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28.09.2015

15:26 Uhr

Volkswagen-Skandal

Die gefährliche Inzucht der Deutschland AG

Der Skandal bei Volkswagen zeigt auch eine Schwäche der deutschen Konzerne auf. Gerade in den Aufsichtsräten herrscht Cliquenwirtschaft, an den Konzernspitzen stehen meist Insider. Ein Wandel vollzieht sich nur langsam

Der neue VW-Chef und sein Vorgänger haben sehr ähnliche Karrieren gemacht. ap

Matthias Müller (rechts) und Martin Winterkorn

Der neue VW-Chef und sein Vorgänger haben sehr ähnliche Karrieren gemacht.

Wer die Lebensläufe von Martin Winterkorn und Matthias Müller nebeneinander hält, wird kaum einen Unterschied feststellen. Nach frühen Positionen bei Audi verbrachten der scheidende und der neue Chef der Volkswagen AG die folgenden 20 Jahre in unterschiedlichen Positionen in der Entwicklung des Automobil-Imperiums mit seinen 600.000 Mitarbeitern. Winterkorn wurde Chef von Audi, bevor er die Leitung der gesamten Gruppe übernahm, während Müller seinen vorletzten Stopp an der Spitze von Porsche machte.

Der Aufsichtsrat des angeschlagenen Konzerns ernannte Müller am Freitag zum Nachfolger von Winterkorn, der zwei Tage zuvor wegen des Abgasskandals zurückgetreten war. Dass jemand mit einem so ähnlichen Hintergrund zur Winterkorn- Nachfolge ausgewählt wurde, macht die Abschottung und Cliquenhaftigkeit in deutschen Konzernspitzen deutlich, sagt Charles Elson vom Weinberg Center for Corporate Governance der University of Delaware.

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„Es wundert mich nicht, dass sie einen Insider ausgewählt haben“, sagt er. „Im Unternehmen hieß es wahrscheinlich: ‚Wer sonst sollte die Leitung übernehmen?'‘, und das ist ein berechtigter Punkt. Aber angesichts der Vorkommnisse bei VW und ihrer Tragweite wäre es angemessener gewesen, einen richtigen Bruch zu vollziehen“ und einen Chef von außerhalb zu holen.

Müller wurde von den 20 Mitgliedern des Aufsichtsrates gewählt, von denen 17 aus Deutschland oder Österreich kommen, im – rein männlichen – Vorstand sind es neun von zehn. Das Fehlen einer breiten internationalen Mischung und vor allem eines Managers mit US-Erfahrung könnte zu den aktuellen Problemen des Autokonzerns beigetragen haben, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. „Sie hatten eigentlich nie jemanden im Aufsichtsrat in Deutschland, der mit Blick auf die USA etwas zu sagen hatte“, erklärt er.

Die Spitzengremien der meisten großen deutschen Konzerne werden von Männern dominiert und hinken in diesem Bereich Ländern wie Großbritannien und Schweden, die beide über keine Frauenquoten verfügen, und Norwegen, wo es eine Quote gibt, hinterher. Zwar wird Europas größte Volkswirtschaft politisch von Kanzlerin Angela Merkel geleitet, in den Vorständen der Dax- Konzerne sitzen jedoch lediglich sechs Prozent Frauen, in den Aufsichtsräten beträgt der Anteil 22 Prozent, zeigen Daten des Wirtschaftsministeriums.

Neben dieser ungleichen Verteilung wird die Unternehmensführung in Deutschland noch durch ihre Cliquenwirtschaft ausgebremst, sagt Henrike von Platen, Präsidentin des Frauennetzwerks Business and Professional Women (BPW) Germany, in Berlin. „Wenn man jemanden in einem Gremium getroffen hat, nimmt man ihn gerne mit in ein anderes“, sagt von Platen. „Dies aufzubrechen und für mehr Vielfalt zu sorgen ist schwer.“

Eigentlich sollen die Aufsichtsräte den Vorstand beaufsichtigen und sich auf der Suche nach Talenten intensiv umsehen. Es gibt zwar etwas Wandel, aber viele der Top-Manager haben sich überschneidende Geschäftsinteressen und wählen meist Insider für Chef-Positionen.

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