Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.04.2016

09:00 Uhr

Volkswagen

VW schwört US-Händler auf bessere Zeiten ein

VonAstrid Dörner

VW-Markenchef Herbert Diess sucht in Las Vegas die Nähe seiner US-Händler: Er will enger mit ihnen zusammenarbeiten und peilt nach Dieselgate „konsistentes Wachstum“ in Amerika an. Doch viele Details bleiben offen.

Die Händler in den USA fordern eine ganze Reihe von neuen Maßnahmen aus Wolfsburg. dpa

Volkswagen-Logo

Die Händler in den USA fordern eine ganze Reihe von neuen Maßnahmen aus Wolfsburg.

Las VegasOhne Bodyguards, ohne Entourage: Auf einem Empfang der amerikanischen VW-Händler in Las Vegas mischen sich VW-Markenchef Herbert Diess und der neue Nordamerika-Chef Hinrich Woebcken unters Volk. Ganz „Down to Earth“, wie man in Amerika sagt. Bei den Händlern, die am Wochenende zur Jahrestagung nach Las Vegas gereist sind, um mit den VW-Managern über die Zukunft zu diskutieren, kommt das gut an. „So etwas hat es unter Winterkorn nicht gegeben“, sagt Autohändler Miles Brandon, der bereits seit 19 Jahren in San Juan Capistrano südlich von Los Angeles VWs verkauft.

Diess und Woebcken sind gekommen, um die 652 unabhängigen Händler in den USA zu beruhigen. Die Lage ist nach dem Dieselskandal angespannt. Der überraschende Abgang von US-Chef Michael Horn hat die Händler zusätzlich verunsichert. Einige überlegen gar, Volkswagen zu verklagen, um für die finanziellen Einbußen durch die Abgasmanipulationen entschädigt zu werden – ein Schritt, der in der Branche als Hofverrat gilt und nur im äußersten Notfall denkbar ist.

„Wir arbeiten daran, die Marke Volkswagen in den USA neu zu definieren.“ dpa

Herbert Diess

„Wir arbeiten daran, die Marke Volkswagen in den USA neu zu definieren.“

Ein auf Autobauer spezialisierter Anwalt hat einen Klageentwurf bereits vorbereitet. Nur für den Fall der Fälle und als Drohkulisse. „Der überwältigende Mehrheit der Händler ist sich einig, dass es derzeit nicht in unserem Interesse ist, über den Weg einer Klage zu gehen“, sagt Jason Kuhn, ein Autohändler aus Tampa im US-Bundesstaat Florida. Kuhn gehört zu einem neuen, fünfköpfigen Investmentkomitee, das stellvertretend für die Autohändler Entschädigungszahlungen mit VW aushandeln soll. Eine Summe wurde am Wochenende noch nicht genannt. Gespräche mit VW sollen „so schnell wie möglich“ beginnen, versicherte Kuhn.

Das Geschäft ist seit Beginn des Skandals im September um durchschnittlich 25 Prozent eingebrochen, sagt der Chef des US-Händlerverbandes, Alan Brown. Dabei wächst der Automarkt gerade so schnell wie selten zuvor.

Die Händler fordern eine ganze Reihe von neuen Maßnahmen aus Wolfsburg. Immer noch ist ungeklärt, wie die gut 500.000 betroffenen Fahrzeuge in den USA repariert werden sollen. Diess und Woebcken dürfen darüber selbst mit den Händlern nicht sprechen – der zuständige Richter hat VW bis zum 21. April Stillschweigen verordnet. Dann soll der Autobauer eine umfassende Einigung mit den Umweltbehörden und den betroffenen Autofahrern präsentieren. Auch fordern sie dringend neue Modelle.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Woebcken und Diess blicken derweil optimistisch nach vorn. „Wir arbeiten daran, die Marke Volkswagen in den USA neu zu definieren“, sagte Diess nach dem Händlertreffen. Der Absatz soll konstant und „über die Niveaus der Vergangenheit hinauswachsen.“ Dabei will Diess eng mit den Händlern zusammenarbeiten. „Mehr denn je wollen wir ihre Ideen und Bedürfnisse bei unseren Entscheidungen berücksichtigen“, versicherte er. Es ist ein wichtiges Signal. VW wurde in den vergangenen Jahren immer wieder vorgeworfen, den US-Markt nicht gut genug zu kennen. So hat VW in den vergangenen Jahren den Trend zu SUVs in den USA verpasst.

Kunden lieben ihren Diesel

Doch viele Details bleiben offen. Der Händlerverband fordert, den Absatz in den USA so schnell wie möglich auf 500.000 Stück pro Jahr hochzufahren. Nur so könnten sowohl VW als auch die Händler in den USA profitabel sein. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Im vergangenen Jahr verkaufte VW knapp 350.000 Fahrzeuge in den USA. Unter dem ehemaligen Chef Martin Winterkorn waren ursprünglich 800.000 Fahrzeuge angepeilt – bis 2018.

Ob die Produktion auf 500.000 Fahrzeuge pro Jahr angekurbelt wird, darauf wollte sich Diess nicht festnageln lassen, berichten Teilnehmer der Konferenz. Er habe jedoch versichert, die Händler kurzfristig mit deutlich mehr Fahrzeugen zu versorgen. Besonders gut verkauften sich im März der Golf Sportwagen, ein Kombi-Modell und der SUV Tiguan. Insgesamt sind die Absätze in den USA jedoch weiter eingebrochen. Bereits im März hatte VW bestätigt, künftig stärker auf SUVs zu setzen. Ende des Jahres soll ein Siebensitzer-Geländewagen im Werk in Chattanooga gebaut werden. Zudem soll der Tiguan als Langversion auf den US-Markt kommen.

Unklar ist die Zukunft der Diesel-Fahrzeuge in den USA, die vor der Krise gut ein Viertel der Verkäufe ausgemacht hatten. Derzeit kann VW keine Diesel-Modelle mehr anbieten, solange mit den Umweltbehörden keine Einigung gefunden ist. Händler Miles Brandon hofft darauf, dass die Diesel zurückkommen. „Viele meiner Kunden lieben ihren Diesel und statt auf Benziner oder E-Autos umzuschwenken, warten sie erst einmal ab, was passiert.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×