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17.07.2015

20:13 Uhr

Volkswagen

VW-Verkäufe bleiben auf Talfahrt

Der besonders in China erfolgsverwöhnte VW-Konzern muss nach Jahren der Rekorde zurückschalten. Die Flaute im Reich der Mitte zieht die Auslieferungen ins Minus. Auch andere Märkte schwächeln seit längerem erheblich.

Der Volkswagen-Konzern hat ein Absatzproblem. dpa

VW-Absatz im Minus

Der Volkswagen-Konzern hat ein Absatzproblem.

WolfsburgNach Jahren der ungebremsten Rekordfahrt steht beim Volkswagen-Konzern die Halbjahresbilanz der Verkäufe im Minus. Damit muss der Dax-Riese ausgerechnet kurz vor seinen jüngsten Zahlen zum zweiten Quartal Ende dieses Monats einen anhaltend negativen Trend einräumen.

Nachdem die Auslieferungen wegen Rückgängen im April und Mai auf Fünfmonatssicht bereits nur noch stagniert hatten, zog nun ein spürbares Juni-Minus von 4,3 Prozent Europas größten Autobauer nach sechs Monaten sogar auf Talfahrt: Per Juni liegen die Verkäufe des Zwölf-Marken-Konzerns im Vergleich mit dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres um 0,5 Prozent im Minus. Das teilten die Wolfsburger am späten Freitagabend erst nach Börsenschluss mit.

Per Mai stand bereits nur noch ein Miniwachstum (plus 0,3 Prozent) in der globalen Auslieferungsbilanz. Der April hatte 1,3 Prozent Minus ergeben, im Mai wuchs der Rückgang auf 2,6 Prozent an. Nun folgte zur Halbzeit 2015 mit den gut 4 Prozent ein noch dickeres Juni-Minus.

Mit dem Bruch reißt bei Volkswagen eine rund fünfeinhalb Jahre lange Erfolgsgeschichte ab. Vor dem aktuellen Minus diesen Frühling hatte es zuletzt Ende 2009 Verluste gegeben. Die Gründe sind bekannt: Vor allem das fehlende Tempo in China und teils dramatische Einbrüche auf anderen Märkten würgen derzeit den jahrelangen Absatz-Höhenflug ab, mit dem Volkswagen den Konkurrenten General Motors überholte und 2014 nah an den Weltmarktführer Toyota heranrückte.

„Angespannt bleibt neben Südamerika und Russland auch die Entwicklung in China. (...) Diesen aktuellen Marktveränderungen konnte sich vor allem die Marke Volkswagen-Pkw als Marktführer nicht entziehen“, sagte Vertriebsvorstand Christian Klingler zur Begründung der Zahlen.

Denn Europas Branchenprimus fand auch mit seiner Pkw-Kernmarke keinen Ausweg aus der Talfahrt. Im Juni sank die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat fast zweistellig um 8,6 Prozent auf 470 700 Stück. Die Hausmarke VW-Pkw rund um Golf und Passat steckt damit nunmehr schon seit neun Monaten in Folge im Rückwärtsgang. Zum Halbjahr 2015 steht ein Minus von 3,9 Prozent (per Mai minus 3,0 und per April minus 2,2 Prozent).

Die Mängelliste des Volkswagen-Konzerns

Enormes Tempo

Volkswagen ist unter Konzernchef Martin Winterkorn rasant gewachsen. Seit der Schwabe 2007 das Steuer bei den Wolfsburgern übernahm, wurden der Sportwagenbauer Porsche, die beiden Lkw-Bauer MAN und Scania sowie der Motorradhersteller Ducati in das Imperium eingegliedert. Der Absatz des weltumspannenden Autokonzerns mit inzwischen zwölf Marken kletterte um zwei Drittel auf mehr als zehn Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz stieg erstmals über 200 Milliarden Euro, für VW arbeiten nahezu 600.000 Menschen, fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Bei dem enormen Tempo von VW haben sich allerdings auch zahlreiche Risse aufgetan.

Schwache Rendite

Die Ertragskraft der Wolfsburger Kernmarke VW schwächelt, weil bei ihr ein Großteil der hohen Entwicklungskosten anfallen, von denen andere Marken wie Seat und Skoda profitieren. Vom Umsatz blieben im ersten Quartal 2015 magere zwei Prozent beim Betriebsgewinn hängen. Die Marke mit dem VW-Logo ächzt unter einer zu großen Zahl an Ausstattungsvarianten und Fahrzeugmodellen. Dadurch muss VW gegen hohe Kosten anverdienen, kann seine Wagen jedoch als Massenhersteller nur zu erschwinglichen Preisen verkaufen.

Auch die anderen Pkw-Marken schöpfen nach Meinung von Experten die Möglichkeiten nicht aus, die ein Konzern von der Größe Volkswagens bietet. Zwar profitieren die Wolfsburger bei den Kosten immer mehr von der Baukastentechnik, auf der nun auch der neue Passat und der Familienwagen Touran basieren. Doch tanzt nach Wahrnehmung des Betriebsrats noch so manche Marke bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe. Betriebsratschef Bernd Osterloh glaubt, dass VW wesentlich mehr als die angekündigten fünf Milliarden einsparen könnte, wenn sich alle an die Vorgaben hielten. Insidern zufolge will VW über alle Marken hinweg zehn Milliarden Euro sparen.

Maues US-Geschäft

Auf dem wichtigen US-Markt fristet VW ein Nischendasein - obwohl die Wolfsburger in Chattanooga ein neues Werk errichtet haben. Die Aufholjagd ist ins Stocken geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Denn der extra auf den Geschmack der Amerikaner abgestimmte US-Passat verkauft sich nur schleppend, weil die Konkurrenz ihre Modelle schneller erneuert. Zudem hat VW im Land der Straßenkreuzer und Geländewagen keine entsprechenden Modelle im Angebot. Das rächt sich jetzt, da die Spritpreise niedrig sind. Die von Winterkorn angekündigten großen SUV kommen erst 2016/2017. Bis dahin könnte VW jenseits des Atlantiks vollends ins Abseits geraten, fürchten Experten.

Zu stark in China

Auf dem weltgrößten Automarkt kann VW dagegen seine ganze Stärke ausspielen. In der Volksrepublik sind die Wolfsburger mit fast 40 Prozent Marktführer. Die Stärke kann sich jedoch schnell in ein Risiko verwandeln. Denn der chinesische Markt wächst bei weitem nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. In den ersten Monaten 2015 sanken die Absätze der Kernmarke VW sogar.

Südamerika

In Südamerika, wo die Wolfsburger einst der Konkurrenz davon fuhren, schrumpft der Absatz seit einiger Zeit dramatisch, weil sich der VW zu lange auf dem Erfolg der vergangenen Jahre ausgeruht hat. Piëch soll dies neben anderen Themen im Aufsichtsrat offen angeprangert haben.

Schwerfällige Lkw-Allianz

Die vom mittlerweile als AR-Chef abgetretenen Ferdinand Piëch geforderte Allianz der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania kommt nur schleppend in Gang. Am Montag beschloss der Aufsichtsrat die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. Für mehr Bewegung soll nun der von Daimler zu VW gewechselte Lkw-Boss Andreas Renschler sorgen.

Keine Billigautos

Seit Jahren versuchen die Wolfsburger vergeblich, im Billigsegment Fuß zu fassen. Die Hoffnungen, dies zusammen mit Suzuki zu schaffen, sind geplatzt, weil sich der japanische Kleinwagenspezialist von VW dominiert sah. Aus der angestrebten Partnerschaft wurde ein Rosenkrieg. Währenddessen machen andere wie der französische Konkurrent Renault mit seiner Billigtocher Dacia das Geschäft. VW hat Insidern zufolge zuletzt mit dem chinesischen Hersteller Great Wall über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung günstiger Autos gesprochen.

China ist der wichtigste Markt für den VW-Konzern und vor allem für die Kernmarke VW-Pkw. Konzernweit steht das Reich der Mitte per Juni bei minus 3,9 Prozent, für VW-Pkw sind es minus 6,7 Prozent.

Branchenexperte Stefan Bratzel hatte mit Blick auf China der dpa vor wenigen Tagen gesagt: „Es herrscht dort im Moment eine gewisse Ratlosigkeit. Die Frage ist, ob die Verkaufsrückgänge nur eine vorübergehende Delle sind oder ob sich das länger zieht.“ Für den gesamten VW-Konzern entfällt gut ein Drittel des Absatzes auf China. Am 29. Juli legt Volkswagen seine finanzielle Halbjahresbilanz vor.

Von

dpa

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