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11.04.2013

18:05 Uhr

Volkswagen gegen BILD

Wem gehört das „Volk“?

VonLukas Bay

Volks-Computer, Volks-Waschmaschine, Volks-DSL - unter dem Volks-Kürzel vermarktet die Bild-Zeitung die unterschiedlichsten Produkte. Das sorgt nun für Ärger: Volkswagen sieht die eigenen Markenrechte verletzt.

Volkswagen sieht die eigenen Markenrechte durch die Bild-Zeitung verletzt. dpa

Volkswagen sieht die eigenen Markenrechte durch die Bild-Zeitung verletzt.

DüsseldorfAlles begann mit dem Volks-PC. Im September 2002 vermarktete Deutschlands größte Boulevard-Zeitung gemeinsam mit der Supermarkt-Kette Plus einen Computer, der sich zum Kassenschlager entwickelte. Der Erfolg der Aktion hatte Folgen: Ob Volks-Spartarif, Volks-Farbe oder Volks-DSL - Volks-Produkte sind zu einer lukrativen Einnahmequelle für den Springer-Verlag geworden.

Lange kümmerte das niemanden, bis die Bild mit den Volksprodukten vor vier Jahren ins Autogeschäft einstieg. Gemeinsam mit der Werkstattkette A.T.U. brachte die Zeitung ein Paketangebot als „Volks-Inspektion“ auf den Markt, zudem verkaufte A.T.U. „Volks-Reifen“. Und in der Werbung warb die Kette sogar als „Volks-Werkstatt“. Ein Umstand, der Deutschlands größten Autokonzern auf den Plan rief. Für Volkswagen war die Verwechslungsgefahr mit den eigenen Markenwerkstätten zu hoch. Dabei gehörte auch schon Volkswagen mit dem „Volks-Seat“ zu den Kooperationspartnern der Bild-Zeitung.

Die Geschichte der Bild-Zeitung

Der Vater der Bild-Zeitung

Axel Springer hatte ein großes Ziel: Er wollte "das größte Zeitungshaus Europas" schaffen - und es gelang ihm. Streitbar war der Verleger der Bild-Zeitung immer, aber besonders Ende der 60er-Jahre. Der Historiker Tim von Armin hat Springers Leben in seiner Biografie "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen" (Campus Verlag) festgehalten. Es folgt der spannende Teil über die Einführung der Bild-Zeitung.

Die Vorbilder

Inspiriert wurde Axel Springer von der Hamburger Morgenpost und dem britischen Daily Mirror. Beide zielten auf die Psyche des Ins-Büro-Fahrenden, wie Springer es ausdrückte. Damals war es ungewöhnlich, dass Tageszeitungen auf dem Weg zur ARbeit erworben wurden.

Die Idee

Axel Springer persönlich war die treibende Kraft der Bild-Zeitung. Viele Details der Gründungsphase sind nur spärlich überliefert. Die Idee war von Beginn an eine am Morgen erscheinende, niedrigpreisige Boulevardzeitung. Vorbilder gab es nicht nur im Ausland ...

Die Preis-Strategie

Die Bild-Zeitung sollte der Preisführer unter den deutschen Zeitungen und schon für zehn Pfennig zuhaben sein. Das entspricht dem Bestreben, die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung zu erfüllen. Hier sah Springer ein enormes Absatzpotenzial.

Wie es zu nackten Frauen kam

Natürlich gab es das Seite-1-Mädchen (übrigens jüngst in den Innenteil verbannt) damals noch nicht. Aber klar war von Beginn an, dass der Name "Bild"-Zeitung kein Zufall war. Springer war fasziniert von der fortschrittlichen anglo-amerikanischen Presse und der konsequenten Betonung visueller Effekte.

Das Logo

Die vier dicken Buchstaben gibt es noch heute. Entworfen hat das Logo der Werbegrafiker Günther T. Schultz, ein langjähriger Freund Springers. Über den vier Lettern stand "10 Pfg" und darunter Zeitung".

Die Seite Eins

Die erste Seite 1 der Bild-Zeitung sah völlig anders aus als heute. Sie bestand ausschließlich aus Fotos und Unterzeilen. Plus natürlich die dicke Überschrift. Die Fotos waren schwarz-weiß und entsprechend groß. So sollte die Wirkung der Bilder voll zur Geltung kommen.

Kritik daran gab es im Verlagshaus durchaus. Doch Springer setzte sich durch gegenüber der Meinung, dass eine Seite 1 nicht nur aus Bildern bestehen könne.

Die Einführung der Bild-Zeitung

Die Druckkosten-Kalkulation gab es im Oktober 1951. Es folgten viele Gespräche mit führenden Verlagsvertretern. Die erste Ausgabe hielten Leser am 24. Juni 1952. Die erste Auflage lag bei 500.000 Exemplaren. Sie wurden kostenlos in Hamburg verteilt.

Springer nutzt die kurz darauf beginnenden Olympischen Spiele in Helsinki, da gerade zu dieser Zeit das Informationsbedürfnis der Leser besonders hoch war.

Erhebliche Startschwierigkeiten

Ein Erfolgsmodell von Beginn an war die Bild nun wahrlich nicht. Trotz der vielen Bilder auf der Seite 1 und den boulevardesken Inhalten inklusive der Sinnsprüche und der berühmten Kolumne "Hans im Glück" war das Interesse am ersten Verkaufstag (25. Juni 1952) gering. Bis Ende 1952 lag die durchschnittliche verkaufte Auflage bei 165.000 Exemplaren und es war keine Besserung in Sicht.

Die Wende

Axel Springer hielt aber an seinem Vorhaben fest - ließ aber mit sich reden. Umfang und Bedeutung der Textelemente wurden erhöht. Im Januar 1953 sagte Springer: "Wir müssen mehr Text machen." Es folgte ein experimenteller Prozess. (Wenig) Sex und (viel) Crime machten den wesentlichen Teil aus. Bis 1958 wuchs die Zahl der Redakteure von einer Handvoll auf über 100.

Der Durchbruch

Der Erfolg setzte nach rund einem Jahr ein. Neben der redaktionellen Umgestaltung halfen auch Verbesserungen beim Vertrieb. Im September 1953 wurden erstmals über eine Million Exemplare verkauft. Ein Jahr später war die Bild Europas größte Tageszeitung.

Springers Rückzug

Nach dem Durchbruch der Bild zog sich Axel Springer aus dem redaktionellen Tagesgeschäft zurück. Prägende Chefredakteure werden in den kommenden Jahren Rudolf Michael, Peter Boenisch und Günter Prinz.

Der Streit zwischen Autokonzern und Boulevard-Zeitung geht seitdem durch die Instanzen. Während ein Landgericht zunächst Volkswagen Recht gab und die Bild-Zeitung zu Unterlassung und Schadensersatz verurteilte, wies das Oberlandesgericht München die Klage wieder ab. Heute beschäftigte das Geschäft mit den „Volks-Produkten“ sogar den 1. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs. Anders als das Oberlandesgericht ist für die Bundesrichter nicht ausgeschlossen, dass die Zeichen „Volks-Inspektion“, „Volks-Reifen“ und „Volks-Werkstatt“" die Markenrechte von Volkswagen verletzen.

Sie unterstützen die Argumentation von Volkswagen: „Bekannte oder sogar berühmte Marken verfügen über einen weiten Schutzbereich“, hieß es in der Begründung der Richter. Eine Verletzung der bekannten Marke läge bereits vor, wenn das Publikum von einer wirtschaftlichen oder organisatorischen Verbindungen zu Volkswagen ausgehe. Dem hätte die Richter in vorherigen Instanz nicht genug Rechnung getragen.

Eine endgültige Entscheidung fällten aber auch die Bundesrichter nicht. Sie hoben die Entscheidung des Berufungsgericht auf, und verwiesen die Sache zurück an das Oberlandesgericht. Damit geht der Streit in die nächste Runde.

Kommentare (11)

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emilioemilio

11.04.2013, 18:31 Uhr

Aufgemerkt:

Wo ist das Problem das "Deutsche Volk" befindet sich in der Abwicklung!

Die grünbestallten Nachfolger nennt man gemeinhin: Bevölkerung in der gaukschen Grammatik auch Bevölkerungen.

hogro

11.04.2013, 21:25 Uhr

Ist der Begriff "Volk" von VW erfunden worden? Sicher nicht.
Hier gibt es ein sog. "Volkshaus" (Begegnungsstätte für Bürger). Muss man die Einrichtung nun umbenennen?

ChrisDOHC

11.04.2013, 22:43 Uhr


Diese Volksabzockung und Volksverblödung von Bild, ATU & Co würde ich auch allein schon aus Prinzip mit allen rechtlichen Mitteln bekämpfen.

Der Volkswagen ist eben nun mal der Ursprung des Volkswagens.

Und Hogro- Dein Vergleich hinkt- ein "Volksaus" dürfte kein gieriger Trittbrettfahrer sein, oder?

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