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09.05.2015

16:02 Uhr

Volkswagen

Winterkorn packt den Umbau an

VW ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und auf dem Weg an die Weltmarktspitze. Intern mehren sich aber Zweifel, ob das Riesenreich noch steuerbar ist. Konzernchef Winterkorn geht nun die Neustrukturierung an.

VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn: „Wir bereiten den Konzern jetzt auf die kommenden zehn, zwanzig Jahre vor.“ dpa

Hauptversammlung von VW

VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn: „Wir bereiten den Konzern jetzt auf die kommenden zehn, zwanzig Jahre vor.“

HamburgVolkswagen-Chef Martin Winterkorn geht nach dem überstandenem Machtkampf mit Firmenpatriarch Ferdinand Piëch den Umbau des Wolfsburger Autoimperiums an. Der Konzernchef habe dem Spitzenmanagement bereits am Donnerstag in Wolfsburg seine Vorstellungen dazu präsentiert. „Herr Winterkorn hat dort die Zukunft des Konzerns beschrieben und das Thema Neustrukturierung platziert“, sagte ein Sprecher. Details der Pläne, die bis Oktober vorgestellt werden sollen, nannte der Sprecher nicht.

„Es ist an der Zeit, unser Führungsmodell weiterzuentwickeln und die Strukturen und Aufgaben ein Stück weit neu zu ordnen. Wir müssen schneller, effizienter und beweglicher werden“, sagte Winterkorn nach Angaben eines Teilnehmers bei der kurzfristig einberufenen Management-Sitzung, die die weltweit in die Standorte des Konzerns übertragen wurde. „Wir bereiten den Konzern jetzt auf die kommenden zehn, zwanzig Jahre vor.“

Volkswagen ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Mit weltweit zuletzt mehr als zehn Millionen ausgelieferten Fahrzeugen sind die Niedersachsen zwar auf dem Sprung, den Dauerrivalen Toyota von der Weltmarktspitze zu verdrängen. Intern mehren sich allerdings Zweifel, ob das Riesenreich mit seinen zwölf Marken und weltweit fast 600.000 Mitarbeitern noch steuerbar ist. Deshalb werden schon seit einiger Zeit Modelle durchgespielt, wie Volkswagen anders organisiert werden könnte.

Die Mängelliste des Volkswagen-Konzerns

Enormes Tempo

Volkswagen ist unter Konzernchef Martin Winterkorn rasant gewachsen. Seit der Schwabe 2007 das Steuer bei den Wolfsburgern übernahm, wurden der Sportwagenbauer Porsche, die beiden Lkw-Bauer MAN und Scania sowie der Motorradhersteller Ducati in das Imperium eingegliedert. Der Absatz des weltumspannenden Autokonzerns mit inzwischen zwölf Marken kletterte um zwei Drittel auf mehr als zehn Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz stieg erstmals über 200 Milliarden Euro, für VW arbeiten nahezu 600.000 Menschen, fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Bei dem enormen Tempo von VW haben sich allerdings auch zahlreiche Risse aufgetan.

Schwache Rendite

Die Ertragskraft der Wolfsburger Kernmarke VW schwächelt, weil bei ihr ein Großteil der hohen Entwicklungskosten anfallen, von denen andere Marken wie Seat und Skoda profitieren. Vom Umsatz blieben im ersten Quartal 2015 magere zwei Prozent beim Betriebsgewinn hängen. Die Marke mit dem VW-Logo ächzt unter einer zu großen Zahl an Ausstattungsvarianten und Fahrzeugmodellen. Dadurch muss VW gegen hohe Kosten anverdienen, kann seine Wagen jedoch als Massenhersteller nur zu erschwinglichen Preisen verkaufen.

Auch die anderen Pkw-Marken schöpfen nach Meinung von Experten die Möglichkeiten nicht aus, die ein Konzern von der Größe Volkswagens bietet. Zwar profitieren die Wolfsburger bei den Kosten immer mehr von der Baukastentechnik, auf der nun auch der neue Passat und der Familienwagen Touran basieren. Doch tanzt nach Wahrnehmung des Betriebsrats noch so manche Marke bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe. Betriebsratschef Bernd Osterloh glaubt, dass VW wesentlich mehr als die angekündigten fünf Milliarden einsparen könnte, wenn sich alle an die Vorgaben hielten. Insidern zufolge will VW über alle Marken hinweg zehn Milliarden Euro sparen.

Maues US-Geschäft

Auf dem wichtigen US-Markt fristet VW ein Nischendasein - obwohl die Wolfsburger in Chattanooga ein neues Werk errichtet haben. Die Aufholjagd ist ins Stocken geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Denn der extra auf den Geschmack der Amerikaner abgestimmte US-Passat verkauft sich nur schleppend, weil die Konkurrenz ihre Modelle schneller erneuert. Zudem hat VW im Land der Straßenkreuzer und Geländewagen keine entsprechenden Modelle im Angebot. Das rächt sich jetzt, da die Spritpreise niedrig sind. Die von Winterkorn angekündigten großen SUV kommen erst 2016/2017. Bis dahin könnte VW jenseits des Atlantiks vollends ins Abseits geraten, fürchten Experten.

Zu stark in China

Auf dem weltgrößten Automarkt kann VW dagegen seine ganze Stärke ausspielen. In der Volksrepublik sind die Wolfsburger mit fast 40 Prozent Marktführer. Die Stärke kann sich jedoch schnell in ein Risiko verwandeln. Denn der chinesische Markt wächst bei weitem nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. In den ersten Monaten 2015 sanken die Absätze der Kernmarke VW sogar.

Südamerika

In Südamerika, wo die Wolfsburger einst der Konkurrenz davon fuhren, schrumpft der Absatz seit einiger Zeit dramatisch, weil sich der VW zu lange auf dem Erfolg der vergangenen Jahre ausgeruht hat. Piëch soll dies neben anderen Themen im Aufsichtsrat offen angeprangert haben.

Schwerfällige Lkw-Allianz

Die vom mittlerweile als AR-Chef abgetretenen Ferdinand Piëch geforderte Allianz der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania kommt nur schleppend in Gang. Am Montag beschloss der Aufsichtsrat die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. Für mehr Bewegung soll nun der von Daimler zu VW gewechselte Lkw-Boss Andreas Renschler sorgen.

Keine Billigautos

Seit Jahren versuchen die Wolfsburger vergeblich, im Billigsegment Fuß zu fassen. Die Hoffnungen, dies zusammen mit Suzuki zu schaffen, sind geplatzt, weil sich der japanische Kleinwagenspezialist von VW dominiert sah. Aus der angestrebten Partnerschaft wurde ein Rosenkrieg. Währenddessen machen andere wie der französische Konkurrent Renault mit seiner Billigtocher Dacia das Geschäft. VW hat Insidern zufolge zuletzt mit dem chinesischen Hersteller Great Wall über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung günstiger Autos gesprochen.

Gleichzeitig nimmt die Vernetzung von Autos zu, die Digitalisierung schreitet voran. Zudem fordern IT-Unternehmen wie Google und Apple die klassischen Automobilhersteller heraus, indem sie selbstfahrende Fahrzeuge entwickeln. Vor diesem Hintergrund hatte Winterkorn bereits vor einem Jahr Gedanken an eine Neustrukturierung des Wolfsburger Konzerns anklingen lassen.

Unklar ist noch, wie die neue Struktur aussehen soll. Reuters hatte unlängst berichtet, Winterkorn könnte ein Modell wiederbeleben, die unter seinem Vorgänger Bernd Pischetsrieder entwickelt wurde: die sogenannten Markenwelten. Mit ihnen hatte Winterkorn bei seinem Amtsantritt vor acht Jahren experimentiert. Damals hatte er die Pkw-Marken zunächst in eine Premiumgruppe mit Audi, Bentley, Bugatti und Lamborghini und eine mit VW, Skoda und Seat zusammengefasst. Nun könnten bestimmte Marken nach dem jeweiligen Baukastenprinzip zusammengefasst werden, das sie verwenden. Insgesamt gibt es davon drei: den Modularen Querbaukasten (MQB) für Fahrzeuge vom Golf bis zum Passat, den Längsbaukasten (MLB) für größere Wagen von Audi und den Sportbaukasten. Denkbar ist, dass sich Winterkorn dieses Prinzip auch bei der Organisation des Vorstands zu eigen macht. Den Einstieg in eine stärkere Dezentralisierung hatte der Konzern vor kurzem mit der Gründung Holding für die beiden Lkw-Töchter MAN und Scania gemacht. Die Dachgesellschaft wird von dem früheren Daimler -Manager Andreas Renschler geleitet.

Von

rtr

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