Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.06.2015

14:12 Uhr

Volkswagen plant Budget Car

VW-Billigauto – Chance und Risiko zugleich

VonChristian Schnell

Volkswagen will 2018 das erste Billigauto in China vom Band laufen lassen. Damit begibt sich der Autoriese aus Wolfsburg auf einen schmalen Grat. Als abschreckendes Beispiel dient der Tata Nano aus Indien.

Das Billigauto aus Indien könnte Vorbild für Volkswagen sein – oder abschreckendes Beispiel. Reuters

Tata GenX Nano

Das Billigauto aus Indien könnte Vorbild für Volkswagen sein – oder abschreckendes Beispiel.

FrankfurtFür deutsche Autokäufer war es so etwas wie ein Kulturschock. Als der indische Autobauer Tata im Jahr 2008 „das billigste Auto der Welt“ präsentierte, da mischte sich ungläubiges Erstaunen mit Hohn und Spott. Ein Auto, das umgerechnet lediglich 1.440 Euro kosten sollte, aber so gut wie alles an Komfort, Sicherheit, Technik und auch noch Optik vermissen ließ, das konnte selbst die Inder nicht überzeugen. Kein ABS, keine Airbags oder sonstige Sicherheitsfeatures. Auf Servolenkung, Klimaanlage oder Autoradio wurde sowieso verzichtet. Dafür Plastik statt Blech und Klebstoff statt Schweißpunkt. So billig konnte der Wagen gar nicht sein, als dass er in dieser Zusammenstellung in Indien Käufer fand.

Der Nano, mittlerweile aufgewertet zum Modell „GenX“ und mit 2.800 bis 4.100 Euro auch nicht mehr ganz billig, läuft noch immer schleppend. Und das, obwohl er viel deutsches Knowhow mitbringt. Die Einspritztechnik und wesentliche Teile der Autoelektronik stammen von Bosch, die Nockenwelle sogar vom Formel-1-Zulieferer Mahle und die Motoraufhängung von Freudenberg.

Porsche und Piëch: Besuch in einer abgeschotteten Welt

Porsche und Piëch

Premium Besuch in einer abgeschotteten Welt

Rund drei dutzend Porsche-Erben kontrollieren den VW-Konzern. Doch nicht jeder mischt sich in die Firmenpolitik ein. Ein Besuch bei Hans-Peter Porsche und Ernst Piëch, die beide ihre ganz eigenen Träume leben.

Für Volkswagen ist der Nano ein warnendes Beispiel, dass man es eben doch nicht so schlicht treiben darf wie bei Tata. Die Verantwortlichen wissen, dass die Kunden selbst in den aufstrebenden Ländern an Qualität gewöhnt sind und dass es schließlich auch darum geht, den Ruf als Qualitätsmarke auch bei einem Billigmodell zu wahren. Denn das, was in der Regel heimische Produzenten mittlerweile bei diesem Thema zu bieten haben, kann sich durchaus sehen lassen.

Genau diese Gründe waren es, die Volkswagen-Chef Martin Winterkorn bisher zögern ließen. Immer wieder war man kurz davor, mit entsprechenden Plänen an die Öffentlichkeit zu gehen. Und stets machten die Billig-Modelle der Konkurrenz aus Fernost, die man in Wolfsburg auseinander genommen und genau seziert hatte, Nachbesserungen nötig. „Auch für ein Budget-Car braucht es mittlerweile eine hohe Qualität“, sagte Vorstandschef vor einigen Monaten. Die Kalkulation dahinter ist klar: Der Name Volkswagen steht hier wie in den aufstrebenden Ländern für Qualität. Sollten dann selbst heimische Firmen mehr bieten, wäre die Gefahr groß, sich zu blamieren.

Zumal die eigenen hohen Qualitätsansprüche weltweit bekannt sind. Und Konzernchef Winterkorn auch bei einfacheren Modellen immer wieder selbst nach der Qualität schaut. Als im April auf der Hannover Messe beispielsweise Indien Gastland war und Volkswagen am Stand den im dortigen Pune produzierten Vento vorstellte, da prüfte Winterkorn beim Warten auf die Kanzlerin Spaltmaß, Türen und Kofferraum mit dem gleichen prüfenden Blick wie bei einem in Deutschland produzierten Auto. Der Vento, eine Stufenheck-Version des Polo, kostete bei seiner Einführung im Jahr 2010 gerade mal 7.000 Euro. Zuletzt gab es ein Facelift dieses Modells.

Die Mängelliste des Volkswagen-Konzerns

Enormes Tempo

Volkswagen ist unter Konzernchef Martin Winterkorn rasant gewachsen. Seit der Schwabe 2007 das Steuer bei den Wolfsburgern übernahm, wurden der Sportwagenbauer Porsche, die beiden Lkw-Bauer MAN und Scania sowie der Motorradhersteller Ducati in das Imperium eingegliedert. Der Absatz des weltumspannenden Autokonzerns mit inzwischen zwölf Marken kletterte um zwei Drittel auf mehr als zehn Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz stieg erstmals über 200 Milliarden Euro, für VW arbeiten nahezu 600.000 Menschen, fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Bei dem enormen Tempo von VW haben sich allerdings auch zahlreiche Risse aufgetan.

Schwache Rendite

Die Ertragskraft der Wolfsburger Kernmarke VW schwächelt, weil bei ihr ein Großteil der hohen Entwicklungskosten anfallen, von denen andere Marken wie Seat und Skoda profitieren. Vom Umsatz blieben im ersten Quartal 2015 magere zwei Prozent beim Betriebsgewinn hängen. Die Marke mit dem VW-Logo ächzt unter einer zu großen Zahl an Ausstattungsvarianten und Fahrzeugmodellen. Dadurch muss VW gegen hohe Kosten anverdienen, kann seine Wagen jedoch als Massenhersteller nur zu erschwinglichen Preisen verkaufen.

Auch die anderen Pkw-Marken schöpfen nach Meinung von Experten die Möglichkeiten nicht aus, die ein Konzern von der Größe Volkswagens bietet. Zwar profitieren die Wolfsburger bei den Kosten immer mehr von der Baukastentechnik, auf der nun auch der neue Passat und der Familienwagen Touran basieren. Doch tanzt nach Wahrnehmung des Betriebsrats noch so manche Marke bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe. Betriebsratschef Bernd Osterloh glaubt, dass VW wesentlich mehr als die angekündigten fünf Milliarden einsparen könnte, wenn sich alle an die Vorgaben hielten. Insidern zufolge will VW über alle Marken hinweg zehn Milliarden Euro sparen.

Maues US-Geschäft

Auf dem wichtigen US-Markt fristet VW ein Nischendasein - obwohl die Wolfsburger in Chattanooga ein neues Werk errichtet haben. Die Aufholjagd ist ins Stocken geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Denn der extra auf den Geschmack der Amerikaner abgestimmte US-Passat verkauft sich nur schleppend, weil die Konkurrenz ihre Modelle schneller erneuert. Zudem hat VW im Land der Straßenkreuzer und Geländewagen keine entsprechenden Modelle im Angebot. Das rächt sich jetzt, da die Spritpreise niedrig sind. Die von Winterkorn angekündigten großen SUV kommen erst 2016/2017. Bis dahin könnte VW jenseits des Atlantiks vollends ins Abseits geraten, fürchten Experten.

Zu stark in China

Auf dem weltgrößten Automarkt kann VW dagegen seine ganze Stärke ausspielen. In der Volksrepublik sind die Wolfsburger mit fast 40 Prozent Marktführer. Die Stärke kann sich jedoch schnell in ein Risiko verwandeln. Denn der chinesische Markt wächst bei weitem nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. In den ersten Monaten 2015 sanken die Absätze der Kernmarke VW sogar.

Südamerika

In Südamerika, wo die Wolfsburger einst der Konkurrenz davon fuhren, schrumpft der Absatz seit einiger Zeit dramatisch, weil sich der VW zu lange auf dem Erfolg der vergangenen Jahre ausgeruht hat. Piëch soll dies neben anderen Themen im Aufsichtsrat offen angeprangert haben.

Schwerfällige Lkw-Allianz

Die vom mittlerweile als AR-Chef abgetretenen Ferdinand Piëch geforderte Allianz der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania kommt nur schleppend in Gang. Am Montag beschloss der Aufsichtsrat die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. Für mehr Bewegung soll nun der von Daimler zu VW gewechselte Lkw-Boss Andreas Renschler sorgen.

Keine Billigautos

Seit Jahren versuchen die Wolfsburger vergeblich, im Billigsegment Fuß zu fassen. Die Hoffnungen, dies zusammen mit Suzuki zu schaffen, sind geplatzt, weil sich der japanische Kleinwagenspezialist von VW dominiert sah. Aus der angestrebten Partnerschaft wurde ein Rosenkrieg. Währenddessen machen andere wie der französische Konkurrent Renault mit seiner Billigtocher Dacia das Geschäft. VW hat Insidern zufolge zuletzt mit dem chinesischen Hersteller Great Wall über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung günstiger Autos gesprochen.

Das nun via „Bild am Sonntag“ für das Jahr 2018 angekündigte Budget Car von VW soll indes aus China kommen. Zum Preis zwischen 8.000 und 11.000 Euro wird es ab dann einen SUV sowie eine Schräg- und Stufenheck-Variante geben. Dort ist der Markt nicht nur ungleich größer als in Indien, es wird wie üblich mit einem heimischen Partner eine Kooperation geben. Im Gespräch war dafür in den vergangenen Monaten immer wieder der Name Great Wall.

Die große Unbekannte dürfte bei all den Plänen sein, ob die Konkurrenz in drei Jahren nicht ebenfalls schon deutlich weiter ist und dann nicht doch gleich wieder nachgebessert werden muss. Sowohl bei Ausstattung als auch beim Preis. So hat beispielsweise erst vor wenigen Wochen der französische Konkurrent Renault seinen Kleinwagen Kwid vorgestellt. Der City-SUV, wie er dort genannt wird, soll lediglich zwischen 4.000 und 5.000 Euro kosten und in Indien gebaut werden. Als wichtiges Statussymbol für den dortigen Markt hat er sogar serienmäßig ein Navigationssystem eingebaut.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ludwig von Mises

29.06.2015, 15:49 Uhr

Deutsche Rechtschreibung ist auch manchmal ein schmaler Grat. ;)

http://www.duden.de/rechtschreibung/Grat

Herr Franz Paul

03.07.2015, 12:24 Uhr

Und wenn ich daran denke, wie sehr die versammelte deutsche Journaille, auch im HB, damals die deutsche Industrie VERDAMMT hat, weil sie nicht in der Lage waren, so ein Billigdings wie den NaNo zu bauen.....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×