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06.02.2004

07:54 Uhr

Volksaufstand um Werksschließung

Italien kämpft gegen herzlose Deutsche

VonM. BERNI, M. HENNES, MAILAND

Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp will ein Werk in Umbrien schließen und stößt dabei auf nationalen Widerstand.

p>Die Deutschen mögen Umbrien, diese grüne und bergige Region in Mittelitalien, voller Kunststätten und Klöster. Doch in Umbrien mag man die Deutschen nicht mehr, seit diese herzlosen Kapitalisten ganze Fabriken schließen und Hunderte Familienväter auf die Straße setzen wollen. Der Grund für die nationalen Spannungen: Thyssen-Krupp beabsichtigt, die Produktion von kornorientiertem Elektroband – ein magnetisches Feinblech, das beim Bau von Transformatoren verwendet wird – an seinem umbrischen Standort Terni aufzugeben. Davon wären 500 Arbeiter direkt und weitere 400 bei Zulieferbetrieben betroffen.

In diesen Tagen müssen die deutschen Stahlmanager aber lernen, dass nüchterne, wirtschaftliche Überlegungen in Italien schnell einen Volksaufstand auslösen können. So werden in Terni heute Tausende Menschen gegen die Werksschließung demonstrieren. Die 110 000 Einwohner zählende Stadt wird durch einen Generalstreik lahm gelegt. Im dem sonst so zerstrittenen Land sind sich ausnahmsweise alle einig: Regierung und Opposition, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Kommunisten und Priester. „Die Entscheidung, das Werk zu schließen, ist inakzeptabel“, predigt Bischof Vincenzo Paglia von der Kanzel der Renaissance-Kirche San Francesco. Auch Italiens Premier Silvio Berlusconi hat sich in Telefonaten mit Kanzler Gerhard Schröder und Thyssen-Chef Ekkehard Schulz für das Werk stark gemacht.

Offenbar hat Thyssen-Krupp die Lage falsch eingeschätzt. Ende Januar reiste Wolfgang Trommer, Chef der Sparte Elektroband, nach Umbrien, um der Belegschaft persönlich die schlimme Nachricht zu verkünden: Ein Gutachten habe ergeben, dass Terni von den drei europäischen Produktionsstandorten des Konzerns in Italien, Frankreich und Deutschland die schlechtesten Karten habe. Auf die Frage, ob er sich über die Folgen für die Stadt im Klaren sei, hat Trommer nach Angaben der Gewerkschafter geantwortet: „Diese Entscheidung ist für uns ökonomisch sinnvoll.“

Daraufhin stürmten Arbeiter den Saal, Trommer entging nur knapp einer Schlägerei. Später mussten der Manager und seine Begleiter unter Polizeischutz die Stadt verlassen, weil sich die Verärgerung gegen „die Deutschen“ gewaltsam zu entladen drohe. Der Aufruhr blieb nicht ohne Wirkung: Der Aufsichtsrat wird nicht schon kommenden Montag, sondern erst am Ende Februar über Terni entscheiden.

Thyssen-Krupp, weltweite Nummer eins bei Elektroband, steht unter Druck, seit Importe aus Russland und den USA Europa überschwemmen. „Der Konzern hat intern Überkapazitäten und muss die Produktion jetzt auf kostengünstige Standorte konzentrieren“, meint ein Branchenkenner. Diese Erklärung wollen weder die Arbeiter noch die hohe Politik in Italien schlucken: „Es gibt keine wirtschaftlichen Gründe, Terni zu schließen“, sagt Oppositionschef Piero Fassino.

Es geht nicht nur um Jobs, es geht auch um verletzten Stolz. Gegründet 1884 als Fabrik für Kanonen und Waffen, sollte Terni für den Aufstieg Italiens zu einer Weltmacht stehen. Schon früh kritisierten Experten die geographisch ungünstige Lage. Und heute sagt Giulio Sapelli von der Feltrinelli-Stiftung: „Die Stahlproduktion in Terni war eine Totgeburt, weil sie mitten in den Bergen entstand und nicht am Meer, wie es sich für eine Schwerindustrie gehört.

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