Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.03.2016

04:39 Uhr

Volkswagen in den USA

Ärger um Clean-Diesel-Werbung

VonAstrid Dörner

VW hatte Diesel-Autos in den USA aggressiv beworben. Jetzt wird der Konzern von der Wettbewerbsbehörde verklagt. Denn nach dem Abgas-Skandal ist klar: Die Autos waren nicht so sauber, wie in der Werbung angepriesen.

Auch wenn VW in einer US-Kampagne mit „Clean Diesel“ warb - seit dem Abgas-Skandal ist bekannt, dass nicht alles so richtig „clean“ ablief. AP

VW-Werbung

Auch wenn VW in einer US-Kampagne mit „Clean Diesel“ warb - seit dem Abgas-Skandal ist bekannt, dass nicht alles so richtig „clean“ ablief.

New YorkEine Seniorin hält ihren weißen Schal an den Auspuff ihres neuen VW-Diesel. Sie will ihren zwei Freundinnen beweisen, dass ihr neuer Golf nichts mehr mit den dreckigen Abgasen von früher zu tun hat. „Seht ihr, wie sauber der ist“, sagt sie zufrieden, und schon wird der Slogan „Clean Diesel – wirklich saubere Diesel“ eingeblendet.

Aus heutiger Sicht ist der Werbespot bestenfalls ein Treppenwitz. Längst ist klar, dass die „Clean Diesel“ doch nicht so sauber waren, wie die Werbung suggeriert. Die Stickstoff-Emissionen lagen bis zu 40 Mal über den erlaubten Grenzwerten, wie Volkswagen bereits im September eingeräumt hatte. Nun hat die US-Wettbewerbsbehörde eine Klage wegen irreführender Werbung eingereicht und sorgt damit im Diesel-Skandal für neue Unruhe.

In millionenschweren Werbekampagnen habe VW die Vorteile in Sachen Umweltfreundlichkeit und Sparsamkeit beworben, um „amerikanische Verbraucher dazu zu bewegen, Fahrzeuge zu kaufen, die mit einer Schummel-Software ausgestattet waren“, heißt es in der Klageschrift, die am Dienstag in San Francisco eingereicht wurde. Darin wird auch ein nicht namentlich genannter VW-Ingenieur zitiert, der sich geäußert hatte, bevor bekannt geworden war, dass auch SUVs der Marken Audi und Porsche von den Manipulationen betroffen waren. Diese Fahrzeuge mit Drei-Liter-Motoren hätten „genau die gleichen Probleme, es ist aber noch nicht öffentlich“, wird er zitiert. „Sie wurden noch nicht erwischt.“ Bereits im Oktober hatte die Behörde angekündigt, die Abgasmanipulationen bei VW zu untersuchen.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Es ist ein einfacher Fall. Schließlich hat VW offensiv mit seiner vermeintlich umweltfreundlichen Dieseltechnologie geworben, die zum Teil auch von den Luxus-Töchtern Audi und Porsche verwendet wurde. 2010 etwa schaltete Audi einen Werbespot beim Superbowl-Finale, dem größten Sportereignis in den USA. Die Werbung zeigt, wie alle Amerikaner Ärger mit einer neuartigen Umweltpolizei bekommen nur der Mann im Audi-Diesel problemlos durch die Kontrolle kommt.

Analysten hatten mit der Klage gerechnet. „Jede Behörde, die auch nur am Rande mit der Situation zu tun hat, wird eine Klage einreichen, und Entschädigungen für die Betroffenen fordern“, sagte Rebecca Lindland von Kelley Blue Book.

In den USA sind knapp 600.000 Autos der Marken VW, Audi und Porsche von den Abgasmanipulationen betroffen. Insgesamt seien den Verbrauchern Schäden in Milliardenhöhe entstanden, bemängelt die FTC. Die Behörde hat nicht die Befugnis eigene Strafen zu verhängen, will mit der Klage jedoch sicherstellen, dass die Verbraucher angemessen entschädigt werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×