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31.03.2016

10:04 Uhr

Volkswagen-Abgasskandal

April wird zum Schicksalsmonat für VW

Die Bilanz bekannt, ebenso Dividendenplan und Boni – der April war bei VW früher ein entspannter Monat. Doch schon im letzten Jahr störte ein Machtkampf die Ruhe. Und mit dem Abgas-Skandal kommt es nun immer dicker.

Der Abgas-Skandal ruiniert dem Autobauer den einst entspannten April. dpa

Volkswagen

Der Abgas-Skandal ruiniert dem Autobauer den einst entspannten April.

WolfsburgAuf den April würden sie bei VW wohl auch in diesem Jahr am liebsten verzichten. Wie schon 2015 könnte der Frühlingsmonat auch diesmal einen unrühmlichen Platz in den Geschichtsbüchern von Europas größtem Autobauer einnehmen. „Schon wieder April“, heißt es durchaus augenzwinkernd aus dem VW-Aufsichtsrat. Im vergangenen Jahr tobte der beispiellose Machtkampf zwischen dem VW-Patriarchen Ferdinand Piëch und dem damaligen Konzernchef Martin Winterkorn. Und diesen April stehen die wichtigsten Wegmarken im Abgas-Skandal an.

Denn Ende April will der Vorstand um Chef Matthias Müller die mit Spannung erwartete Jahresbilanz präsentieren. Zudem steht auch der Zwischenbericht zur Aufarbeitung der Manipulationen aus. Die US-Kanzlei Jones Day untersucht die Schuldfrage im Auftrag des Aufsichtsrates. Beide Veröffentlichungen dürften Volkswagen einmal mehr in die weltweiten Schlagzeilen katapultieren. Am 21. April läuft zudem das zweite Ultimatum von US-Richter Charles Breyer aus.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Bis zu dieser Gnadenfrist sollen VW und die US-Behörden eine Lösung für die manipulierten Diesel in den USA gefunden haben - und das dürfte teuer werden; „schmerzhaft“, wie es Winterkorns-Nachfolger Müller vor kurzem nannte. Zu allem Überfluss gibt sich US-Präsident Barack Obama Ende April zur Industrie-Weltleitmesse in Hannover die Ehre, ein Besuch daheim im VW-Land also. Gut sind die Vorzeichen dafür nicht. Die Vereinigten Staaten haben den VW-Konzern verklagt.

Richtiggehend Angst habe zwar niemand vor dem, was da im April nun kommen mag, aber dennoch sei er längst als „Schicksals-Monat“ oder „Monat der Wahrheit“ im Gespräch, sagen einige VW-Kontrolleure.

Ohne Übertreibung zeichnet sich bereits ab, dass die Sache im April 2016 durchaus ungemütlicher ausfallen könnte als jene unvergesslichen Wochen im Vorjahreszeitraum: Vom 10. bis 25. April 2015 tobte ein beispielloser Machtpoker an der VW-Spitze. Mit den Worten „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ hatte Piëch den Kampf losgetreten. Am Ende legte er seine Ämter im VW-Konzern nieder – eine Überraschung, auf die wohl niemand zuvor auch nur einen Cent gesetzt hätte.

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Dem strahlenden Gewinner Winterkorn dürfte inzwischen aber auch das Lachen vergangen sein. Denn seit dem 25. September 2015 ist auch sein Name nur noch VW-Historie. An dem Tag trat er zähneknirschend von der Konzernspitze zurück. Kurz zuvor hatte VW zugegeben, bei mehr als elf Millionen Diesel-Autos die Abgaswerte manipuliert zu haben.

„Die Winterkorn-Zeit ist endgültig vorbei“, heißt es heute aus dem Aufsichtsrat. Trotzdem dürfte wohl auch Winterkorn die Nachrichten von Volkswagen im April von seiner Münchner Villa aus sehr aufmerksam verfolgen. Sowohl bei den Jahreszahlen als auch im Bericht von Jones Day zur Abgas-Affäre wird der ehemalige Top-Manager unfreiwillig eine zentrale Rolle einnehmen. Winterkorn, der angeblich jede Schraube im Konzern kannte und prüfte, pflegte ein ähnlich hierarchisch geprägtes Führungsverständnis wie Piëch. Nun sind sie nur noch indirekt dabei.

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