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08.12.2012

15:53 Uhr

Vitamine und rezeptfreie Arzneien

Der Kampf ums Wohlfühlsegment

Pillen, Vitamingetränke, Cremes: Rezeptfreie Mittel fürs Wohlbefinden aus Apotheke, Drogerie oder Supermarkt haben Konjunktur. Das zeigen nicht nur die Verkaufszahlen, sondern auch der wachsende Wettkampf der Anbieter.

So mancher Verbraucher will den Vitaminhaushalt mit Tabletten auf Vordermann bringen. Das Geschäft mit solchen Wohlfühlprodukten boomt. dpa

So mancher Verbraucher will den Vitaminhaushalt mit Tabletten auf Vordermann bringen. Das Geschäft mit solchen Wohlfühlprodukten boomt.

FrankfurtSie sollen die Immunabwehr stärken, schlaffe Haut straffen oder uns fitter und jünger aussehen lassen. Die Rede ist von Vitamin- und Mineralpräparaten, dem Eiweiß-Mix für Sportler oder der Faltencreme gegen den Zahn der Zeit. Mittel fürs Wohlbefinden sind gefragt.

Laut Studien hat der globale Markt für Vitamine, Mineralien und Nahrungsergänzungsmittel inzwischen ein Volumen von rund 30 Milliarden Dollar (etwa 23 Mrd Euro). Ein Riesengeschäft. Und das ist heiß umkämpft, und zwar über Branchen hinweg. Arzneimittelhersteller buhlen mit Konsumgüter- und Nahrungsmittelkonzernen um mögliche Kandidaten für Zukäufe. Erst kürzlich waren deswegen der deutsche Pharmariese Bayer und der Konsumgüterhersteller Reckitt-Benckiser heftig aneinandergeraten.

„Um den Milliardenmarkt der 'Consumer-Health-Care-Produkte' ist ein knallharter Wettbewerb entstanden“, sagt Oliver Scheel, Partner und Leiter des Pharma-Teams bei der Düsseldorfer Unternehmensberatung A.T. Kearney. Es werde in Zukunft noch mehr Übernahmekämpfe um kleinere und mittlere Firmen geben, die auf dem Gebiet aktiv sind.

Die Pharmaunternehmen wollten zunehmend Produkte für Kunden anbieten, die sich auf eigene Kosten etwas Gutes tun wollten. Zudem ist der Milliardenmarkt für rezeptfreie Mittel zwar etwas weniger profitabel als das Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneien, dafür aber ungleich risikoärmer und konstanter. „Und die Konsumgüter- und Nahrungsmittelkonzerne möchten hin zu Produkten, die einen messbaren Nutzen haben und emotional positiv besetzt sind.“

Die Volkskrankheiten der Deutschen

Wirtschaftlicher Schaden

Volkskrankheiten haben nicht nur gesundheitliche sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen. Allein im Jahre 2010 waren die Bundesbürger 17,6 Tage im Durchschnitt krankgeschrieben.

Todesursachen

Volkskrankheiten führen nicht zwangsläufig zum Tode. Deshalb ist es wichtig, zwischen Krankheiten und Todesursachen zu unterscheiden. Zu den häufigsten Todesursachen zählen in Deutschland der Herzinfarkt und der Schlaganfall. 42 Prozent der Bundesbürger waren hiervon betroffen.

Krebs

Zu den zweithäufigsten Todesursachen zählt das Krebsleiden mit 35 Prozent. Frauen versterben neben Krebserkrankungen der Verdauungsorgane nicht selten an Brustkrebs. der Darm-und Lungenkrebs ist die häufigste Todesursache bei den männlichen Bundesbürgern.

Depression

Zu den häufigsten Erkrankungen gehört die Depression. Sie belegt den vierten Platz in der Rangliste mit 9,4 Prozent. Unter Depressionen sind unterschiedliche Erkrankungen zu fassen wie beispielsweise Angstzustände.

Burn-out

Unter den Begriff der Depressionen fällt auch das Krankheitsbild des Burn-out Syndroms. Betroffene sind meist körperlich, geistig und emotional erschöpft. Grund für diesen Zustand sind Stress oder berufliche Überbelastung.

Eu-weit belaufen sich die volkswirtschaftlichen Folgekosten auf 20 Milliarden Euro jährlich.

Atemwege

Platz 3 belegen die Atemwegserkrankungen mit 18 Prozent. Mediziner unterscheiden zwischen den oberen und unteren Atemwegen. Zu den Erkrankungen der oberen Atemwege gehören Krankheiten der Nasennebenhöhlen und Kieferhöhlenentzündungen. Die Bronchitis hingegen wird zu den Krankheiten der unteren Atemwege gezählt.

Übergewicht

Gemeinsam mit den Atemwegserkrankungen ist die Fettstoffwechselstörung die dritthäufigste Krankheitsursache in Deutschland. Eine Störung des Stoffwechsels ist das Übergewicht, das auf falsche Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Laut des Europäischen Statistikamts sind 60 Prozent der Deutschen übergewichtig.

Diabetes

Eine weitere Fettstoffwechselstörung ist die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus. Dabei wird zwischen Typ 1 und Typ 2 unterschieden. Typ 2 ist auf das Übergewicht zurückzuführen.

Rückenschmerzen

Mit 24,1 Prozent sind die Rückenschmerzen das zweithäufigste Volksleiden der Deutschen. Diese Zahl schlägt sich auch in den Krankheitstagen nieder. 13 Tage lässt sich der Bundesbürger wegen dieser Erkrankung krankschreiben.

Bluthochdruck

25,7 Prozent der deutschen Bundesbürger leiden an Bluthochdruck. Damit belegt diese Erkrankung den ersten Platz. Die Ursachen sind vielfältiger Natur. Außer der genetischen Veranlagung spielen Stress, Bewegungsmangel und ein überhöhter Alkoholkonsum eine wesentliche Rolle. Wird die Erkrankung nicht behandelt, drohen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Und der Markt wächst. Die Zunahme chronischer Erkrankungen, höhere Einkommen und das steigende Gesundheitsbewusstsein sollten den Markt für Consumer-Health-Care-Produkte deutlich nach oben klettern lassen – ganz besonders in den Schwellenländern. „In diesen Märkten führt der neue Wohlstand einerseits zu einem höheren durchschnittlichen Lebensalter und andererseits zu einer Zunahme von Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder auch Demenz“, erklärt Pharmaexperte Scheel. 2030 werden bereits 36 Prozent aller Deutschen und 30 Prozent aller Chinesen älter als 60 Jahre sein.

Kein Wunder also, dass große Konzerne wie Bayer auf der Suche nach geeigneten Übernahmen sind. Aber das ist gar nicht so einfach, wie Bayer-Chef Marijn Dekkers vor wenigen Tagen erfahren musste: Bei der sicher geglaubten Übernahme des US-Konzerns Schiff Nutrition wurde der Dax-Konzern von der britischen Reckitt Benckiser mit einer höheren Offerte ausgestochen. Und dies, obwohl Bayer für den Hersteller von Vitaminpräparaten, Nahrungsergänzungsmitteln und rezeptfreien Medikamenten bereits gut 900 Millionen Euro geboten hatte – das rund 18-Fache des erwarteten Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA). Ein hoher Aufschlag, fanden Branchenexperten, zuletzt wurde eher das Acht- bis Zwölffache gezahlt.

Bayer hätte deshalb die Milliardenofferte gerne gezahlt. Denn Konzernchef Dekkers hatte für die Übernahme mit den Worten geworben: „Das Schiff-Geschäft stärkt unsere Präsenz und Stellung in den USA deutlich, wo mehr verschreibungsfreie Produkte und Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden als in jedem anderen Land der Welt.“ Laut Studien entfallen allein rund 40 Prozent des weltweiten Geschäfts mit rezeptfreien Mitteln auf die USA. Insgesamt ist der Weltmarkt mit diesen Mitteln aktuell etwa 90 Milliarden Dollar (rund 70 Mrd Euro) groß.

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen

Obst und Gemüse schützt vor Krebs

Wer sich gesund ernährt und mehr Gemüse als Fleisch isst, der tut seinem Körper etwas Gutes. Doch ein konkreter Schutz vor Krebs ist das nicht. Das ergab eine Studie von Hsin-Chia Hung und Walter Willet, Harvard University Boston/"Journal of the National Cancer Institute". Die Probanden, die mehr Obst und Gemüse aßen, hatten jedoch ein geringeres Herzinfarktrisiko.

Dunkle Schokolade macht weniger dick

Das stimmt leider nicht. Egal, wie dunkel die Schokolade ist, sie besteht in erster Linie aus Kakaobutter, Zucker und Kakaomasse. Im Gegensatz zu Milchschokolade enthält dunkle Schokolade keine Milch, folglich auch keinen Milchzucker. Die Kalorienzahl ist aber vergleichbar mit der der Milchschokolade.

Kaffee trocknet den Körper aus

Nein, Kaffee entzieht dem Körper kein Wasser. Koffein wirkt allerdings harntreibend: Wer viel Kaffee trinkt, muss also öfter die Toilette aufsuchen. Das bedeutet aber nicht, dass er dabei mehr Flüssigkeit verliert, als er mit dem Bürokaffee aufgenommen hat.

Pro Tag zwei Liter Wasser trinken

Es ist richtig, dass der Mensch "ausreichend" Flüssigkeit braucht. Er muss aber nicht zwangsläufig zwei Liter in Form von Wasser trinken. Auch Obst, Gemüse und Milchprodukte enthalten Flüssigkeit. Außerdem hängt der Flüssigkeitsbedarf davon ab, wie heiß es ist, wie viel der Mensch wiegt und ob man sich körperlich stark anstrengt. Pauschal eine Menge von zwei Litern zu empfehlen ist wenig sinnvoll. Zu viel Wasser kann dem Körper auch schaden. Wer ein normales Durstgefühl hat, nimmt automatisch genug Flüssigkeit zu sich.

Salat hat viele Vitamine

Das stimmt nicht. Salat hat viel Folsäure, die der Körper braucht, aber Vitamin C etwa findet sich in der doppelten bis achtfachen Menge in Tomaten oder Paprika.

Eier erhöhen den Cholesterinspiegel

Cholesterin ist ein lebensnotwendiger, natürlicher Stoff und kein Schadstoff. Der Körper produziert selbst Cholesterin und stoppt die Produktion, wenn zu viel Cholesterin in Form von Nahrung aufgenommen wird. Nur wer eine Cholesterin-Stoffwechselstörung hat muss auf seine Ernährung achten. Alle anderen können so viele Frühstückseier essen, wie sie wollen.

Salz ist ungesund

Das stimmt nur, wenn Sie zu den so genannten salzsensitiven Menschen zählen. Bei denen kann der häufige Genuss von stark gesalzenen Speisen zu einem Anstieg des Blutdrucks führen. Da die Mehrheit der Menschen aber nicht salzsensitiv isst, müssen sie auch nicht auf Salz verzichten.

Mehrere Mahlzeiten sind besser

Immer wieder hört man, es sei besser fünf kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen, als die drei großen Klassiker Frühstück – Mittag – und Abendessen. Im Grunde ist es völlig egal, wann man isst. Wer mit fünf „kleinen“ Mahlzeiten am Tag abnehmen möchte, läuft jedoch schnell Gefahr, zu viele Kalorien aufzunehmen. Wer sich an feste Mahlzeiten hält, behält besser den Überblick über die Gesamtmenge der aufgenommenen Kalorien.

Am Abend essen macht dick

Ob wir zu- oder abnehmen liegt an der Menge der Kalorien, die wir zu uns nehmen und nicht am Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme. Mehrere Studien haben widerlegt, dass Stoffwechselvorgänge am Abend ruhen und daher, wer abends mehr isst, schneller dick wird.

Der Mensch nutzt nur einen Bruchteil des Gehirns

Zwar keine Ernährungsweisheit, aber ein Gesundheitsmythos ist, dass der Mensch gar nicht die volle Leistung des Gehirns ausschöpfe. Einmal heißt es 10 Prozent, ein andermal 25 Prozent. Mehr unserer Hirnkapazitäten nutzen wir nicht? Doch, tatsächlich nutzt der Mensch alle Bereiche seines Gehirns. Untersuchungen haben gezeigt, dass es keine inaktiven Teile gibt. So verführerisch der Gedanke an noch ungenutzte Areale und Möglichkeiten wie Telepathie und Telekinese sein mag, sie bleiben Fantasterei.

Mit der Übernahme in den USA wollte der Bayer-Chef die Position der Leverkusener gegenüber großen Konkurrenten wie dem US-Konzern Johnson & Johnson, der britischen GlaxoSmithKline oder der französischen Sanofi stärken.

Unter den deutschen Arzneimittelherstellern ist neben den beiden Dax-Konzernen Bayer und Merck auch Boehringer Ingelheim auf dem Markt für rezeptfreie Medikamente aktiv. Das Familienunternehmen nimmt Rang sechs der weltweit zehn größten Herstellern von Produkten zur Selbstmedikation ein. Ebenfalls mit von der Partie sind die Bad Vilbeler Stada und das Frankfurter Unternehmen Merz, das im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011/2012 den Umsatz mit seinem Botox-Konkurrenten Bocouture fast verdoppelt hat.

Und jede Nische wird genutzt. So ist der Nahrungsmittelkonzern Nestle gerade ins Geschäft mit traditioneller chinesischer Medizin eingestiegen. Die Gesundheitsbranche in der Volksrepublik boomt. Im vergangenen Jahr wuchs sie um mehr als 30 Prozent. Rund ein Viertel der ärztlichen Behandlungen erfolgt nach traditioneller Art. Von diesem Kuchen möchte Nestle ein Stück abhaben.

Von

dpa

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