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16.10.2011

15:21 Uhr

Volkswagen und BMW

Kampf um SGL-Anteile wird heftiger

Der Automobilkonzern BMW könnte beim Carbonhersteller SGL direkt einsteigen. Hintergrund sind die Bemühungen von Konkurrent Volkswagen, der sich ebenfalls eine Sperrminorität sichern will.

Konferenzzentrum der SGL-Gruppe in Meitingen: Derzeit konkurrieren BWM und VW um die Anteile am Carbonhersteller. obs

Konferenzzentrum der SGL-Gruppe in Meitingen: Derzeit konkurrieren BWM und VW um die Anteile am Carbonhersteller.

München/HamburgDer Kampf zwischen BMW und VW um den Kohlefaser-Hersteller SGL Carbon spitzt sich einem Medienbericht zufolge zu. BMW wolle direkt bei SGL Carbon einsteigen, um den Konkurrenten aus Wolfsburg auf Distanz zu halten, berichtete „Der Spiegel“ am Sonntag. BMW-Großaktionärin Susanne Klatten ist bereits mit 29 Prozent an SGL beteiligt und kann somit wichtige Entscheidungen blockieren. VW bereite ebenfalls eine Aufstockung des SGL-Anteils vor und könnte dann zusammen mit dem Zulieferer Voith ebenfalls eine Sperrminorität von 25 Prozent erreichen, berichtete das Magazin weiter.

SGL ist einer der führenden Hersteller von Carbonfasern. Autobauer reißen sich um diesen Werkstoff, da er leicht und robust ist und in vielen Bereichen Metall ersetzen kann. Dadurch sinkt das Gewicht von Fahrzeugen - und damit auch der Spritverbrauch.

„Wir haben ein essentielles Interesse an SGL“, zitierte das Magazin einen hochrangigen BMW-Manager. Offen sei noch, wie viel Aktien BMW übernehme. Sinnvoll wäre ein Anteil von gut 20 Prozent, so das Magazin, da die Münchener und Klatten zusammen dann mehr als 50 Prozent an SGL hielten. BMW war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

VW wolle BMW aber nicht das Feld überlassen. „Wenn der Preis stimmt, werden wir unseren Anteil erhöhen“, zitierte das Magazin einen Top-Manager von VW. VW hält jüngsten Angaben zufolge 9,9 Prozent an SGL, Voith 9,14 Prozent.

VW war Ende Februar überraschend bei SGL eingestiegen. Es handele sich um eine reine „finanzielle Beteiligung“, hatten die Wolfsburger damals erklärt. BMW-Großaktionärin Klatten reagierte verschnupft und erhöhte wenige Monate später ihren Anteil an SGL.

Karbon, schwarze Magie im Autobau?

Was ist Karbon?

Mit Karbon bezeichnet man in der Automobilherstellung Bauteile, die aus industriell hergestellten Fasern kohlenstoffhaltiger Ausgangsmaterialien stammen. Dabei ist die einzelne Faser zehnmal dünner als ein menschliches Haar. Karbonfasern haben dennoch eine hohe Zugfestigkeit. Um sie für den Einsatz im Fahrzeugbau zu veredeln, müssen die Stränge erst oxidiert und dann bei 1.500 Grad Celsius karbonisiert werden. Für den automobilen Einsatz werden sie anschließend mit Siliciumcarbid kombiniert. Aus den Fasern werden maschinell Gewebe geflochten, rund 500.000 Fasern können dabei pro Quadratzoll ineinander verflochten sein. Diese Gewebematten werden in mehreren Lagen übereinander zu Bauteilen z.B. im Autoklav-Verfahren bei ca. 150 Grad gebacken. Zur Anwendung kommt im Autobau auch verstärkt CFK, das ist kohlefaserverstärkter Kunststoff.

Was sind die Vorteile?

Karbon ist hochfest und sehr leicht. Im BMW M3 spart ein Karbondach fünf Kilo Gewicht an einer für den Fahrzeug-Schwerpunkt relevanten Stelle ein. Beim getunten Mini Cooper S bringt eine Karbon-Motohauben-Diät schon 20 Kilo. Karbon absorbiert außerdem z.B. bei einem Auffahrunfall als Bauteil extrem viel Energie, deswegen wird es bevorzugt im Rennsport eingesetzt. Das Material kann in fast jede beliebige Form gepresst bzw. gebacken werden und es rostet nicht. Bei künftigen Elektroautos ist es wichtig, die Karosserien leichter zu machen, da die Batterien sehr schwer sind.

Warum ist die Herstellung so teuer?

Ein Beispiel: McLaren und Mercedes haben extra für die Produktion des Kofferraumdeckels des SLR Roadsters ein Pressverfahren entwickelt, bei dem die Herstellung von Karbonteilen kaum noch länger dauert als die von Stahlelementen. Doch müssen andere Komponenten mit dem Skalpell ausgeschnitten und aus bis zu 20 Schichten modelliert werden, bevor sie im so genannten Autoklaven bei bis zu 150 Grad unter hohem Druck wie im Schnellkochtopf gebacken werden. Bis zu 20 Stunden für ein Bauteil sind dabei keine Seltenheit. Daher würde eine A-Klasse aus Karbon mindestens doppelt so viel kosten wie eine herkömmliche - und hätte trotzdem keine Chance auf eine Serienfertigung: Die erforderlichen Stückzahlen sind bislang in der Karbon-Fertigung einfach nicht möglich.

Nachteile im Fahrzeugbau

Karbon ist durch die aufwendige Herstellung sehr teuer. Ein Nachteil für den Einsatz im Straßenverkehr ist die Eigenschaft des Materials, bei einem Unfall unkontrolliert zu zersplittern. Die teils sehr scharfen Kanten können zu schweren Verletzungen bzw. Beschädigungen führen. Außerdem kann Karbon nicht einfach repariert werden, - etwa durch schweißen, spachteln, schrauben -, was in jedem Fall einen (teuren) Austausch eines beschädigten Bauteils nötig macht. Dazu kommt die noch ungelöste Frage des Recyclings.

Kommentare (1)

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Heigel

16.10.2011, 17:15 Uhr

Diese neue Grundstruktur von hochbelastbaren, sehr leichten und in jede Form zu bringende Einzelbauteile wird eine einzigartige Welle auch der notwendigen Nachbearbeitung dieser Teile anschieben und auslösen. Insgesamt aber gesehen, wird der Mensch für seine Spielzeuge im Leben (Auto usw.)weniger Energie für die Beschleunigung aufbringen müssen. Und dieses ist schlecht hin ein Meilenstein der Technikevolution im 20zigsten Jahrhundert.

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