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08.03.2016

13:43 Uhr

Volkswagen-Betriebsversammlung

Gruppentherapie in Halle 11

VonChristian Schnell

Volkswagen schließt die Reihen: Auf der Betriebsversammlung beschwören Vorstand und Arbeitnehmervertreter die Einigkeit. Doch nicht alle glauben an eine gute Zukunft – und den größten Applaus erhält ohnehin Peter Maffay.

Dieselgate

VW-Betriebsversammlung: „Sie müssen sagen: Nicht mit mir“

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WolfsburgBetriebsversammlungen bei Volkswagen in Wolfsburg waren schon immer Massenversammlungen. Seit Heinrich Nordhoff, dem ersten Geschäftsführer nach dem zweiten Weltkrieg, finden sie in Halle 11 statt, einem langen schlauchartigen Gebäude mitten in dem ehrwürdigen Backsteinkomplex. Rund 20.000 Menschen waren es auch diesmal wieder, die in der Halle oder beim Public Viewing davor die Reden verfolgten.

Die Botschaft, die an diesem sonnigen und kalten Vormittag vermittelt werden sollte, war klar. „Wir stehen zu Euch“, das sagten Betriebsratschef Bernd Osterloh, Konzernchef Matthias Müller und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), wenn auch alle mit etwas anderen Worten. Davor hatte zur Einstimmung bereits die VW Big Band gespielt, ehe vor dem offiziellen Teil die Namen der verstorbenen Mitarbeiter seit der letzten Betriebsversammlung verlesen wurden. Nicht nur in diesem Moment wirkte die Stimmung angespannt.

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Pötsch soll den Dieselskandal aufklären. Doch er hat einen Interessenkonflikt: Der Ex-Finanzchef war wohl früh über die Probleme informiert. Eine Kanzlei prüft, ob der Aufsichtsrat gegen ihn und andere Ex-Vorstände vorgehen muss.

„Der Schreck saß bei Euch allen tief“, spricht Osterloh, der an diesem Tag der Gastgeber ist, die Mannschaft von Anfang an ganz direkt an. „Aber wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen“. Zum ersten Mal brandet Applaus an.

Der lässt sich an diesem Tag nur noch steigern, als klar ist, dass es für die Mitarbeiter trotz des zu erwartenden Milliardenverlustes im vergangenen Jahr eine Prämie geben wird. „Anerkennungsprämie“ nennen sie die jetzt, der Begriff „Erfolgsprämie“ würde nicht mehr passen. Wie hoch die ausfallen wird, ist noch unklar. Schließlich steht auch erst Ende April fest, wie hoch der Verlust ausfallen wird. 5900 Euro, die es noch im vergangenen Jahr für jeden nach dem Konzerntarifvertrag bezahlten Mitarbeiter gab, werden es aber sicher nicht mehr sein.

Konzernchef Matthias Müller betont die Einigkeit: „Aufsichtsrat und Anteilseigner, Vorstand und Management, Betriebsrat und Belegschaft – wir alle müssen uns bewegen“. Müller spricht mit belegter Stimme, die wenig frühlingshaften Temperaturen, haben ihm offenbar zugesetzt. In Bayern, wo er aufwuchs, würden sie wahrscheinlich von einem Katarrh reden.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Aber Müller blickt auch nach vorne. „2016 ist das Jahr, in dem wir das Problem mit unseren Diesel-Motoren lösen wollen. Und 2016 ist zugleich das Jahr, in dem wir das Fundament legen für die Erneuerung des Volkswagen-Konzerns“. Wieder gibt es Applaus. Auch wenn der Blick in die Menge verrät, dass manch einem noch der Glaube fehlt.

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