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27.10.2016

10:14 Uhr

Volkswagen und Dieselaffäre

VW erhöht Rückstellungen noch einmal

VonStefan Menzel

Die Dieselaffäre drückt weiter auf die Bilanz des Wolfsburger Autokonzerns. Volkswagen erhöht die Vorsorge dafür um weitere 400 Millionen Euro. Im operativen Geschäft läuft es vergleichsweise gut.

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DüsseldorfVolkswagen kann sich immer noch nicht vom Dieselskandal befreien. Die Affäre um manipulierte Abgaswerte hat auch das Ergebnis für das dritte Quartal belastet. VW muss noch einmal weitere 400 Millionen Euro für die Bewältigung des in den USA aufgedeckten Skandals zurücklegen. Damit hat das Unternehmen jetzt Rückstellungen von rund 18 Milliarden Euro wegen der Affäre gebildet. Das dürfte jedoch noch nicht das Ende sein: In Börsen- und Finanzkreisen wird mit einem Betrag von rund 30 Milliarden Euro gerechnet.

Wegen der Dieselaffäre gerät auch die Ingolstädter Premiumtochter immer stärker in den Fokus. In Bayern war der manipulierte Drei-Liter-Motor entwickelt worden, der in den USA in 85.000 Autos der Marken VW, Audi und Porsche eingebaut worden war. Für diese Autos gibt es noch keine Einigung mit den US-Behörden. Auf den Konzern könnten deshalb weitere Milliardenbelastungen zukommen. Der Großteil der neuen Rückstellungen entfällt deshalb auf Audi. Die operative Umsatzrendite nach Sondereinflüssen dürfte bei der Ingolstädter Tochter deshalb im laufenden Geschäftsjahr „deutlich“ unter dem Zielkorridor von acht bis zehn Prozent liegen, teilte Audi am Donnerstag mit. Ende Juli hatte das Unternehmen bereits aus dem gleichen Grund die Erwartung auf einen Wert „leicht“ unterhalb dieser Spanne gesenkt. Am Mittwoch hat Audi auch seinen Rückzug aus dem Rennen von Le Mans angekündigt.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Ohne die zusätzlichen Belastungen aus der Dieselaffäre laufen die Geschäfte im Volkswagen-Konzern vergleichsweise gut. Volkswagen hat im dritten Quartal ungeachtet der Belastungen des Abgasskandals den Betriebsgewinn entgegen der Erwartungen kräftig gesteigert. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg von Juli bis September im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 17 Prozent auf 3,75 Milliarden Euro, wie der Konzern mitteilte. Der Umsatz des Zwölf-Marken-Imperiums lag mit 52 Milliarden Euro ein Prozent über dem Vorjahresniveau. Von Reuters befragte Analysten hatten dagegen bei einem stagnierenden Umsatz mit einem leichten Rückgang des bereinigten Ebit um drei Prozent auf 3,1 Milliarden Euro gerechnet.

„Die Kennzahlen für die ersten drei Quartale unterstreichen die operative Stärke des Markenverbundes der Volkswagen-Gruppe“, sagte Konzernchef Matthias Müller zu dem Ergebnis. Das Unternehmen sei handlungsfähig trotz aller aktueller Belastungen. Die VW-Aktie reagierte positiv auf die neuen Zahlen: Im frühen Handel war das Papier mit einem Plus von 1,7 Prozent Tagesgewinner im Dax.

Unter dem Strich schrieb der Wolfsburger Konzern einen Gewinn von 2,3 Milliarden Euro, nachdem im Vorjahr wegen der ersten Rückstellungen für die Kosten des Abgasskandals ein Verlust von 1,7 Milliarden Euro zu Buche gestanden hatte. „Das Ergebnis ist von Dieselgate belastet. Volkswagen muss den Kunden mit Nachlässen stärker entgegenkommen“, sagt Christian Ludwig, Autoexperte vom Bankhaus Lampe.

Das Vergleichsquartal im Vorjahr war das erste, in dem Rückstellungen für die enormen Folgekosten des Abgasbetrugs von zunächst 6,7 Milliarden Euro gebildet worden waren. Mit einem operativen Verlust von 3,5 Milliarden Euro war der Wolfsburger Konzern im Herbst 2015 erstmals seit 15 Jahren in die roten Zahlen gerutscht.

Kommentare (1)

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Herr Thorben Kaufmann

28.10.2016, 09:09 Uhr

Man kann es bald nicht mehr hören! Dieses Thema hängt doch jedem Klardenker zum Halse raus!
Mittlerweile scheint sich der Plebs daran gewöhnt zu haben, daß mantramäßig über den VW-Konzern geschimpft wird und empfindet es somit auch rechtens, welche Forderungen die USA stellen bzw. was es für Auswirkungen hat, den da trägt ja der VW-Konzern selbst sein verdientes Kreuz.
Den Wirtschaftskrieg, der hier von unsere "Freunden" getrieben wird, bemerkt kaum einer. Ist dem wirklich so, oder bemerkt es nur die Presse nicht? Oder merken es nur die konformistischen Propagandainstitute nicht? Hat jemand schon mal Vergleiche gezogen, was die "Strafzahlungen" anbelangt, wenn sich ein Konzern mal wieder irgend etwas unkoscheres leistet?
Unser großer Bruder darf ja alles niedertrampeln, was ihn stöhrt, seien es Länder, Völker, oder deren Wirtschaft und dann die Länder. Da rufen allerhöchstens noch die Claquere "Bravo"! Das Schema, nach dem die Economic-Hitmen hier vorgehen fällt nicht auf? Wohl deswegen nicht, weil es Alltag geworden ist und es ja allen gut geht - zu gut zum wach bleiben, so scheint es manchmal.
Man muß sich schon sehr wundern, daß immer nur über die Folgen geschrieben und diskutiert wird, nie aber über die eigentliche Intention der "Macher des Dieselgate", womit ich nicht die "Abgaswertbetrüger" meine.
Natürlich gehört "Betrug" geächtet, aber dann sollte man mit gleichem Maß messen. Andere "Betrugsfälle" rutschen mal eben durch, werden nicht benannt, weil man daran kein Interesse hat oder es schaden könnte, wenn es bekannt würde.
Ein riesiger Haufen Lügner spielt Bingo auf Kosten anderer.

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