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30.06.2017

19:30 Uhr

Volkswagen und sein Testgelände

VW gestattet Einblicke in das Allerheiligste

VonStefan Menzel

Wegen der Dieselaffäre verkündet der Volkswagen-Konzern eine neue Offenheit. Sie soll auch im Forschungsbereich sichtbar werden. Deshalb hat der Konzern sein geheimes Testgelände geöffnet. Mit überraschenden Einsichten.

Das Testgelände in Ehra-Lessien, nördlich von Wolfsburg, ist der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich. Imago

Testgelände in Ehra-Lessien

Das Testgelände in Ehra-Lessien, nördlich von Wolfsburg, ist der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich.

Ehra-LessienÜber etliche Kilometer geht es an einem zwei Meter hohen Zaun entlang. Auf der Innenseite gibt es eine Fahrspur für Kontrolleinsätze, auf dem Sandstück dahinter würden die Fußspuren von unerwünschten Eindringlingen sofort erkannt werden. Am Eingangstor macht ein Hinweisschild darauf aufmerksam, dass der „Funkverkehr aufgezeichnet wird“. Stacheldraht schützt zudem das Eingangstor.

Die nächste Ortschaft ist weit weg. Volkswagen hat für sein Testgelände nördlich von Wolfsburg ganz bewusst einen abgeschiedenen Flecken ausgesucht. Die Zugangskontrollen sind streng, niemand darf sein Handy mit auf das Versuchsgelände nehmen.
Plötzlich ist die Stille in dem abgelegenen Waldstück durchbrochen: Volkswagen hat am Freitag sein Allerheiligstes geöffnet, Journalisten dürfen auf das geheime Testgelände in Ehra-Lessien. Der VW-Konzern präsentiert dort seine jüngsten Forschungsergebnisse, die sonst nur dem Vorstand und ausgewählten Führungskräften gezeigt werden.

Die wichtigsten juristischen Baustellen für VW

Aktionärsklagen

Zahlreiche Anleger verlangen von Volkswagen Schadenersatz, weil sie nach dem Bekanntwerden von „Dieselgate“ im September 2015 zunächst hohe Wertverluste bei Aktien und Anleihen hinnehmen mussten. Diese solle ihnen VW erstatten. Ihr Argument: Das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen, die Ad-hoc-Mitteilung dazu sei zu spät gekommen.

Entsprechende Vorwürfe der Marktmanipulation haben nun auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen, sie ermittelt gegen VW-Konzernchef Matthias Müller. Dabei geht es um dessen Amt im Vorstand der Porsche SE, dem Haupteigner von Volkswagen. Auch Müllers Vorgänger Martin Winterkorn sowie der Ex-VW-Finanzvorstand und heutige VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch sind im Visier. Zuvor hatten schon die Braunschweiger Strafverfolger solche Untersuchungen gestartet – dort außerdem gegen den VW-Kernmarken-Chef Herbert Diess. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben.

Das Volumen der bisherigen Anlegerklagen geht bereits in die Milliarden. Am Landgericht Braunschweig soll hierzu ein sogenanntes Kapitalanleger-Musterverfahren laufen, in dem ähnliche Ansprüche aus inzwischen gut 1500 Einzelklagen stellvertretend gebündelt verhandelt werden können. Die Sparkassen-Fondstochter Deka Investment wird dabei Musterklägerin. Das Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen.

Zivilklagen

Auch viele Autobesitzer wollen Entschädigung. In den USA erreichte der Konzern für Hunderttausende betroffene Dieselautos einen Vergleich - allein für die 2,0-Liter-Wagen kostet VW das 14,7 Milliarden Dollar. Händler und US-Bundesstaaten klagten ebenfalls. Zum Vergleich für die größeren 3,0-Liter-Motoren (1,2 Milliarden Dollar) kündigte der zuständige US-Richter seine Zustimmung an.

In Deutschland entschieden verschiedene Gerichte: Die Manipulationen bedeuten keine Pflicht zur Kaufpreis-Erstattung. Doch es gibt auch andere Urteile. Hintergrund ist die Frage, ob die Fälschungs-Software ein so großer Mangel ist, dass Kunden vom Kauf zurücktreten können. Berichten zufolge gibt es landesweit weit über 1000 Einzelklagen.

In zahlreichen Fällen kann es laut Verbraucherschützern problematisch werden, einen konkreten Schaden zu beziffern und ihn zu beweisen. Unabhängig davon gibt es Forderungen, dass VW den Kunden auch in Europa stärker entgegenkommen müsse, etwa aus der EU-Kommission.

Weitere Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem wegen des Verdachts auf Betrug, allein hier geht es - einschließlich eines Verfahrens gegen Winterkorn - um 37 Beschuldigte. Gegen 6 weitere laufen Untersuchungen im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Hinzu kommen Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll. Anklagen gibt es bisher nicht.

In den USA bot ein vom FBI erarbeitetes „statement of facts“ im Januar die Grundlage für einen 4,3 Milliarden Dollar schweren Vergleich in strafrechtlichen Fragen. Unabhängig davon geht es dort aber weiter auch um die Schuld oder Unschuld einzelner Personen. Ein VW-Manager sitzt in Haft, ein langjähriger Ingenieur hat sich in einem Verfahren schuldig bekannt, fünf weitere Mitarbeiter sind angeklagt - darunter der Ex-Entwicklungschef der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer. Auch in anderen Ländern laufen Untersuchungen.

Dass Volkswagen sein Testgelände öffnet, dafür ist im Wesentlichen die Dieselaffäre verantwortlich. Die Präsentation der Konzern-Forscher soll den Kulturwandel unter Beweis stellen, dem sich der Konzern seit dem Bekanntwerden des Abgasskandals verschrieben hat. Dass Journalisten Ehra-Lessien besuchen dürfen, stehe für eine „neue Offenheit“, sagt Volkswagen-Entwicklungschef Ulrich Eichhorn. Der Besuchertag auf dem Testgelände sei zuvor eigens vom Konzernvorstand genehmigt worden.

Die „neue Offenheit“ steht in der Mitte des Testgeländes, gleich neben dem kleinen Tagungszentrum und der „Sciroccohalle“. Volkswagen hat zwei Zugmaschinen der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania vorfahren lassen. Die beiden PS-Kolosse sind selbstfahrende Lastwagen, in denen ein Fahrer nur noch zur Kontrolle sitzt. Wie von unsichtbarer Hand gezogen können die beiden Trucks völlig eigenständig in einen benachbarten Waldweg fahren. Es wirkt ein wenig beängstigend: Der Fahrer greift überhaupt nicht mehr ein, die Lkw schaffen ihren Weg allein durch den Wald. Kein einziger Baum gerät in Gefahr.

Ein wenig mehr Mut muss derjenige mitbringen, der freiwillig in den roten getunten Golf nach GTI-Vorbild steigt. „Race Pilot“ steht auf dem Sondermodell, ein langer schwarzer Streifen ziert das Auto. Das auffällige Äußere macht es deutlich: Hier geht es zur Sache. An diesem Tag hat es stark in Ehra-Lessien geregnet, auf dem großen Platz in der Mitte stehen große tiefe Pfützen.

Das Auto fährt trotzdem mit Tempo 120 in die Kurve, Wasser spritzt auf, dem Beifahrer stockt der Atem. Auch hier greift der Fahrer nicht ein, der Wagen fährt wieder autonom. Das Fahrzeug steckt voll von Elektronik: Das Besondere an diesem Auto ist ein selbstlernendes Fahrwerk, das sich den äußeren Bedingungen anpasst. Dabei helfen Künstliche Intelligenz und Machine Learning. Deshalb bewältigt das Auto problemlos die schlechten Wetterbedingungen an diesem Tag mit dem vielen Regen.

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