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12.06.2015

19:27 Uhr

Volkswagen

VW-Konzern kämpft mit Absatzproblemen

Nach der wochenlangen Führungskrise will Volkswagen wieder zurück in den Alltag finden. Ende April gelang das schon mit glänzenden Quartalszahlen. Inzwischen aber ist klar: Die Verkäufe bereiten VW Sorgen.

Dem VW-Konzern machen trotz glänzender Zahlen Absatzprobleme ernsthaft zu schaffen. dpa

Europas größter Autobauer hadert

Dem VW-Konzern machen trotz glänzender Zahlen Absatzprobleme ernsthaft zu schaffen.

WolfsburgFür den Volkswagen-Konzern kommt es derzeit dicke. Erst mussten sich die Wolfsburger bis Anfang Mai mit der wochenlangen Führungskrise herumschlagen. Dann - just als der Machtkampf zwischen dem VW-Großaktionär Ferdinand Piëch und Konzernboss Martin Winterkorn ausgestanden war - beförderte das Alltagsgeschäft eine kritische Zahl ans Tageslicht: Im April, so musste Volkswagen Mitte Mai einräumen, fiel der Konzernabsatz gegenüber dem Vorjahresmonat um 1,3 Prozent.

Es war das erste Minus seit Dezember 2009. Fünfeinhalb Jahre legte Europas größter Autobauer nur zu. Und nun folgte der Einschnitt. Am Freitag war dann klar: Im Mai fiel das Minus sogar noch größer aus.

Die wichtigste Erklärung ist China, wo der Konzern gut ein Drittel aller Wagen absetzt. Stand per April dort noch ein Mini-Plus von 0,2 Prozent, rauschte die Verkaufszahl per Mai ins Minus auf 1,1 Prozent.

Neben China sind die Verluste der Pkw-Kernmarke ein Problem. Sie verlor im Mai-Vergleich 5,9 Prozent, wie VW bereits am Mittwoch mitteilte. Das ist gut ein Prozentpunkt weniger als zuvor im April.

Die Hausmarke rund um Golf und Passat steht für etwa die Hälfte aller konzernweiten Auslieferungen. Anders als der Gesamtkonzern mit seinen zwölf Marken steckt die Kernmarke schon den achten Monat in Folge im Rückwärtsgang. Allen Verkaufserfolgen der VW-Familie zum Trotz - etwa bei Porsche oder Audi - steht und fällt vor allem mit der Kernmarke der gesamte Absatz der Gruppe, der 2014 die 10-Millionen-Marke brach.

China schwächelt zwar derzeit ganz allgemein. Vorbei sind die zweistelligen Wachstumsraten, momentan herrscht eher Stagnation. Die VW-Kernmarke verlor dort im Mai 3,7 Prozent. NordLB-Analyst Frank Schwope nennt diese Zahlen „nicht überzeugend“. Zwar sei der aktuelle Absatzrückgang auch Produktionsumstellungen in den chinesischen VW-Werken geschuldet. „Andererseits“, sagt Schwope, „ist jedoch nicht auszuschließen, dass sich der rückläufige Trend im Gesamtjahr nachfragebedingt verfestigt. Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten in China dürften vorbei sein“, konstatiert er zum Abschneiden von VW.

China-Vorstand Jochem Heizmann hatte im dpa-Interview vor wenigen Wochen betont, dass nur ein kurzer Dämpfer zu erwarten sei: „Wir planen in den nächsten fünf Jahren mit einem durchschnittlichen Zuwachs von jährlich fünf bis acht Prozent, wobei ich eher den oberen Wert annehmen würde.“ Man wolle beim Marktwachstum mithalten.

Die Mängelliste des Volkswagen-Konzerns

Enormes Tempo

Volkswagen ist unter Konzernchef Martin Winterkorn rasant gewachsen. Seit der Schwabe 2007 das Steuer bei den Wolfsburgern übernahm, wurden der Sportwagenbauer Porsche, die beiden Lkw-Bauer MAN und Scania sowie der Motorradhersteller Ducati in das Imperium eingegliedert. Der Absatz des weltumspannenden Autokonzerns mit inzwischen zwölf Marken kletterte um zwei Drittel auf mehr als zehn Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz stieg erstmals über 200 Milliarden Euro, für VW arbeiten nahezu 600.000 Menschen, fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Bei dem enormen Tempo von VW haben sich allerdings auch zahlreiche Risse aufgetan.

Schwache Rendite

Die Ertragskraft der Wolfsburger Kernmarke VW schwächelt, weil bei ihr ein Großteil der hohen Entwicklungskosten anfallen, von denen andere Marken wie Seat und Skoda profitieren. Vom Umsatz blieben im ersten Quartal 2015 magere zwei Prozent beim Betriebsgewinn hängen. Die Marke mit dem VW-Logo ächzt unter einer zu großen Zahl an Ausstattungsvarianten und Fahrzeugmodellen. Dadurch muss VW gegen hohe Kosten anverdienen, kann seine Wagen jedoch als Massenhersteller nur zu erschwinglichen Preisen verkaufen.

Auch die anderen Pkw-Marken schöpfen nach Meinung von Experten die Möglichkeiten nicht aus, die ein Konzern von der Größe Volkswagens bietet. Zwar profitieren die Wolfsburger bei den Kosten immer mehr von der Baukastentechnik, auf der nun auch der neue Passat und der Familienwagen Touran basieren. Doch tanzt nach Wahrnehmung des Betriebsrats noch so manche Marke bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe. Betriebsratschef Bernd Osterloh glaubt, dass VW wesentlich mehr als die angekündigten fünf Milliarden einsparen könnte, wenn sich alle an die Vorgaben hielten. Insidern zufolge will VW über alle Marken hinweg zehn Milliarden Euro sparen.

Maues US-Geschäft

Auf dem wichtigen US-Markt fristet VW ein Nischendasein - obwohl die Wolfsburger in Chattanooga ein neues Werk errichtet haben. Die Aufholjagd ist ins Stocken geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Denn der extra auf den Geschmack der Amerikaner abgestimmte US-Passat verkauft sich nur schleppend, weil die Konkurrenz ihre Modelle schneller erneuert. Zudem hat VW im Land der Straßenkreuzer und Geländewagen keine entsprechenden Modelle im Angebot. Das rächt sich jetzt, da die Spritpreise niedrig sind. Die von Winterkorn angekündigten großen SUV kommen erst 2016/2017. Bis dahin könnte VW jenseits des Atlantiks vollends ins Abseits geraten, fürchten Experten.

Zu stark in China

Auf dem weltgrößten Automarkt kann VW dagegen seine ganze Stärke ausspielen. In der Volksrepublik sind die Wolfsburger mit fast 40 Prozent Marktführer. Die Stärke kann sich jedoch schnell in ein Risiko verwandeln. Denn der chinesische Markt wächst bei weitem nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. In den ersten Monaten 2015 sanken die Absätze der Kernmarke VW sogar.

Südamerika

In Südamerika, wo die Wolfsburger einst der Konkurrenz davon fuhren, schrumpft der Absatz seit einiger Zeit dramatisch, weil sich der VW zu lange auf dem Erfolg der vergangenen Jahre ausgeruht hat. Piëch soll dies neben anderen Themen im Aufsichtsrat offen angeprangert haben.

Schwerfällige Lkw-Allianz

Die vom mittlerweile als AR-Chef abgetretenen Ferdinand Piëch geforderte Allianz der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania kommt nur schleppend in Gang. Am Montag beschloss der Aufsichtsrat die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. Für mehr Bewegung soll nun der von Daimler zu VW gewechselte Lkw-Boss Andreas Renschler sorgen.

Keine Billigautos

Seit Jahren versuchen die Wolfsburger vergeblich, im Billigsegment Fuß zu fassen. Die Hoffnungen, dies zusammen mit Suzuki zu schaffen, sind geplatzt, weil sich der japanische Kleinwagenspezialist von VW dominiert sah. Aus der angestrebten Partnerschaft wurde ein Rosenkrieg. Währenddessen machen andere wie der französische Konkurrent Renault mit seiner Billigtocher Dacia das Geschäft. VW hat Insidern zufolge zuletzt mit dem chinesischen Hersteller Great Wall über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung günstiger Autos gesprochen.

Bis 2019 steckten 22 Milliarden Euro an Investitionen für China in der Pipeline - vier Milliarden mehr als in der vorherigen Planungsrunde. „Wir könnten mehr verkaufen, wenn wir mehr Kapazitäten hätten“, sagte Heizmann. Die Chinesen arbeiteten mehr als 300 Tage im Jahr. Da mangele es an freien Tagen, um neue Modelle in der Fabrik einzuführen und die Bänder entsprechend umstellen zu können.

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