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29.08.2012

10:24 Uhr

Verhandlungen gescheitert

P+S Werften gehen in die Insolvenz

Das Wunder ist ausgeblieben: Die P+S Werften haben den Insolvenzantrag eingereicht. Die wochenlangen Verhandlungen über den Erhalt der Werftengruppe blieben erfolglos. 2000 Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Mitarbeiter der P+S Werften: Der Schiffsbauer hat die Anmeldung der Insolvenz angekündigt. dpa

Mitarbeiter der P+S Werften: Der Schiffsbauer hat die Anmeldung der Insolvenz angekündigt.

StralsundDie P+S-Werften haben beim Amtsgericht Stralsund einen Insolvenzantrag gestellt. Der Antrag wurde am Mittwochmorgen von Werftchef Rüdiger Fuchs eingereicht, sagte dessen Sprecher der Deutschen Presse-Agentur dpa. Damit sind wochenlange Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten über finanzielle Zugeständnisse und einen Erhalt des Werftenverbundes in Stralsund und Wolgast gescheitert.

Gleichzeitig sei die Eigenverwaltung im Insolvenzverfahren beantragt worden, sagte der zweite P+S Geschäftsführer, Axel Schulz. Bei der Eigenverwaltung im Insolvenzverfahren kann das betroffene Unternehmen unter Aufsicht eines Sachwalters in einem gewissen Rahmen weiter über das Vermögen verfügen.

Das Auf und Ab der P+S-Werften

1948

Die Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft Wolgast werden gegründet.

1992

Die Bremer Hegemann-Gruppe übernimmt die Peene-Werft in Wolgast. Jahrelang hat sie volle Auftragsbücher.

Juli 2007

Die Hegemann-Gruppe übernimmt auch die Volkswerft Stralsund. Sie will in die Produktion besonders großer Containerschiffe einsteigen.

Frühjahr 2009

In beiden Werften werden die Aufträge knapp. Hegemann kündigt die Umstellung auf den Spezialschiffbau an.

Juni 2009

Finanz-und Wirtschaftsministerium geben grünes Licht für eine Bürgschaft über9 Millionen Euro.

Juni 2010

Die beiden Werften stellen sich unter dem Namen P+S- Werften neu auf. Die Hegemann-Gruppe hält einen Anteil von 7 Prozent, die HSW Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft ist mit 93 Prozent beteiligt.

August 2010

Die Belegschaften erklären sich zu kostenloser Mehrarbeit bereit, um die weitere Sanierung der Werften zusichern.

August 2011

Die P+S-Werften erhalten einen Millionenauftrag über den Bau von zwei Offshore-Installationsschiffen.

März 2012

Land, Bund und Banken einigen sich auf Unterstützung bei der Finanzierung von Schiffbauaufträgen. Grund sind die teureren Spezialschiffe.

Mai 2012

Ein Finanzloch von 200 Millionen Euro gefährdet den Fortbestand. Das Land ist grundsätzlich zu erneuter Hilfe bereit, braucht aber die Zustimmung der EU und sieht auch Bund, Banken, das Unternehmen und die Belegschaft mit in der Verantwortung.

Juni 2012

Es stellt sich heraus, dass fast 300 Millionen Euro Umstrukturierungsbeihilfe nötig sind. Die Mitarbeiter erklären sich bereit, sich an der Rettung mit 68 Millionen Euro zu beteiligen. Schwerin sagt ein Darlehen von bis zu 152,4 Millionen Euro zu.

Juli 2012

Die EU-Kommission genehmigt die staatliche Garantie für die P+S Werften unter Vorbehalt.

August 2012

Der frühere Airbus-Manager und Sietas-Werftsanierer Rüdiger Fuchs wechselt als Unternehmenschef an die Spitze der P+S-Werften. Er deckt größere Probleme als bisher bekannt auf, darunter Lieferverzögerungen für Scandlines-Fähren und zwei Spezialfrachter.

20. August

Das Land stoppt die Hilfen.

29. August

Die Werftengruppe reicht den Insolvenzantrag ein.

Die Werftengruppe ist wegen Altlasten, unrentablen Verträgen und Lieferverzögerungen angeschlagen. Der Finanzbedarf wird auf mehr als 400 Millionen Euro taxiert. Um diesen zu decken, war die Werft auf Zugeständnisse ihrer Kunden und Lieferanten angewiesen. Mit den meisten konnte Fuchs im Grundsatz eine Einigung erzielen, hieß es am Dienstag. Die Reederei Scandlines stelle sich aber quer. Sie hatte bei P+S zwei Fähren in Auftrag gegeben, die nach erheblichen Verzögerungen nun fast fertiggestellt sind.

Scandlines fürchtet nun allerdings, dass die Fähren für ihr Einsatzgebiet zu schwer geraten sind. Dies weist die Werft allerdings zurück. „Man habe Scandlines zugesichert, dass es hier kein Problem gibt“, hieß es im Umfeld von P+S. Die Zusicherung gab es indes nur mündlich. Eine schriftliche Erklärung sei aber Voraussetzung für effektive Gespräche, sagte Scandlines-Chef Søren Poulsgaard-Jensen.

Sein Beharren auf der schriftlichen Zusicherung werten Teile der Politik in Mecklenburg-Vorpommern und P+S als Vorwand, um eine Rettung des Schiffbauers zu verhindern. „Nach einer Pleite könnte Scandlines auf einen weiteren Abschlag beim Kaufpreis pochen oder den Vertrag ganz auflösen“, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Bundesregierung haben in den vergangenen Jahren die Werft immer wieder finanziell unterstützt, wie sich nicht nur an den Bürgschaften für die Reederei zeigt. Seit der Wiedervereinigung floss ein Milliardenbetrag in die Standorte Stralsund und Wolgast. Die Werften gehören zu den modernsten in Europa.

Die größten Werft-Pleiten Deutschlands

Mai 1996

Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Februar 2004

Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Pride of America“. In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.

September 2008

Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.

Januar 2009

Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.

Juni 2009

Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt. Es scheitern zunächst alle Versuche, vorhandene Aufträge zu sichern und neue Investoren zu finden. Im August stimmt der Gläubigerausschuss dem Verkauf an den russischen Investor Igor Jussufow zu, der mit 40,5 Millionen Euro einsteigt. Auf den später in Nordic Yards umbenannten Werften arbeiten 2011 noch knapp 970 der einst 2400 Beschäftigten.

November 2011

Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft. Die norwegische TTS Group ASA erhält den Zuschlag für die Neuenfelder Maschinenfabrik. Seit dem Insolvenzantrag sind 350 der ehemals 1000 Arbeitsplätze gestrichen worden.

29. August 2012

Die P+S-Werften stellen beim Amtsgericht Stralsund einen Insolvenzantrag für die beiden Schiffbaubetriebe in Stralsund und Wolgast. Knapp 2000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs.

Mit knapp 2000 Beschäftigten zählt der Schiffbauer zu den größten Arbeitgebern in dem Bundesland. Um diese zu erhalten, hatten Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im Sommer ein neues Rettungspaket geschnürt. Zuvor hatte sich - wieder einmal - ein neues Finanzloch aufgetan. Doch die zugesagten 152 Millionen Euro sollten nicht ausreichen. Kreisen zufolge wäre mindestens ein weiterer zweistelliger Millionenbetrag nötig.

Eine Aufstockung der Mittel war aber nicht möglich, da dies die Europäische Kommission untersagt hat, wie ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums Mecklenburg-Vorpommern sagte.

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