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05.05.2012

16:22 Uhr

Virtuelle Auto-Prototypen

Testfahrt in der Datenleitung

VonMarkus Fasse

Die Industrie plant virtuell: General Motors und Mercedes arbeiten immer öfter mit digitalen Prototypen. Die Vorteile sind enorm: In kürzeren Entwicklungszeiten können mehr Modelle und Varianten entwickelt werden.

Entwickler auf der Messe RTT Excite: Virtuelle Fahrzeugstudien. RTT AG

Entwickler auf der Messe RTT Excite: Virtuelle Fahrzeugstudien.

MünchenDas Lenkrad des neuen Mercedes ist zum Greifen nah. Das Auge folgt dem warmen Braun der Armaturen, die Hand sucht die straff gespannten Ledersitze. Vor der Motorhaube kreuzen Fußgänger die Fahrbahn, doch eigentlich schlendern sie nur um einen Messestand. Denn der Supersportwagen SLS ist in Wirklichkeit nur eine perfekte Illusion, erzeugt von einer Datenbrille, die reale Umwelt und künstliche Welten miteinander verbindet.

"Mit unseren neuesten Technologien können wir innerhalb und außerhalb von Fahrzeugen realistische Lichtverhältnisse simulieren", sagt Stephan Ritz, Chefentwickler der Münchener RTT AG. Die erst vor wenigen Jahren gegründete Spezialfirma hat zur Hausmesse geladen, um Software und Dienstleistungen mit ihren Kunden zu diskutieren. Es muss mittlerweile schon die kleine Olympiahalle sein, denn an zwei Tagen kommt alles nach München, was in der deutschen Industrie Rang und Namen hat: Die Autohersteller BMW, Mercedes und General Motors sind ebenso vertreten wie der Flugzeugbauer Airbus und der Sportartikelkonzern Adidas.

"Virtual Prototyping" und "Augmented Reality" sind mittlerweile Begriffe, die jeder Entwicklungsvorstand in Deutschland kennt. In immer kürzeren Entwicklungszeiten werden immer mehr Modelle und Varianten in der Industrie entwickelt. Mit Zeichenbrett und Tonmodellen ist das nicht mehr zu machen. Branchengrößen wie Autodesk aus Kalifornien, RTT und Metaio aus München oder Pivr aus Darmstadt sind bereits weltweit aktiv und revolutionieren die Arbeit von Designern, Entwicklern und Marketingabteilungen.

"Wir müssen eine gemeinsame Sprache zwischen Designern und Entwicklern finden", sagt Torsten Steinborn, der für Opel und General Motors die Technologie in Rüsselsheim vorantreibt. Die Sprünge sind enorm: So war es vor wenigen Jahren noch üblich, dass Entwickler und Designer ihre Arbeiten auf der lokalen Festplatte verbargen. Erst Monate später traf man sich am realen Prototyp - und entdeckte teure Fehlentwicklungen. Heute verteilt General Motors virtuelle Prototypen in sekundenschnelle in seine acht Designzentren rund um die Welt. Mit Datenbrille - oder demnächst dem iPad - kann der Entwickler in Detroit in Echtzeit erkennen, ob die Türholme des in Deutschland entwickelten Opels unerwünschte Schatten in den Innenraum werfen. "Mit Hilfe der virtuellen Welten arbeiten wir jetzt effizienter und schneller", sagt Steinborn.

Die Einsparungen sind immens. BMW, Erstkunde der Münchener RTT AG, gelang es in den vergangenen Jahren, einen Großteil der Vorentwicklung von der Straße in die virtuellen Prüfstände zu verlegen. Obwohl die Münchener heute deutlich mehr Modelle auf den Markt bringen, ist die Forschungs- und Entwicklungsquote in den vergangenen fünf Jahren gesunken - auch dank des virtuellen Prototypings.

"Der Impulsgeber dieser Entwicklung ist häufig die Automobilindustrie", sagt RTT-Entwickler Stephan Ritz. Doch mittlerweile arbeiten weitere Industriezweige wie Maschinenbauer, Flugzeughersteller oder Architekten in virtuellen Räumen. Besonders intensiv nutzt die Modebranche die Technik: Adidas gibt pro Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag für Muster aus und hofft, diese Kosten durch virtuelle Prototypen einsparen zu können.

Rund die Hälfte seiner 25.000 Produkte hat Adidas komplett digitalisiert und nutzt die Daten für das Marketing. So präsentierte Adidas in München seine "Virtual Footwear Wall", die in New York, London und China schon eingesetzt wird. Die interaktive Schaufensterwand führt per Touchscreen zu den 4000 Adidas-Schuhmodellen - von denen selbst große Händler nur noch Passformen vorhalten können. Was an Variationen nicht auf Lager ist, bekommt der Kunde nach Hause geliefert.

Kommentare (3)

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Korrekturleser

05.05.2012, 22:06 Uhr

"Das Lenkrad des neuen Mercedes ist zum Greifen nah.(...)" Blöd nur, dass auf der Abbildung ein Lenkrad eines BMWs zu sehen ist.

Istdochklar

06.05.2012, 13:39 Uhr

Es heisst aber nicht umsonst "Theorie und Praxis". Die Rücklaufquote bzgl. Nachbesserung des Produktes wird dann leider deutlich höher sein. Leute, wir werden das Ende der Technologie noch erleben, weil die Theorie in der Simulation leider nicht immer in der Praxis der Realität funktioniert.

Warcraft3

06.05.2012, 13:46 Uhr

Zitat: "ist die Forschungs- und Entwicklungsquote in den vergangenen fünf Jahren gesunken - auch dank des virtuellen Prototypings"

Leider sieht man es den Autos auch an, dass sie nur noch vom CAD kommen. Es fehlt mittlerweile das gewisse Etwas, das bei einem Fahrzeug seinen Reiz ausmacht! Technokram und Robotvisagen, wohin man auch schaut. Ich bau mir lieber mein eigenes Auto.

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