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25.07.2012

15:50 Uhr

Versteckte Subventionen

Wie Frankreich die Autoindustrie stützt

Protektionismus und versteckte Subventionen - Frankreichs sozialistische Regierung scheut keine Mittel, um den heimischen Autoherstellern durch die Krise zu helfen. Verlierer könnten am Ende die Deutschen sein.

Die Proteste der Angestellten waren erfolgreich: Die französische Regierung stützt ihre Autohersteller. AFP

Die Proteste der Angestellten waren erfolgreich: Die französische Regierung stützt ihre Autohersteller.

Paris/RomMit hohen Prämien für den Kauf von Hybrid- und Elektroautos stützt die sozialistische Regierung künftig die kriselnde Autoindustrie in Frankreich: Für Elektroautos soll die Prämie von 5000 auf 7000 Euro erhöht, für Hybridautos auf 4000 Euro verdoppelt werden. Der Autobauer PSA Peugeot Citroën gab seinerseits am Mittwoch in Paris einen massiven Verlust für das erste Halbjahr und einen Sparplan bekannt.

Premierminister Jean-Marc Ayrault gab die Dringlichkeit der Lage angesichts des geplanten Abbaus tausender Stellen in der Automobilindustrie als Grund für den Hilfsplan an. Daher sei die Regierung "in die Offensive" gegangen, sagte er nach einer Kabinettsitzung in Paris.

Dem Plan zufolge will der Staat für den Stadtverkehr nur noch Elektrofahrzeuge kaufen. Die neue sozialistische Regierung will auch eine Überprüfung des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Südkorea verlangen. Aus dem asiatischen Land kommen preisgünstige Fahrzeuge etwa vom Autobauer Hyundai. Zudem sollen Autobauer und Zulieferer in Schwierigkeiten günstige Kredite erhalten.

Die größten Autohersteller in Europa

Platz 10

Nissan - 239.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Im Vergleich zum Vorjahr büßen die Japaner Marktanteile ein. Die Zahl der Neuzulassungen schrumpfte um drei Prozent.

Platz 9

Toyota - 295.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Weltweit gehören die Japaner zu den größten Autokonzernen. In Europa stagnieren die Absätze allerdings. Im Vergleich zum Vorjahr wurden ein Prozent weniger Neuwagen verkauft.

Platz 8

Daimler - 349.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Der deutsche Premiumhersteller kann sich freuen: Als einziger Hersteller in der europäischen Top Ten verkauften die Stuttgarter mehr Autos als im Vorjahr. Die Verkäufe legten um ein Prozent zu.

Platz 7

BMW - 421.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Trotzdem kann BMW die Premiumkrone auch in Europa behaupten. Die Münchner verkauften zwar ein Prozent weniger Neuwagen als im Vorjahr - doch das ist immer noch besser als die Konkurrenz.

Platz 6

Fiat - 456.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Sorgenfalten von Fiat-Chef Sergio Marchionne dürften zunehmen. Mit einem Minus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr befinden sich die Italiener in einer der tiefsten Absatzkrisen der Unternehmensgeschichte.

Platz 5

Ford - 533.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch für den US-Autobauer, dessen größtes Werk in Europa nördlich von Köln liegt, sind die Verkäufe in Europa eingebrochen. 11 Prozent weniger Fahrzeuge wurden an den Mann gebracht.

Platz 4

General Motors - 573.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Zahlen sind besorgniserregend. So besorgniserregend, dass zuletzt auch Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke gehen muss. In Europa brachen die Verkäufe des US-Riesen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent ein.

Platz 3

Renault - 583.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Noch schlimmer trifft es den französischen Autoriesen Renault. Satte 17 Prozent weniger Autos konnten die Franzosen im ersten Halbjahr absetzen. Die Regierung denkt bereits über Staatshilfen für die angeschlagene heimische Autoindustrie nach.

Platz 2

Peugeot/Citroën - 827.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch der größte französische Autobauer klagt über Absatzprobleme und kündigte zuletzt an, 8000 Stellen streichen zu wollen. Im ersten Halbjahr schrumpften die Verkäufe um 14 Prozent.

Platz 1

Volkswagen - 1,66 Millionen Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Es ist einsam an der Spitze: Die Wolfsburger deklassieren die Konkurrenz um längen. Im schwierigen europäischen Massenmarkt verliert Volkswagen zwar ein Prozent - doch insgesamt nehmen die Marktanteile zu.

"Das ist, wie wenn man versucht, einen Großbrand mit einem Glas Wasser zu löschen", kritisierte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP die Staatshilfen. So lange die Euro-Krise andauere, werde Peugeot nicht aus dem Tal kommen, denn das Unternehmen verkauft 60 Prozent seiner Fahrzeuge in Europa. Die Prognosen für diesen Markt seien für die nächsten drei bis vier Jahre "katastrophal", ruft Dudenhöffer in Erinnerung. Der französische Autobauer habe die Internationalisierung "verpennt". Nun müsse PSA-Chef Varin "Kapazitäten abbauen und auf niedrigem Niveau durch die Krise kommen".

Die Sozialisten hatten im Wahlkampf versprochen, sich gegen den Abbau von Industriearbeitsplätzen in Frankreich zu stellen und die heimischen Firmen vor Billigkonkurrenz aus dem Ausland zu schützen. Nach den Parlamentswahlen im Juni kündigte aber PSA Peugeot Citroën die Streichung von 8000 Stellen in Frankreich an, bei weiteren Firmen wird dies im Sommer und Herbst erwartet.

Die Autobauer müssen für die staatlichen Hilfen eine "Gegenleistung" bringen, wie Industrieminister Arnaud Montebourg bereits angekündigt hatte. So sollen die Prämien für die Hybrid- und Elektro-Autos nur gezahlt werden, wenn "ihr Preis beibehalten" wird, wie aus dem Plan der Regierung hervorgeht. Außerdem müssen die Autos in Frankreich produziert sein.

Die Pläne sollen vor allem die deutschen und asiatischen Hersteller vom französischen Markt verdrängen. PSA und Renault sind stark auf den europäischen Markt angewiesen, wo der Absatz auch bei den Kleinwagen wegen der Euro-Krise drastisch zurückgegangen ist. Deutsche Premiumhersteller wie Daimler, Audi und BMW dürften von den französischen Regeln dagegen kaum profitieren. Die Deutschen hatten eine staatliche Intervention bis zuletzt abgelehnt. Ihr Geschäft brummt; die Fabriken sind gut ausgelastet. So machte Daimler allein im zweiten Quartal 2012 rund 1,5 Milliarden Euro Gewinn.

PSA-Chef Philippe Varin nannte die Hilfen für innovative Modelle dagegen "eine ausgezeichnete Sache". Dies werde "sicher" dazu führen, bestehende Modelle weiterzuentwickeln, sagte er. Die Konzernführung und die Regierung hatten sich zuletzt einen harten Schlagabtausch geliefert. Präsident François Hollande hatte PSA sogar "Lüge" vorgeworfen und den Stellenabbau-Plan als "nicht akzeptabel" abgelehnt.

Kommentare (8)

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karma

25.07.2012, 14:41 Uhr

und was ist mit den versteckten Subventionen / Bundeswehr an Daimler?

Diese veralteten Schrottmühlen wäre ohne die staatlichen Subventionen unverkäuflich. Also bitte, den Stein net zu weit werfen, wenn man im Glashaus sitzt.



Susi

25.07.2012, 15:02 Uhr

Die Nachgiebigkeit der Politiker gegenüber den Interessengruppen fährt die Gesellschaft an die Wand.
Die starken Verbandelungen zwischen Politik und Industrie gerade in den Pleiteländern haben faktisch den Ständestaat wieder auferstehen lassen.
Das Allgemeinwohl ist dem staatlichen Handeln abhanden gekommen.
Die hohe Machtkonzentration wird die wirtschaftliche Entwicklung Europas weiter talwärts führen.

Tobi

25.07.2012, 15:19 Uhr

...mich würde mal interessieren, warum eine subvention für ausschließlich in frankreich hergestellte fahrzeuge nicht von der eu "kassiert" wird!?
das hätte sich mal die bundesregierung bei der abwrackprämie damals erlauben sollen. da wäre der ärger groß gewesen...

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