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01.06.2012

07:17 Uhr

Volkswagen

Piech will den direkten Zugriff auf das Lkw-Geschäft

VonMark Christian Schneider, Markus Fasse

ExklusivGroßes Stühlerücken bei Volkswagen: Der VW-Patriarch Piëch will den Durchgriff auf das Lkw-Geschäft und schickt zwei Topmanager zu MAN. So wird der Konzern zur Schaltzentrale für den Angriff auf den Weltmarkt.

Piech hat mit MAN Großes vor. dpa

Piech hat mit MAN Großes vor.

München/HamburgVolkswagen stärkt mit einem umfangreichen Personalumbau sein Lkw-Geschäft. Am heutigen Freitag werden der Aufsichtsrat des VW-Konzerns und am Samstag der MAN-Aufsichtsrat umfangreiche Personalentscheidungen treffen. Wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfuhr, werden zwei Topmanager der Wolfsburger den MAN-Vorstand verstärken.

Der bisherige Audi-Einkaufsvorstand Ulf Berkenhagen soll als MAN-Vorstand nach München wechseln und von dort den Einkauf aller Lkw-Marken im Konzern übernehmen. Ihm folgt der erfahrene VW-Personalexperte Jochen Schumm, der das Personalwesen bei MAN neu organisieren soll. Und auch Scania-Chef Leif Östling bekommt eine neue Rolle: Der Schwede zieht als Koordinator für das Lkw-Geschäft in den VW-Vorstand ein und ersetzt dort Jochem Heizmann.

Mit diesen Rochaden wollen VW-Patriarch Ferdinand Piëch und Vorstandschef Martin Winterkorn eine jahrelange Hängepartie im Lkw-Geschäft beenden. Nach den milliardenschweren Mehrheitsübernahmen von Scania und MAN wollen die Wolfsburger endlich einen Lastwagenbauer schaffen, der es global mit dem Marktführern Daimler und Volvo aufnehmen kann. Piech will beweisen, dass im Lastwagenbau dasselbe Erfolgsrezept funktioniert wie im Autogeschäft: Mit Hilfe von technisch standardisierten und damit kostensenkenden "Baukästen" sollen MAN, Scania und VW Nutzfahrzeuge als eigenständige Marken die Weltmärkte aufrollen.

Winterkorns Karriere

Ausbildung

Nach dem Abitur in Korntal studierte W. an der Universität Stuttgart Metallkunde und Metallphysik. 1973-1977 war er Doktorand am Max-Planck-Institut für Metallforschung und Metallphysik, wo er 1977 zum Dr. rer. nat. promovierte.

Karrierebeginn bei Bosch

1977 begann Winterkorn bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart als Spezialist für Prozesstechnologie. Ab 1978 leitete er die Kältemittelverdichter-Entwicklung ("Stoffe und Verfahren") bei der Bosch-Siemens-Hausgeräte GmbH.

Eintritt bei Audi

Bei Audi wurde Winterkorn 1981 Assistent des Vorstands für Qualitätssicherung, 1983 erhielt er die Zuständigkeit für Messtechnik und die Testverfahren bei Neuentwicklungen. Anfang 1988 berief ihn der gerade zum Audi-Chef aufgestiegene Piëch zum Leiter des Bereichs "Zentrale Qualitätssicherung", 1990 wurde er Leiter der "Qualitätssicherung". Winterkorn setzte nicht zuletzt Piëchs Initiativen im Detail um. So hatte er Anteil an der Entwicklung des permanenten Allradantriebs und an der Realisierung der vollverzinkten und damit rostfreien Karosserie (mit einer imagefördernden Zehn-Jahres-Garantie). In jenen Jahren gelang es daher, mit Audi in den exklusiven, bis dahin in Deutschland von Mercedes und BMW allein dominierten Premiummarkt vorzustoßen. Schrittmacher wurden hierfür in den 90er Jahren der Einstieg in die Oberklasse mit dem A8 sowie in den Sportwagen-Markt mit dem Audi TT. Weiter verdient machte sich Winterkorn bei der Rationalisierung der Abläufe in der Produktion, was die Rentabilität entschieden verbesserte.

Wechsel nach Wolfsburg

Anfang 1993 wechselte Winterkorn zum 1938 gegründeten VW-Konzern nach Wolfsburg. Als neuer Konzernchef übertrug Piëch Winterkorn die Verantwortung für die Qualitätssicherung. In Jahren zuvor war der VW-Konzern, der sich jahrzehntelang auf den Massenmarkt (Pkw, Lkw) mit einigen wenigen einfachen Modellen beschränkt hatte, in die Offensive gegangen und hatte mehr und technisch anspruchsvollere Modelle auf den Markt gebracht und zudem kleinere europäische Pkw-Anbieter aufgekauft. 1994 erhielt Winterkorn den Titel eines Generalbevollmächtigten, und ab 1995 leitete er das Konzern-Produktmanagement. Anfang 1996 wurde er in den Markenvorstand VW berufen und verantwortete dort die technische Entwicklung. In diesen Funktionen trug er dazu bei, die Umsatz-Verdoppelung des VW-Konzerns 1993-2000 von 76,6 Mrd. DM auf 167,3 Mrd. DM von Seiten der Fertigung abzusichern. Winterkorn förderte auch die Entwicklung des "Phaeton" und damit den Einstieg in die Luxusklasse. Das technisch überzeugende Modell setzte sich auf dem Markt aber nicht durch. 2000 übernahm Winterkorn im Vorstand das Ressort Forschung und Entwicklung. Wenig später schaffte VW das Konzept ab, möglichst viele Modelle auf einer Plattform zu fertigen und setzte stattdessen auf das "Gleichteilekonzept", von dem sich der Konzern mehr Flexibilität und mehr Möglichkeiten für eine individuelle Marken-Entwicklung versprach

Vorstandsvorsitzender der Audi AG

Zum 1. März 2002 stieg Winterkorn zum Vorstandschef der Audi AG auf und löste Franz-Josef Paefgen ab. Im April 2002 trat überdies der frühere BMW-Chef Bernd Pischetsrieder an die VW-Konzernspitze. Ferdinand Piëch übernahm nun den Aufsichtsratsvorsitz. Bereits im Nov. 2001 hatte VW eine Neustrukturierung des Konzerns in zwei Markengruppen vereinbart. Als Führungsmarke der klassischen Linie wurde VW unter Pischetsrieder direkter Führung für die tschechische Skoda und die britische Bentley zuständig. Winterkorn rückte als erster Audi-Chef in den VW-Konzernvorstand ein und betreute die sportliche Markengruppe mit Audi, Seat und Lamborghini. Die prestigeträchtige, aber verlustreiche Automobili Lamborghini SpA bei Bologna hatte VW 1998 erstanden. Die stagnierende spanische Sociedad Espagnola de Automóviles de Turismo (Seat) in Barcelona sollte sich zu einer sportlichen und zugleich bezahlbaren Marke weiterentwickeln.

Umbau der Audi-Produktpalette

Bei seinem Amtsantritt kündigte Winterkorn für die Marke Audi Offensiven an, um das nach sechs Rekordjahren 2002 bei Absatz und Gewinn etwas ins Stocken geratene Wachstum wieder zu forcieren und um Audi dauerhaft in der Premiumklasse zu etablieren. Den Schlüssel hierfür sah Winterkorn in einer konsequent sportlichen Ausrichtung aller Modelle unter dem Slogan "mehr Muskeln, weniger Fett". Winterkorn setzte dabei auf weitere Crossover- und Kombi-Modelle. Zur forcierten Sportlichkeit trugen Allrad, Aluminium-Karossen und Neuerungen für ein zuverlässiges Fahrverhalten bei. Auch deshalb übernahm Winterkorn das Technikressort persönlich. Das sportliche Image abrunden konnten Investitionen in ein entsprechendes Design. Nachholbedarf machte Winterkorn auch in einer stabileren Auslastung der Werke Ingolstadt und Neckarsulm aus. Entsprechend arbeitete er daran, die starre Spezialisierung der Werke auf bestimmte Modelle durch mehr Flexibilität zu ersetzen, um Auftragsschwankungen auszugleichen. Für all diese Maßnahmen legte Winterkorn 2004 ein Investitionsprogramm bis 2009 in Höhe von 11,6 Mrd. Euro auf.

Aufstieg in den VW-Vorstand

Parallel zur Arbeit für Audi gestaltete Winterkorn ab 2002 im VW-Vorstand die Konzernpolitik mit und begleitete die weitaus schwierigere Entwicklung bei der VW-Markengruppe, wobei dort die Absatzkrise bei der Marke VW anhielt. Entsprechend trug Audi 2004 etwas mehr als die Hälfte zum Konzerngewinn bei. Winterkorn begrüßte 2005 den Einstieg des überaus profitablen Sportwagenherstellers Porsche, der zunächst 20 Prozent und bis 2006 dann 25,1 Prozent der Stammaktien (15,3 Prozent des gezeichneten Kapitals) an VW aufkaufte. Als Enkel des Porsche-Gründers besaß Piëch 13,2 Prozent der Stammaktien an Porsche. Immerhin hatte Porsche zeitweise im Audi-Werk Neckarsulm produziert. Ebenfalls 2005 beschloss VW Investitionen bis 2009 in Höhe von 24,7 Mrd. Euro.

Vorstandschef der Volkswagen AG

Winterkorn wurde im Nov. 2006 für den Vorstandsvorsitz des VW-Konzerns nominiert, den er im Jan. 2007 von dem ein Jahr jüngeren Pischetsrieder übernahm. Der Schritt erfolgte überraschend, da dessen Vertrag erst im Mai 2006 verlängert worden war. Bezeichnenderweise hoben die Kommentatoren bei Winterkorns Bestellung einmütig dessen seit 25 Jahren gepflegtes kollegiales Verhältnis mit Piëch hervor. An die Spitze von Audi trat Finanzvorstand Rupert Stadler. Nach dem Amtsantritt Winterkorns stimmte der Aufsichtsrat am 11. Jan. 2007 dessen Plänen für einen tiefgreifenden Umbau des Unternehmens zu. U. a. wurden die beiden Markengruppen VW (VW, VW Nutzfahrzeuge, Skoda, Bentley und Bugatti) und Audi (Audi, Seat und Lamborghini) aufgelöst. Wie erwartet, schied daraufhin der als Sanierer bewährte VW-Markenchef Wolfgang Bernhard aus, und Winterkorn selbst übernahm neben der Leitung der Kernmarke VW den Posten des Vorstands für Forschung und Entwicklung. Auch in seiner neuen Funktion präsentierte sich Winterkorn als Perfektionist mit einem großen Interesse an technischen Details und der Verbesserung der Produktqualität. 2008 übernahm VW als neue Marke den schwedischen LKW-Hersteller Scania, nachdem die Wolfsburger zuvor ihre Anteile schrittweise erhöht hatten. Dagegen verkaufte Volkswagen im selben Jahr seine brasilianische LKW-Tochter an den Nutzfahrzeugkonzern MAN, an dem Winterkorns Unternehmen selbst als einer der Hauptaktionäre beteiligt war

Engagement im Profifußball

Neben der Umgestaltung des Automobilkonzerns machte er nach seinem Amtsantritt auch die als GmbH geführte Fußballtochter von VW, den VfL Wolfsburg, zur Chefsache. "Ihm liegt nicht nur das perfekte Automobil am Herzen, sondern eben auch der Fußball", stellte das Handelsblatt fest, nachdem der VfL durch den von Winterkorn verpflichteten Trainer und Manager Felix Magath sowie dank mehrerer Dutzend Millionen teurer Spielerverpflichtungen zum Bundesligaspitzenteam geformt wurde und im Mai 2009 erstmals die Deutsche Meisterschaft gewann. Seine Fußballbegeisterung verbindet der auch im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG sitzende Winterkorn jedoch mit geschäftlichen Anliegen. So nutzt er etwa die Heimspiele des VfL, um Händler aus der Region der Gastmannschaft zum Gespräch über Modelle und Vertriebspolitik in die Wolfsburger Volkswagen-Arena einzuladen

Die Schaltzentrale für das Projekt wird MAN. Scania im schwedischen Södertälje und die VW-Nutzfahrzeugtochter in Hannover werden den Münchenern untergeordnet. Koordiniert werden die Aktivitäten von einem Kompetenzzentrum, intern Expertise-Center genannt, am Konzernsitz in Wolfsburg. Den Anspruch an seine Mannschaft hat MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen bereits vor wenigen Wochen per Hausmitteilung formuliert. "Wir wollen bis 2020 die Nummer eins bei Commercial Vehicles werden", schrieb der Piech-Vertraute an seine 50 000 Mitarbeiter.

Jetzt bekommt er die Mittel dazu: Sein neuer Einkaufschef Berkenhagen erhält Durchgriff auch auf die bislang sperrige Konzernschwester Scania. Die Schweden hatten sich sehr zum Ärger von Volkswagen und MAN bislang einer tieferen Zusammenarbeit mit den Deutschen verschlossen, obwohl der Dax-Konzern VW die Mehrheit der Stimmrechte hält und VW-Chef Winterkorn den Aufsichtsrat von Scania führt.

Kommentare (2)

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mosab@lando.co.za

01.06.2012, 09:35 Uhr

der Vorstand der Volkswagen AG wird mit seiner Entscheidung
Scania die Eigenständigkeit zu nehmen dieses Hochprofitable Unternehmen in die Mittelmässigkeit führen.Die Stärken von Scania liegen in der inovativität,immer die Nase vone haben ,Service der seinesgleichen sucht und Schnelligkeit in den Entscheidungen,technisch und die Türen der Entscheider sind für alle!!!offen zu jeder Zeit.Koservative Strukturen wie bei Volkswagen oder gar Daimler lähmen inovative Menschen in Fortschrittlichen Unternehmen.
Bernd Richert
Ehemaliger Ersatzteilleiter
Mercedes Benz Organisation und Scania Hamburg

rabe

01.06.2012, 14:23 Uhr

Um mit den Branchenriesen (Volvo u. Daimler)mithalten zu können ist dies der einzige Weg um ganz oben mitzuspielen. Motivierte Mitarbeitern werden die Veränderungen wohlwollend aufnehmen und mit Begeisterung den Gipfel stürmen.

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