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30.09.2016

13:57 Uhr

Versandapotheken Aponeo und MyCare

Medikamente mundgerecht verpackt

VonMaike Telgheder

Eine Viertelmillion Deutsche werden jedes Jahr ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie mit ihrer Medikamenteneinnahme nicht zurecht kommen. Ein neues Gesetz soll das ändern. Versandapotheken wittern das großes Geschäft.

Patienten erhalten vorsortierte Medikamente. PR

Verblisterung

Patienten erhalten vorsortierte Medikamente.

FrankfurtJedes Jahr werden etwa 250.000 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie Medikamente falsch oder gar nicht eingenommen haben. Oder sie leiden unter unerwünschten Wechselwirkungen verschiedener Mittel. Zu dieser Einschätzung gelangen die Experten des Bundesgesundheitsministerium.

Aufgrund dieser Tatsache sollen Versicherte, die regelmäßig drei oder mehr Arzneimittel einnehmen müssen, ab Oktober einen sogenannten Medikationsplan erhalten. Ärzte sollen ihn ausstellen. Diese Neuerung ist mit dem „E-Health-Gesetz“ beschlossen worden: Erst soll es den Medikationsplan nur auf Papier geben, dann ab 2018 soll er in elektronischer Form über die Gesundheitskarte abrufbar sein.

Die Berliner Versandapotheke Aponeo bietet mit der Einführung des Medikationsplans einen neuen Service an: Die „Medikamentenpackung mit dem vorsortierten und abgepackten Tagesbedarf“, die für Patienten individuell zusammengestellt wird. „Gerade ältere Menschen haben teilweise ein Dutzend Tabletten, die der Körper zu unterschiedlichen Tageszeiten braucht, oft auch in wechselnder Dosierung“, sagt Konstantin Primbas, Gründer und Inhaber der Versandapotheke Aponeo. Mit 90 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 40 Millionen Euro gehört das Unternehmen zu den größeren Versandapotheken in Deutschland.

Fragen und Antworten zur neuen Lustpille für die Frau

Wie funktioniert die Pille?

Addyi mit dem Arzneistoff Flibanserin wirkt ähnlich wie Antidepressiva auf Neurotransmitter im Gehirn ein, die etwa den Gemütszustand und Appetit regeln. Addyi war ursprünglich auch als Mittel für die Behandlung von Depressionen gedacht, bevor es zu einem Medikament für die Förderung der Libido umfunktioniert wurde.

Wer wird das Medikament einnehmen?

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat Addyi für Frauen vor den Wechseljahren zugelassen, die an sexueller Hypoaktivität leiden, also einem mangelnden Geschlechtstrieb, der auch zu seelischer Belastung führt.

Warum war die Zulassung umstritten?

Der Weg zur Zulassung des Medikaments war lang und umstritten. Die FDA hatte Addyi zwei Mal abgelehnt. Über Jahre stritten zwei gegnerische Lager über das Schicksal dieser Pille. Auf der einen Seite argumentieren Arzneimittelhersteller und einige medizinische Experten, dass Frauen von der FDA zugelassene Medikamente bräuchten, um sexuelle Störungen zu behandeln, die sie als ernste medizinische Probleme betrachten. Auf der anderen Seite sehen Verfechter der Verbrauchersicherheit die Nebenwirkungen von Addyi als zu riskant ein. Zudem bezweifeln einige Psychologen, das eine schwache Libido als Krankheit einzustufen ist.

Der Konzern Sprout Pharmaceuticals warb außenstehende Politiker und Frauengruppen an, um sich dafür einzusetzen, dass die FDA das Medikament zulässt.

Funktioniert das Medikament?

Experten beschreiben die Wirkung von Addyi in der Regel als mäßig. In Unternehmensstudien berichteten Frauen, die Flibanserin einnahmen, von einem leichten Anstieg sexuell befriedigender Ereignisse jeden Monat. Ihre Antworten auf separaten Fragebögen deuteten darauf hin, dass sie eine geringfügige Zunahme der Lust und einen geringen Rückgang von Stress erlebten.

Während Wissenschaftler der FDA diese Wirkungen als klein beschreiben, waren sie signifikant genug, um FDA-Wirksamkeitsstandards zu erfüllen.

Was sind die Nebenwirkungen?

Rund zehn Prozent der Patientinnen in den Studien von Sprout Pharmaceuticals erlebten die am häufigsten auftretenden Probleme Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit. Das Medikament wird mit einer Warnung kommen, dass Frauen keinen Alkohol trinken oder bestimmte andere Arten von Medikamenten wie Arzneimittel zur Behandlung von Pilzinfektionen einnehmen sollten, da eine Wechselwirkung möglich sei, die zu niedrigem Blutdruck und Ohnmacht führen könnte.

Wie viel wird die Pille kosten?

Nach Angaben von Sprout Pharmaceuticals bezahlen Frauen, die eine Krankenversicherung haben, zwischen 30 und 75 Dollar für einen einmonatigen Vorrat an Addyi.

Warum hat die FDA Addyi diesmal zugelassen?

Als die FDA Addyi 2010 ablehnte, verwies die Behörde darauf, dass das Medikament ein wichtiges Ziel nicht erreicht habe - Lust zu steigern, basierend auf täglichen Protokollen von Patientinnen. Aufgrund dieser fehlenden Wirksamkeit, würden die negativen Nebenwirkungen der Pille ihre Vorteile überwiegen, hieß es.

Seitdem führte Sprout eine weitere Studie zu sexueller Lust durch, bei der eine andere Methode angewandt wurde, die statistische Signifikanz erreichte. Das Unternehmen führte auch mehrere Sicherheitsstudien durch, um die Risiken des Medikaments genauer bestimmen zu können, die in den Warnhinweisen erläutert werden.

Die FDA muss jegliche Entscheidung basierend auf der Wissenschaft treffen. Doch glauben Kritiker, dass auch von Sprout bezahlte Lobbyisten eine Rolle bei der Zulassung von Addyi gespielt haben.

Wann wird das Medikament erhältlich sein?

Sprout will das Medikament Mitte Oktober auf den Markt bringen.

Die richtigen Medikamente, zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Dosierung – dazu soll der neue „Verblisterungs-Service“ einen Beitrag leisten. Denn wenn Patienten oder deren Angehörige eine Vielzahl an Arzneien mit der Hand aus den verschiedenen Großpackungen drücken und für unterschiedliche Einnahmezeiten sortieren, können leicht Fehler passieren.

Etwa 30 Prozent aller Deutschen nehmen mindestens drei ärztlich verordnete Wirkstoffe ein. Ab dem 55. Lebensjahr ist es sogar jeder zweite. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsunternehmen YouGov im Auftrag von Aponeo unter 2.000 Personen. Berechnungen des wissenschaftlichen Instituts der AOK bestätigen diesen Trend.

Wobei: Der Service der Berliner ist nicht neu. Die Versandapotheke „MyCare“ zum Beispiel ist in diesem Bereich schon seit mehreren Jahren aktiv. Sie bietet seit 2008 speziell Pflegeheimen und Kliniken eine sogenannte „Verblisterung“ von Medikamenten an. Das bedeutet, dass die Tagesration von Medikamenten schon vorsortiert geliefert werden. Auch Privatkunden können dieses Angebot in Anspruch nehmen. Für 3,95 Euro für zwei Wochen erhalten sie individuell zusammengestellte Verpackungen. Wie viele der 1,7 Millionen Kunden von „MyCare“ diese Dienstleistung nutzen, gibt Marketingleiter Ronny Otto nicht preis.

Anders als in Deutschland ist dieser Service in den USA schon etabliert. „Bei uns ist das noch ein junger Trend, der aber gerade auch durch den Medikationsplan groß werden kann“, sagt Hartmut Deiwick, kaufmännischer Leiter bei Aponeo. Der demografische Wandel sei ein weiterer wesentlicher Treiber.

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