es für Metallkonzern nicht für den Sprung unter die Top-3-Chemiekonzerne. Neben Grundchemikalien wie Methanol und Ethanol stellt das Unternehmen aus dem Nahen Osten auch Düngemittel her.

Platz 3

Dow Chemical (USA)
Mit 48,16 Milliarden US-Dollar Umsatz fiel der zukünftige Fusionspartner von DuPont um einen Platz im Vergleich zum Vorjahr. Die Hauptgeschäftsbereiche des US-Unternehmens aus Midland (Michigan) erstrecken sich auf die Kunststoffherstellung, Vorprodukte für die Wasseraufbereitung, Klebstoffe, Insektiziden, Saatgut und die Herstellung von Grundstoffen wie Chlor und Natronlauge.

Platz 2

Bayer (Deutschland)
Der zweitplatzierte deutsche Konzern (49,2 Milliarden US-Dollar Umsatz 2016) mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutische Industrie plant eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sollen Bayer und Monsanto bereit sein, Firmenteile für 2,5 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Platz 1

BASF (Deutschland)
Unveränderter Spitzenreiter mit 60,54 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder, als an Größe an sich gelegt werden.

Sorge bereitet dem Verband die längerfristige Stagnation in der Chemie. Sieht man von dem Einbruch und nachfolgenden Wiederanstieg während der Finanzkrise ab, bewegt sich die Branche praktisch seit über einem Jahrzehnt auf dem gleichen Produktionsniveau. Seit 2012 ist die Produktion in der eigentlichen Chemie (ohne Pharma) nach Daten des VCI um 0,4 Prozent jährlich geschrumpft, während wichtige Abnehmerindustrien weiter zulegten. Die Autoindustrie etwa wuchs in dem Zeitraum um acht Prozent. „Das zeigt deutlich, dass der Chemiestandort Deutschland ein Problem mit der Wettbewerbsfähigkeit hat“, warnt Tillmann.

Entscheidend für die Diskrepanz waren vor allem relativ deutliche Einbußen in der Basischemie. Hier stehen die deutschen Hersteller aufgrund hoher Rohstoff- und Energiekosten sowie starker Kapazitätserweiterungen bei Wettbewerbern in Asien und dem mittleren Osten stark unter Druck. Die Produktion forschungsintensiver Spezialchemikalien dagegen legte laut VCI seit 2012 um fast acht Prozent zu.

Dessen ungeachtet warnt der Verband davor, sich damit zufrieden zu geben. Langfristig seien die Spezialchemiehersteller auf den Verbund mit der Basischemie als Rohstofflieferant angewiesen. „Um zu verhindern, dass sich der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in der Wertschöpfungskette fortsetzt, muss die Politik eine Kostenbremse für die Strompreise finden, die wirklich Planungssicherheit schafft“, fordert Tillmann.

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